Kurz-Essay

Max Czollek: Manifest der pluralistischen Erinnerung

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AUTOR/IN
Max Czollek

Welche Geschichte sich eine Gesellschaft erzählt, bestimmt darüber, wer dazu gehört und wer nicht. Für eine plurale Gesellschaft gilt es deshalb, auch die Erinnerungskultur zu pluralisieren. Entschieden fordert dies der Autor Max Czollek in einem Manifest, das selbst wiederum Ergebnis kollektiver Auseinandersetzung ist.

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Vorbemerkung

Der folgende Text ist eine Bearbeitung des Manifests der Pluralistischen Erinnerungskultur, was anlässlich der Konferenz „Erinnerungsfutur“ der Coalition for a Pluralistic Public Discourse im September 2022 verfasst wurde. Die CPPD ist ein Zusammenschluss von gut 50 jungen Denker*innen, Aktivist*innen und Künstler*innen. Sie wird kuratiert von Johanna Korneli, Jo Frank und mir selbst, Max Czollek.

I. „Wir“ gibt es nur im Plural

In der vielfältigen Gesellschaft gibt es ein „Wir“ nur im Plural. Das bedeutet, dass das „Wir“ auch jene Gesellschaftsmitglieder miteinschließt, die für gewöhnlich die Adressaten von Forderungen nach Integration und Leitkultur sind.

II. Pluralität ist nicht Problem, sondern Ausgangspunkt

Das Adjektiv plural in pluraler Demokratie unterstreicht, dass Pluralität die Grundlage von Demokratie ist und nicht ihr zentrales Problem. Das bedeutet, dass die Vorstellung von Homogenität als erstrebenswerter oder auch nur realisierbarer Normalzustand zurückgewiesen werden muss.

Die Idee etwa, dass eine deutsche Kultur existiert, die von Juden und Jüdinnen in den vergangenen Jahrhunderten wahlweise zerstört oder bereichert wurde, ist bereits Ergebnis eines solchen Denkens der Homogenität, welches jüdisch und deutsch einander gegenüberstellt.

Ein Denken der Pluralität dreht diese Perspektive um, indem es sagt: Das, was wir heute deutsche Kultur nennen, ist ohne den Beitrag jüdischer, aber auch queerer Menschen, von Sinti*ze und Rom’nja, Schwarzer Menschen, behinderter Menschen usw. gar nicht nachvollziehbar.

III. Gesellschaft ist Erinnerungsgemeinschaft

In einer Gesellschaft wie der deutschen, deren Selbstbild maßgeblich auch auf einer bestimmten Praxis der Erinnerung basiert, wird die Erinnerungskultur zu einem Ort, der mit darüber bestimmt, wer dazugehört. Und wer nicht.

Diese Praxis des Ein- und Ausschlusses von Menschen findet auf unterschiedlichen Ebenen statt – in staatlicher Förderung, in Ausstellungen, Publikationen, Denkmälern und Bauwerken, Reden oder Gedenktagen. 

Indem die Erinnerungskultur eine bestimmte Geschichte erzählt und indem sie mit dieser Erzählung die Bedürfnisse bestimmter gesellschaftlicher Gruppen nach Zugehörigkeit, nach Entlastung, nach Kontinuität und Identifikation befriedigt, ist auch sie Ausdruck eines Denkens der Homogenität.

IV. Eine plurale Gesellschaft braucht plurale Erinnerungskultur

Die Verengung von Erinnerungskultur auf die Bedürfnisse bestimmter Menschen wird von manchen als Normalität bezeichnet. Diese Vorstellung von Normalität schließt dann aber ein, dass manche Menschen ausgeschlossen bleiben. Und diejenigen, die auf diesen Ausschluss hinweisen, werden nicht selten verantwortlich gemacht für eine sogenannte Spaltung der Gesellschaft, die auch eine Spaltung des WIR-Gefühls meint.

Dagegen setzt die Perspektive der Pluralität die Annahme, dass eine erinnerungskulturelle Normalität, die Ausschluss erzeugt, nicht den Ansprüchen dieser Demokratie und der pluralisierten gesellschaftlichen Gegenwart gerecht wird.

Das Adjektiv plural bedeutet in Bezug auf Erinnerungskultur also, dass sich die gesellschaftliche Vielfalt auch in den Geschichten abbilden sollte, die diese Gesellschaft von sich selbst erzählt.

V. Nicht wissen, sondern lernen. Für eine akzeptierende Fehlerkultur

Eine plurale Erinnerungskultur versteht Erinnerung als Ausdruck der Gesellschaft, als Repräsentation derjenigen, die dazugehören. Und das kann doch nur bedeuten, dass eine solche neue Erinnerungskultur von allen gestaltet werden muss, die diese Gesellschaft ausmachen.

In diesem Sinne setzt Pluralität eine kritische Praxis voraus, die neben der Anerkennung von Kritik auch die Anerkennung von Fehlern erlaubt. Entscheidend ist nicht, dass wir schon alles übereinander wissen, sondern dass wir gewillt sind, voneinander zu lernen. 

VI. Vertrauen als gemeinsame Basis

Eine solche akzeptierende Fehlerkultur setzt aber auch voraus, dass das WIR, das sich zusammenfindet um zu erinnern und voneinander neue Geschichten zu lernen, grundsätzlich die Vision pluralistischer Erinnerung teilt. In diesem Sinne braucht es eine gemeinsame Vertrauensbasis.

Diese Vertrauensbasis bildet das gemeinsame Ethos der pluralistischen Erinnerungskultur. Es besteht in der Anerkennung der Tatsache, dass wir gemeinsam in dieser Gesellschaft leben und uns in dieser Gemeinsamkeit auch anerkennen. Das WIR der pluralistischen Erinnerung ist das WIR der pluralen Demokratie.

Zum Autor

Max Czollek ist Autor und lebt in Berlin. Er ist Teil des Lyrikkollektivs G13 und Mitherausgeber des Magazins „Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart“. Mit Sasha Marianna Salzmann initiierte er den Desintegrationskongress 2016 sowie der Radikalen Jüdischen Kulturtage 2017 in Berlin, außerdem kuratierte er 2020 die Tage der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur im ganzen deutschsprachigen Raum. Seit 2021 Ko-Kurator des Projektes „Coalition for a Pluralistic Public Discourse“ (CPPD) sowie 2022 der Ausstellung „Rache – Geschichte und Fantasie“ im Jüdischen Museum Frankfurt am Main.

2018 erschien sein Essay „Desintegriert Euch!“, 2020 „Gegenwartsbewältigung“. Anfang 2023 kommt mit "Versöhnungstheater" sein dritter Essayband heraus.

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