Gespräch

Literaturwissenschaftler Hörisch: Glaubt nicht, Dichter hätten den besseren politischen Durchblick!

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Martin Gramlich

Der Mannheimer Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch untersucht in seinem neuen Buch die Geschichte der „riskanten Beziehung“ von „Poesie und Literatur“. Wer Romane oder Gedichte schreibt, gelte oft auch als versiert in Fragen der Politik, das sei aber falsch: „Seid nicht verrückt, glaubt nicht, Dichter hätten den besseren politischen Durchblick“, so Hörisch in SWR2.

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„Meine These ist: Leute, seid nicht verrückt, glaubt nicht, Dichter hätten den besseren politischen Durchblick und die bessere Urteilskraft, aber analysiert, was sie sagen, sie können auch dann, wenn sie peinlich daneben liegen, interessantes und formvollendetes Material liefern!“

Neidvolle Beziehung von Poesie und Politik

Poesie und Politik beeinflussten das Leben der Menschen auf sehr unterschiedliche Art und Weise, erklärt Hörisch: die Politiker hätten gern die Freiheiten und Frechheiten der Poeten und die Poeten wiederum hätten gern die direkten Einflussmöglichkeiten der Politiker.

Wenn es eine Corona-Verordnung gebe, dann müssten wir alle eine Maske tragen, wir müssen also unser Leben ändern.

Wenn Rilke sagt: „Du musst Dein Leben ändern, dann hat das keine pragmatischen Konsequenzen“.

Schriftsteller*innen lagen oft falsch in ihrer politischen Einschätzung

Aber gerade wenn Schriftstellerinnen und Schriftsteller sich politisch äußern, hätten sie häufig falsch gelegen, so Hörisch: „man denke etwa an die irritierenden nationalistischen Äußerungen Thomas Manns im Ersten Weltkrieg“.

Wer schön schriebt, kann nicht besser das "Wahre" erkennen

Dennoch sei die Öffentlichkeit bereit, den Einschätzungen von Intellektuellen eine große Relevanz beizumessen – das erklärt Hörisch mit der „Vorstellung, dass das Schöne, Gute und Wahre zusammenhänge. Man denkt, wenn jemand etwas besonders schön darstellen und sagen kann, muss er auch ein guter Mensch sein, muss er auch das Wahre erkennen. Aber nichts ist falscher.“

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