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Wer zur Zeit seinen Debütroman veröffentlicht, den trifft es besonders hart: Benjamin Quaderers Roman „Für immer die Alpen“ kam am 9. März heraus, am Tag darauf wurden die Lesungen abgesagt. Jasmin Schreiber liest nur online aus ihrem Debüt „Marianengraben“. In SWR2 erzählen die beiden Nachwuchsautor*innen über ihre Startschwierigkeiten im Büchermarkt in Zeiten der Corona-Pandemie.

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Absage der Lesungen am Tag nach der Veröffentlichung

Fünf Jahre lang saß Debütautor Benjamin Quaderer an seinem Roman „Für immer die Alpen“. Die Geschichte eines Hochstaplers und Datendiebes aus Liechtenstein. Die Buchpremiere war am 9. März, am Tag darauf wurden die ersten Lesungen abgesagt – wegen Corona. Plötzlich war der Terminkalender von Benjamin Quaderer ziemlich leer und die Enttäuschung groß:

„Ich hab mich wahnsinnig auf diese Lesungen gefreut. Dass ich mal aus meinem Kopf und dem, was ich mir zusammengedacht habe, herauskommen und mit Leuten darüber ins Gespräch kommen kann, das fällt weg. Wahnsinnig schwierig ….„

Benjamin Quaderer

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Keine Lesungen, keine Aufmerksamkeit, kein Geld

25 Lesungen hätte Benjamin Quaderer bis in den Sommer gehabt: In Österreich, der Schweiz und auch in den USA. Und nun: Alle Termine bis Anfang Mai abgesagt. Wie es im Sommer weitergeht, das weiß niemand. Der Ausfall von Lesungen ist ein großer finanzieller Einschnitt. Denn die meisten Autor*innen verdienen damit den Großteil ihres Geldes. Debütant*innen bekommen 200 bis 400 Euro pro Abend. Bei 20 abgesagten Terminen verlieren sie eine Summe im höheren vierstelligen Bereich.

Das Problem ist aber nicht nur das fehlende Geld: Um sich langfristig einen Platz im Literaturbetrieb zu sichern, ist auch Aufmerksamkeit für das erste Buch wichtig. Die bekommt man mit Rezensionen und eben mit der Ochsentour durch Literaturhäuser und Buchhandlungen. Jetzt, wo alles zu ist, wird Neues im Netz ausprobiert.

Online-Lesungen erreichen nur Leser*innen, die schon Fans sind

Nachwuchsautorin Jasmin Schreiber liest online aus ihrem Debüt „Marianengraben“. Ein Buch über das Sterben und eine ungewöhnliche Freundschaft. Ende Februar der Roman erschienen und bekam viele positive Kritiken. Als klar war, dass Jasmin Schreibers Lesungen ausfallen, hat sie sofort reagiert und auf der Online-Plattform „Twitch“ live und gratis gelesen. Der Haken: Dort erreicht sie vor allem Fans, die sie sowieso schon kennen. Ältere Leute, die zu Lesungen vor Ort gekommen sind, schauen bei Twitch nicht zu. Mit den Älteren hätte sie aber über ihr Buch ganz anders sprechen können als mit jungen Leute, sagt Jasmin Schreiber.

„Ich verliere ich einen großen Teil meines potenziellen Publikums. Und als jemand, der noch keine Stammleserschaft hat, ist das nicht so optimal.“

Jasmin Schreiber

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Austausch und Gespräch notwendig zur Selbstreflexion

Auf Dauer sind Online-Lesungen keine Lösung. Literatur lebt nun einmal davon, dass sie nicht nur im stillen Kämmerchen gelesen wird, sondern auch im öffentlichen Raum diskutiert.

Das betont auch die Literaturkritikerin und Moderatorin Insa Wilke - als Gesellschaft bräuchten wir das Gespräch über ästhetische, politische und gesellschaftliche Fragen, um uns über uns selbst zu verständigen. Wenn diese Räume im kulturellen Leben alle geschlossen bleiben, dann hätten wir ein Problem mit unserer Selbstreflexion angeht. Insofern sei es natürlich toll, wenn möglichst viele Aktionen stattfänden und die Leute Zeit hätten, die Dinge wahrzunehmen, die im Netz entstehen, so Wilke.

Während einer Pandemie über eine Pandemie schreiben?

Der Debütroman, der während einer Pandemie erscheint – das klingt nach einem ziemlich billigen Plot. Für viele neue literarische Stimmen ist dies leider bittere Realität geworden. Jahrelange Arbeit droht im Nichts zu verschwinden.

Jasmin Schreiber arbeitet zur Zeit an ihrem zweiten Roman, ohne sich von Corona beeinflussen zu lassen. Während einer Pandemie über eine Pandemie schreiben, das möchte sie gerade nicht. Sie schreibt weiter an dem Plot, über den sie auch einen Vertrag abgeschlossen hat. Der habe zum Glück gar nichts mit der Pandemie zu tun, sagt Jasmin Schreiber,  und ist froh darüber, weil sie sich so nicht die ganze Zeit mit Corona beschäftigen muss.

Öffentliche Buchpremiere in Berlin (Februar 2020):
Jasmin Schreiber liest „Marianengraben“

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Buchkritik Jasmin Schreiber: Marianengraben

Wie es geht, sich beim eigenen Untergang mit Heiterkeit zuzuschauen, erzählt Jasmin Schreiber in ihrem Debütroman "Marianengraben".
Rezension von Brigitte Neumann.

Eichborn Verlag
ISBN 978-3-8479-0042-9
253 Seiten
20 Euro  mehr...

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