Belarussische Opposition

„Zekamerone“ von Maxim Znak: Hundert Texte Widerstand gegen Lukaschenko

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AUTOR/IN
Thomas Franke

Wie trist, aber auch wie hoffnungsvoll ist der Gefängnisalltag in Belarus? Auf diese Fragen gibt der Oppositionelle Maxim Znak Antworten und Einblicke. „Zekamerone“ ermöglicht wertvolle Einblicke in das Innenleben des belarussischen Unterdrückungsapparats.

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Hundert Beobachtungen aus dem Gefängnisalltag

Maxim Znak ist 41 Jahre alt und von Beruf Anwalt. Im September 2021 wurde er wegen seiner Oppositionstätigkeit zu zehn Jahren Haft verurteilt.

„Die Tage in Gefangenschaft vergehen schnell, aber jeder für sich kann eine Ewigkeit dauern. Die Leute eignen sich daher eine wertvolle Fähigkeit an: Sie lernen, die Zeit totzuschlagen. Mit der richtigen Methode hat man am Tag nicht ein einziges Mal Zeit für trübselige Gedanken.“

Die hundert Beobachtungen des Gefängnisalltags sind teils amüsant, teils überraschend, andere machen wütend. Denn natürlich sind die Gefangenen der Willkür der Wärter ausgesetzt. Der Titel des Büchleins „Zekamerone“ ist eine Mischung aus dem russischen Wort „Zek“, das man mit „Gefangener“ übersetzen kann, und dem „Decamerone“, einer Sammlung von einhundert Novellen aus dem Mittelalter.

September 2021: Maxim Znak und Maria Kolesnikowa in Minsk vor Gericht (Foto: IMAGO, SNA)
September 2021: Maxim Znak steht als Mitglied des Koordinierungsrates der Opposition gemeinsam mit Maria Kolesnikowa in Minsk vor Gericht. Der Rat wird als extremistische Gruppierung eingestuft, Znak wird zu zehn, Kolesnikowa zu elf Jahren Haft verurteilt. SNA

Man merkt beim Lesen, dass Maxim Znak sein Leben lang geschrieben hat

Seine Schilderungen lesen sich locker weg und dabei zeigt Znak vor allem eines: Die Zeit im Gefängnis ist zermürbend. Es ist eine Langeweile, in der jedes Detail bedeutend wird.

„Mit dem zugeteilten Essen versuchte man es zu halten wie mit den Toten – man redete entweder gut darüber, oder man schwieg. Aber es funktionierte natürlich nicht. Manchmal waren die Gefühle stärker als der Verstand, und es entbrannte eine hitzige Diskussion, auch wenn man danach irgendwie damit leben musste.“

Znak war bis zu seiner Verhaftung Mitglied im Koordinierungsrat der Opposition gegen die Diktatur Lukaschenkos. Von den sieben Mitgliedern dieses Gremiums ist nur noch die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in Freiheit, weil sie rechtzeitig ausreiste.

Wie kamen Znaks Briefe an die Öffentlichkeit?

Wie Znaks hundert Beobachtungen aus dem Gefängnis geschmuggelt wurden, bleibt geheim. Denn normalerweise werden in Belarus die Briefe der Gefangenen zensiert. Auch darüber macht sich Znak Gedanken.

„Wahrscheinlich ist es ein schwacher Trost, aber immerhin ein Trost: zu glauben, dass alle Briefe, die nicht ankamen, aus Liebe verschwanden. Dass der Zensor, der vielleicht kein so interessantes Leben hatte wie die inhaftierten Verfasser der Briefe, behutsam die Briefbögen aus den Umschlägen zog, die Falten glättete und sie zusammen mit anderen Meisterwerken in sein Zensurio-Album legte.“

Der Kampf der Belarussen für Freiheit und Menschenrechte ist in den letzten Monaten in der deutschen Öffentlichkeit ein wenig untergegangen. Nicht nur, weil Russlands monströser Feldzug gegen die Ukraine die Nachrichten aus dem Nachbarland verdrängt hat. Es ist ruhiger geworden, auch weil das Regime seine Gegner weggesperrt oder aus dem Land getrieben hat.

Verstummt sind sie nicht. Und sie haben auch nicht aufgegeben. „Zekamerone“ ist der Beweis. Und eine leicht lesbare Lektüre, die wertvolle Einblicke in das Innenleben des belarussischen Unterdrückungsapparats ermöglicht.

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