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INTERVIEW

Gespräch mit SWR2-Literaturredakteurin Katharina Borchardt

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Ein medialer Paukenschlag – das ist die Publikation eines Gedichtes von Marieke Lucas Rijneveld. Auf einen Streich erschien ihr Text „Alles bewohnbar“ in den führenden Medien der Niederlande, Belgien, England und Frankreich. Auch eine deutsche Übersetzung gibt es; sie steht heute in der FAZ.

Darf eine Weiße die Gedichte von Amanda Gorman übersetzen?

In ihrem Gedicht reagiert Marieke Lucas Rijneveld auf die Anfeindungen, die in den sozialen Medien losbrachen nachdem sie den Auftrag erhalten hatte, das Gedicht „The Hill We Climb“ von Amanda Gorman ins Niederländische zu übertragen. Dieses Gedicht hatte Gorman im Januar bei der Inauguration von Joe Biden vor dem Capitol vorgetragen.

Gorman selbst war mit Rijneveld als Übersetzerin völlig zufrieden, doch einige ihrer Anhängerinnen fanden die Entscheidung unangemessen. Rijneveld sei als Weiße nicht in der Lage, die Gefühle einer jungen Afroamerikanerin zu verstehen, hieß es. Die Niederländerin sagte den Auftrag darum wieder ab und zog sich zurück.

Rijneveld fragt nach den gemeinsamen Werten

In ihrem Gedicht „Alles bewohnbar“ äußert sie sich nun zum ersten Mal wieder in der Öffentlichkeit. Darin unterzieht sie sich einer Selbstbefragung. Sie überprüft ihre eigenen Werte, gesteht ein, den Schmerz der Anderen nicht ausreichend gesehen zu haben, bekräftigt ihren Rückzug noch einmal und endet damit, dass man doch eigentlich dieselben Ziele verfolge, nämlich nach Versöhnung und Verbrüderung strebe.

es geht darum, dich
hineinzuversetzen, das Kummermeer hinter den Augen
des andern zu sehen, die wuchernde Wut bis dorthinaus,
du willst sagen, dass du vielleicht nicht alles verstehst, dass du
sicher nie ganz den richtigen Nerv triffst, aber dass du es sehr wohl
fühlst, ja, du fühlst es, mag der Unterschied auch zollbreit sein.

SWR2-Literaturredakteurin Katharina Borchardt hat den Text gelesen und sieht in ihm einen Mix aus Kampflied und Altem Testament.

Zugleich ist er als innere Selbstbefragung auch ein Stück protestantische Bekenntnisliteratur, was ungebrochen in den Erzählkosmos der streng christlich aufgewachsenen Marieke Lucas Rijneveld passt.

Interessant ist, dass der Text selbst von Mitgefühl, Demut und Bescheidenheit kündet, zugleich aber sehr medienwirksam in ganz Westeuropa veröffentlicht wurde. Ein poetischer PR-Coup.

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