Buchkritik

Maarten 't Hart - Der Nachtstimmer

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Eigentlich will Gabriel Pottjewijd in dem entlegenen holländischen Hafenstädtchen nur eine Orgel stimmen. In Maarten ‘t Harts neuem Roman „Der Nachtstimmer“ aber bekommt er es plötzlich mit merkwürdigen Vorfällen und kauzigen Typen zu tun. Und einer atemberaubenden Kapitänswitwe ...

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Orgelstimmer – das ist kein ganz durchschnittlicher Beruf. Kein Wunder also, dass Gabriel Pottjewijd etwas von einem kauzigen Einzelgänger hat. Er ist der Held in Maarten ‘t Harts neuem Roman „Der Nachtstimmer“. Seine Arbeit fordert ihm vieles ab, sowohl Musikalität als auch handwerkliches Geschick und Fitness. Denn er muss sich in engen Gehäusen strecken, krümmen und winden, damit die Pfeifen kostbarer alter Orgeln wieder einen makellosen Klang hervorbringen.

Natürlich geht ihm dabei manches durch den Kopf. Er denkt nach über himmlische Musik, Religion und sein seltsames Leben. Ganz zu schweigen davon, dass ihm derselbe Kopf auch noch von einer glutäugigen Brasilianerin verdreht wird.

Ein sonderbarer Charme der holländischen Provinz

Auch der Schauplatz des Romans irgendwo in Südholland überrascht durch mancherlei Merkwürdigkeiten.

Gabriel muss in immer kleinere Züge umsteigen, bis er schließlich in dem Hafenstädtchen ankommt, wo in der Groote Kerk eine der berühmten Barock-Orgeln des Orgelbaumeisters Rudolf Garrels auf ihn wartet. Wer sucht, wird dort manche Ähnlichkeiten mit Maassluis, dem Geburtsort des Autors, finden. Der Empfang im „Seemannsheim“ ist unfreundlich, nur die Kellnerin hat für den Fremden ein Abendessen und ein paar Worte übrig.

„Seltsame Gegend hier“, sagte ich.
– „Willst du damit etwa andeuten, dass andere Gegenden nicht seltsam sind? Das glaubst du doch selbst nicht.“ Fröhlich summend wandte sie sich ab, sich selbst begleitend, indem sie mit einem Eierlöffel auf einen Teller trommelte.

Natürlich sind alle Gegenden irgendwie seltsam, vor allem bei Maarten ‘t Hart. Genau das ist es, was den besonderen Reiz und die Qualität seiner Bücher ausmacht: Sie sind im Regionalen verwurzelt, kulturell kenntnisreich und voller Empathie für menschliche Schrullen jeder Art.

Dieser Autor lässt es an störrischer Ironie, bissigem Witz und kritischen Reflexionen selten fehlen. Sie sind ein entscheidendes Merkmal seines Stils, und sein Romanheld Gabriel verkörpert diesen Stil als Ich-Erzähler perfekt und noch dazu höchst spielerisch.

Unverhofft entwickelt sich eine Liebesgeschichte

Wenn es allerdings um sein Handwerk geht, ist er die Gewissenhaftigkeit in Person. Weil auf der Werft neben der Kirche tagsüber zu viel gelärmt wird, verlegt er seine Arbeit in die Nachtstunden. Daher der Romantitel „Der Nachtstimmer“.

Dann aber überglänzt ein bezaubernder Lichtstrahl Gabriels Aufenthalt in diesem, wie er findet, „stinkenden, lauten Hafenstädtchen“. Die Mutter des Mädchens, das ihm beim Stimmen der Orgel die betreffenden Tasten drückt, ist eine Schönheit, die ein inzwischen verstorbener Kapitän einst als Ehefrau aus Brasilien mitgebracht hat.

Sie beginnt, Gabriel zu schätzen, weil er verständnisvoll mit ihrer Tochter umgeht. Das Verhältnis zwischen beiden wird zunehmend vertrauter, was Gabriels Gefühle ziemlich in Aufruhr versetzt.

Herrgottsakrament, jetzt hör bloß auf, was für ein vollkommen absurder Gedanke, ein derart schofler Orgelstimmer mit weniger Sex-Appeal als ein Mistkäfer könnte ein Liebesverhältnis mit einem so bildschönen Wesen eingehen. Undenkbar, völlig undenkbar.

Bald zeigt sich, dass das verdächtig innige Verhältnis der beiden Missgunst hervorruft. Es gibt Drohungen, hinterhältige Attacken, Pistolenschüsse im Dunkeln.

Erzähltechnisch sorgt Maarten ‘t Hart mit diesen kriminalistischen Elementen für spannende Akzente. Vor allem aber wird dadurch der himmelwärts gerichteten Klangwelt des Orgelspiels ein irdischer Kontrapunkt von schöner Düsterkeit und einer gewissen Komik entgegen gesetzt.

Überhaupt wartet dieser Roman mit einem überraschenden Reichtum an Motiven und Themen auf. Der Orgelstimmer betrachtet sich zwar als einfachen Mann, im übrigen aber ist er ein lebhaft empfindender und geistig reger Kopf. Seine Mitmenschen reizen ihn zu sarkastischen Beobachtungen, die eigene Person analysiert er mit nüchterner Selbstironie.

Höchstform erreicht Gabriels rebellischer Widerspruchsgeist, wenn es um so fragwürdige Dinge geht wie das Wort Gottes. Einerseits ist er durch seine calvinistische Erziehung ein leidenschaftlicher Bibelleser. Andererseits geht es ihm entschieden zu weit, was ihm da an Unwahrscheinlichem, Widersinnigem und Barbarischem zugemutet wird.

Es ist vollkommen unmöglich, auch nur von einem einzigen dieser Wunder zu glauben, dass es wirklich stattgefunden hat. Darum ist bei mir schließlich das Gebläse ausgefallen, und die Orgel spielt seither nicht mehr. Eines Morgens wachte ich auf, und mein Glaube war verschwunden. Restlos.

Als er seine Arbeit beendet hat, kehrt Gabriel nach Hause zurück. Die Brasilianerin und ihre Tochter begleiten ihn, worüber er sich nicht genug wundern kann. Was als Ausflug ins skurrile Hinterland des Daseins begonnen hat, findet seinen Abschluss in einem Happy End.

Fast möchte man meinen, die Lektüre dieses Romans könnte eine Fahrt in die Niederlande ersetzen. Jedenfalls erzählt uns der großartige Maarten ‘t Hart Dinge über sein Land, die kein Reisender in der Wirklichkeit je erleben kann.

„Der Nachtstimmer“ ist schlichtweg wunderbare Literatur aus der Provinz des Menschen, gewürzt mit einer Prise von magischem Realismus und hervorragend übersetzt von Gregor Seferens.

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