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„Like a bird on a wire“ – Warmherziger Rückblick auf Leben und Sterben von Leonard Cohen

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Einen „Durchschnitts-Superstar“ nennt der kanadische Comic-Autor Philippe Girard den Künstler Leonard Cohen. Unaufgeregt fällt seine sehr dichte Annäherung an die 2016 verstorbene Singer-Songwriter-Legende aus. Ein freundlicher Comic, der von Liebe, Leid und den Sehnsüchten eines sensiblen Künstlers erzählt.

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Der Anfang im Ende

Es ist der 7. November 2016: Mitten in der Nacht – ein heftiger Schlag. Leonard Cohen fällt aus seinem Bett, liegt am Boden, kann sich nicht mehr helfen. „Ich werde ganz allein hier sterben, wie ein Hund“, denkt er sich. Und durch das Fenster fällt der Blick auf einen Vogel, der draußen auf einer Leitung hockt.

Philippe Girard beginnt seine Comic-Biografie über Leonard Cohen ganz am Ende: „Das ist für mich wirklich stark, denn Cohen hat so viel Zeit in seinem Leben damit verbracht, sich auf den Tod vorzubereiten. Er hat so viel darüber gesprochen, dass es für mich logisch erschien, mit diesem Teil seines Lebens zu beginnen.“ Im Sterben blickt Cohen zurück, wie alles begann.

Blick ins Buch:

Like a bird on a wire - Philippe Girard (Foto: Pressestelle, Cross Cult, Ludwigsburg)
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Den Toten gegenüber loyal

Philippe Girard folgt den Spuren eines jungen Mannes, der nicht weiß wohin mit sich, mit seiner Trauer, mit seinen Sehnsüchten. Die Beschäftigung mit dem spanischen Lyriker Federico García Lorca wird zu einer Art Erweckungserlebnis: Er wolle Schriftsteller werden, der den Toten gegenüber loyal ist, begeistert sich Cohen, den man durch ein jüdisches Viertel laufen sieht. Das Judentum hat ihn geprägt.

Mit 15 sei er beim Anblick der Fotos aus den Konzentrationslagern schlagartig erwachsen geworden. Cohens Leiden an der Welt hat nichts mit dem melancholischen Weltschmerz gemein. Er weiß um die Toten in seinem Rücken, die ermordeten Kinder, die Millionen Opfer, denen er in seinen Liedern nachspürt.

Leonard Cohen — „The Partisan“

Ein „Durchschnitts-Superstar“

Philippe Girard hat diese Seite Cohens immer wieder in einzelnen Schlaglichtern beleuchtet. Während er den sterbenden Künstler in schwarz-blauem Dunkel zeichnet, verwendet er für den überwiegenden Teil seiner Erzählung warme helle Farben. Und er beschreibt einen Künstler, der eben nicht der gefeierte Pop-Poet sein wollte: „Jeder, der in Montreal lebte, hatte die Chance ihm dort zu begegnen. Das ist es auch, was ich an ihm mag. Er wollte die Dinge so einfach wie möglich halten.“

Warmherzig und unspektakulär erzählt

Leonard Cohens Leben in gerade mal 120 Seiten bannen zu wollen, ist ein Kraftakt. Er ist ein Frauentyp, immer Gentleman, sanft und aufmerksam. Die Liebe, die vielen wechselnden Beziehungen – Janis Joplin, Marianne, Suzanne, die zerstörerische Sehnsucht, die Depressionen — Drogen und Tabletten, die großen Enttäuschungen – zweimal wird Cohen um Geld und Songrechte gebracht. All das kommt in dieser Graphic Novel stellenweise etwas atemlos daher. Brüche sind unvermeidbar.

Warmherzig und unspektakulär ist diese Biografie erzählt, ein freundlich gezeichneter Comic. Philippe Girard hat seinem Lieblingssänger ein kleines, unaufgeregtes Denkmal gesetzt: „Wirklich – ich mag ihn sehr. Aber Tatsache ist: Nachdem ich nun zwei Jahre an diesem Buch gearbeitet habe, habe ich das Gefühl am Ende gewonnen: er ist jetzt mein Freund. Nicht dass ich ihn mehr oder weniger mag. Nein, ich fühle mich ihm nahe.“

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