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In „Gottes falsche Anwälte“ kritisiert der Islamwissenschaftler und Soziologe Prof. Mouhanad Khorchide den Islam als „Religion der Unterwerfung“. „Ein starker Wurf“ und „im besten Sinne Aufklärungsliteratur“, meint SWR2-Kritiker Ulrich Pick zu dem neuen Buch vom Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster.

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Durch Manipulationen zu einer Religion der Unterwerfung mutiert

Mouhanad Khorchide skizziert nicht nur die Kalamitäten, in denen sich seine eigene Religion, der Islam, befindet, sondern bietet gleichzeitig auch – frei nach Kant - einen Weg aus deren „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ an. Die ersten zehn Kapitel beschreiben den Status Quo – klar und unmissverständlich. So wurde der Islam laut Khorchide spätestens seit der Etablierung des Kalifats durch die Ummayaden im Jahr 661 – also knapp 30 Jahre nach Tod des Propheten Mohammad – durch vielfache Manipulationen zu einer Religion der Unterwerfung.

Die Struktur der Unterwerfung ist nach Khorchide sichtbar ...

  • Im Herrscherkult der Religionsführer
  • in der gezielten Verwicklung der Religion mit der Politik
  • in der Etablierung eines Gottesbildes, das Rache und Strafe über Barmherzigkeit stellt
  • in der Degradierung der Frau zu einer Person zweiten Grades.

„Das große Dilemma des Islams heute besteht darin, dass sein Selbstverständnis als Religion der Unterwerfung, die in den Menschen lediglich Objekte des Gehorsams und nicht Subjekte der Liebe sieht, zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Ein Selbstverständnis, das nicht mehr infrage gestellt wird – schon gar nicht von den Gläubigen selbst.“

Mouhanad Khorchide: Gottes falsche Anwälte, Seite 8

Historischer Kontext des Koran wurde ausgeblendet

Selbst der Koran, so Khorchide, wurde zu einem Mittel der Manipulation und Unterwerfung gemacht. Und zwar, indem man seinen historischen Kontext ausblendete und die juristisch-normative Interpretation über die ethisch-spirituelle stellte – was vor allem im politischen Islam sichtbar wird.

„Aus dem Koran können wir Werte der Gerechtigkeit und der sozialen Sicherheit sowie der Verantwortlichkeit und des Mitspracherechts ableiten, aber keinerlei Vorstellungen über ein bestimmtes politisches System.“

Mouhanad Khorchide: Gottes falsche Anwälte, Seite 63

Vorschläge zur Überwindung der Misere des Islams

Der ebenso profunden wie radikalen Kritik am momentanen Erscheinungsbild des Islams folgen in weiteren zehn Kapitel Vorschläge, wie seine Misere überwunden werden könnte. Dabei setzt der Münsteraner Islamwissenschaftler auf zwei Schlüsselbegriffe: Erstens die Vernunft, durch welche sich die Religion Einsicht verschaffen kann und zweitens die Liebe Gottes, die als Voraussetzung und innerer Impuls menschlicher Freiheit dient.

„Gerade wir Muslime müssen dringend ein kollektives Bewusstsein entwickeln, dass unser Gott weder gewalttätig noch sadistisch ist, dass er kein Gott ist, der Menschen mit Mitteln der Angst und Drohung zu sich ruft. Wir müssen verstehen, dass wir Muslime es sind, die Tag für Tag diese Angstmentalität reproduzieren, wenn wir Gott aus Angst anbeten.“

Mouhanad Khorchide: Gottes falsche Anwälte, Seite 182

Nicht nur sozio-kulturelle, sondern auch theologische Kritik

Dass Khorchide in seine Analyse auch das Gottesbild des Islams einbezieht, ist eine der großen Stärken des Buches. Denn es beschränkt sich nicht wie viele andere auf die sozio-kulturelle Erscheinungsform der Religion, sondern nimmt erfreulicherweise auch ihre Theologie unter die Lupe. Dass hierbei eine nahezu überbordende Zahl an Belegen und Quellen Eingang gefunden hat, unterstreicht die Vorzüge des Werkes.

Gleichwohl können genau diese vielen Zahlen und Hinweise aber auch erschlagend wirken – vor allem bei den Lesern, die sich erstmals mit der Geschichte und Theologie des Islams befassen. Deshalb sei dem Verlag ans Herz gelegt, auch noch eine schmalere und weniger wissenschaftliche Version dieses Bandes herauszubringen. Auf dass dieses empfehlenswerte Buch möglichst viel Zuspruch bekommt.

Leiter des Zentrums für Islamische Theologie, Universität Münster

Prof. Mouhanad Khorchide, geb. 1971 in Beirut, aufgewachsen in Saudi-Arabien, studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien. Khorchide ist Professor für Islamische Religionspädagogik und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, dem größten Zentrum dieser Art in Deutschland.

Khorchide hat in den vergangenen Jahren immer wieder von sich Reden gemacht – vor allem, indem er sich für einen reformorientierten Islam eingesetzte und sich so immer wieder den Ärger der großen, konservativ orientierten islamischen Verbände in Deutschland einhandelte.

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