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Ein Rekord für die Ewigkeit? Als Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“ 1905 erstmals öffentlich gespielt wird, kann niemand ahnen, in welche Erfolgsdimensionen das Stück vorpreschen wird. Bis Mai 1919 kommen insgesamt rund 18.000 Aufführungen zustande. Es ist die Blütezeit der so genannten „Silbernen Operette“, die Zeit nach den Höhepunkten der Wiener Operette durch die Strauß-Familie. Martin Trageser heißt der Autor des neuen Buches „Millionen Herzen im Dreivierteltakt“, das die Komponisten des Zeitalters der „Silbernen Operette“ genauer unter die Lupe nimmt. Christoph Vratz hat es gelesen.

Durch den Erfolg seiner „Lustigen Witwe“ war der Komponist Franz Lehár zu Wohlstand gekommen. Wenn er in seiner Villa in Ischl saß oder in seiner Wohnung in Wien, arbeitete er am liebsten abgeschieden von der Welt. Wenn Besuch im Anmarsch war, konnte er sich auf eine ganz eigene Form von Fürsorge verlassen.

„Lehár sitzt an seinem Klavier, aber eine verborgen angeordnete Folge von Spiegeln zaubert ihm bis ins letzte Zimmer das Bild jedes Besuchers vor Augen, der draußen vor der Tür anläutet. Lehár telefoniert dann nur dem Diener, ob er öffnen solle oder nicht.“

Martin Trageser "Millionen Herzen im Dreivierteltakt"

Blicke in den Alltag ausgewählter Operettenkomponisten gewährt Autor Martin Trageser immer wieder in seinem neuen Buch „Millionen Herzen im Dreivierteltakt. Die Komponisten des Zeitalters der »Silbernen Operette«“ – wobei „Silberne“ Operette keine qualitative Abwertung gegenüber der „Goldenen“ Wiener Operetten-Ära bedeutet. Es ist die Zeit um kurz nach 1900 bis in die frühen 1930-er Jahre, bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen und sich die oft jüdisch-stämmigen Komponisten zunehmenden Repressalien ausgesetzt sahen. Einzelne wie Robert Stolz nützen ihre Bekanntheit punktuell, um das Regime zu untergraben.

„Nach eigenen Angaben brachte er in seinem Wagen einundzwanzig Mal Juden über die Grenze nach Österreich. Seine Prominenz schützte ihn vor Kontrollen. Den Grenzbeamten genügte ein Autogramm.“

Martin Trageser "Millionen Herzen im Dreivierteltakt"

In 22 Biographien erzählt Martin Trageser, der hauptberuflich als Lehrer arbeitet und nebenberuflich u.a. Kinderbücher verfasst, die unterschiedlichen Erfolgsgeschichten von Operettenkomponisten wie Oscar Straus und Leo Fall, Ralph Benatzky und Emmerich Kálmán. Aus den einzelnen Lebens-Abhandlungen ergeben sich immer wieder Querlinien, die Einblicke in die Entwicklung des Genres Operette garantieren. Im Gegensatz zur Wiener Operette etwa wagten die Komponisten im frühen 20. Jahrhundert vermehrt die Einbindung von Militärmusik, von Modetänzen wie dem Tango oder später auch die Berücksichtigung des Jazz wie bei Leo Ascher:

„Um Jazzelemente einfließen zu lassen, nahm er sogar bei Jazzmusikern Unterricht.“

Martin Trageser "Millionen Herzen im Dreivierteltakt"

Ebenso bei dem gebürtigen Wiener Bruno Granichstaedten:

„Granichstaedten wollte dennoch unbedingt seinen geliebten Jazz unterbringen und brachte das Kunststück zustande Schrammelmusik mit einer Jazzband zu verbinden.“

Martin Trageser "Millionen Herzen im Dreivierteltakt"

Die Werke der „Silbernen Operette“ sind im Gegensatz zu der eher lokal erfolgreichen Wiener Operette stärker international ausgerichtet; sie feiern (zumindest in Ausschnitten) Erfolge am Broadway oder im Londoner Westend – mit manchmal unerwarteten Überraschungen wie bei Leo Fall, der, während er das Orchester dirigiert, sich selbst in einer parodistischen Inszenierung auf der Bühne wiedererkennt:

„Es entsetzte ihn […] Er war so verärgert, dass er am Ende gar nicht zum Schlussapplaus auf die Bühne wollte, doch das Publikum raste und so machte er gute Miene zum bösen Spiel.“

Martin Trageser "Millionen Herzen im Dreivierteltakt"

Fall feierte einen seiner größten Erfolge mit der „Dollarprinzessin“ und über tausend Aufführungen binnen kurzer Zeit in Europa, Nord- und Südamerika. Das Werk steht übrigens stellvertretend für eine recht hohe Zahl an Operetten, in denen Frauen auffallend moderne, selbstbewusstere Rollen verkörpern. Von den Erträgen der „Dollarprinzessin“ kaufte sich Leo Fall eine Villa und reiste ins mondäne Monaco:

„Um den Erfolg zu feiern fuhr er mit seinen Eltern nach Monte Carlo. Der Vater war jedoch nicht sehr vom Essen angetan und wünschte sich Wiener Apfelstrudel. Da ließ der Hotelchef einen Wiener Bäcker anreisen, der ihm am nächsten Tag diesen Wunsch erfüllte.“

Martin Trageser "Millionen Herzen im Dreivierteltakt"

Nicht bei allen Musikern stand in dieser Blütezeit die Operette hoch im Kurs. Als Oscar Straus (nicht verwandt mit Johann Strauß) in Berlin bei Max Bruch zu studieren begann, reagierte dieser äußerst allergisch:

„Ich möchte Sie nie mehr sehen und ich werde Sie verfluchen, wenn Sie es jemals wagen, musikalische Missgestalten zu fabrizieren wie ihr erbärmlicher Namensvetter!“

Martin Trageser "Millionen Herzen im Dreivierteltakt"

Auch Eduard Künneke, ebenfalls ein später erfolgreicher Operettenkomponist, war Schüler bei Max Bruch – und konnte bei ihm ebenso wenig mit seinen Vorlieben punkten.

Diese Beispiele zeigen, dass Martin Trageser ein kurzweiliges Buch gelungen ist, klar und anschaulich in der sprachlichen Darstellung, umsichtig bei der Auswahl der Komponisten und übersichtlich in der Zuspitzung ihrer Lebensläufe. Zum Schluss gibt es noch einen kurzen Nachklapp – eine Zusammenfassung über die „Blecherne Operette“ im Dritten Reich. 316 Seiten füllt der Band „Millionen Herzen im Dreivierteltakt. Die Komponisten des Zeitalters der »Silbernen Operette«“. Er ist im Verlag Königshausen & Neumann erschienen und kostet 35 Euro 80.

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