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Groß, kraftvoll, ein sinnlicher Typ – so wird der Dichter Friedrich Hölderlin von seinen Zeitgenossen beschrieben. Ein Mann, der auf Frauen wie Männer eine große Anziehungskraft ausübt.
Die Frankfurter Bankiersgattin Susette Gontard ist seine große Liebe, die er als „Diotima“ in seinen Gedichten verehrt. Während das Mutter-Sohn-Verhältnis schwierig und von gegenseitigen Enttäuschungen geprägt ist, pflegen Hölderlin und seine Schwester Rieke einen liebevollen, fürsorglichen Umgang.
Auffällig ist Hölderlins Neigung, sich in einer aussichtslosen Beziehung aufzureiben.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

Verliebt in die Dame des Hauses

Verheiratet, vier Kinder, eine Frau der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft: die Verbindung mit Susette Gontard konnte nicht gut gehen. Und doch hat Friedrich Hölderlin, der als Hauslehrer zur Entlastung der Frankfurter Bankiersgattin eingestellt wird, schnell ein Auge auf die Dame des Hauses geworfen. So schreibt er schwärmerisch an einen Freund.

„Mein Schönheitsinn orientirt sich ewig an diesem Madonnenkopfe. Majestät und Zärtlichkeit, Fröhlichkeit und Ernst, süßes Spiel und hohe Trauer, Leben und Geist, alles ist in ihr zu einem Göttlichen Ganzen vereint.“

Friedrich Hölderlin
Susette Gontard (Foto: Imago, imago images / Arnulf Hettrich)
Statue von Susette Gontard, der Geliebten des Dichters Friedrich Hölderlin, im Park des Gräflichen Parkhotels in Bad Driburg Imago imago images / Arnulf Hettrich

Susette Gontard sollte tatsächlich die große Liebe seines Lebens werden. Doch die einzige ist sie beileibe nicht. So meint Jan Bürger, Literaturwissenschaftler und stellvertretender Leiter des Deutschen Literaturarchivs Marbach:

„Er ist sicher nicht ein Dichter, den – wenn man sich jetzt das Beispiel Rilke oder Celan nimmt –  man so als Womanizer bezeichnen könnte. Hölderlins Liebesbeziehungen waren alle problematisch.
Es gibt die eine große bekannte zu Susette Gontard, aber auch das war eine heikle Liebesbeziehung. Und dann gibt es einige kleinere Beziehungen, von denen man manchmal gar nicht weiß, ob das richtige Liebesbeziehungen waren oder mehr Schwärmereien.“

Jan Bürger

„Seit Jar und Tagen habe ich fest im Sinne, nie zu freien“

Louise Nast gehört sicher zu diesen Schwärmereien. Die Tochter des Maulbronner Klosterverwalters ist eine Liebelei, die ein abruptes Ende findet, als Louise schon das „Band der ewigen Treue“ knüpfen will. Auch während seiner Studienjahre in Tübingen ist Hölderlin nicht allein.

Mit wilder Entschlossenheit buhlt er um die Aufmerksamkeit von Elise Lebret. Die Tochter des Universitätskanzlers steht bei vielen Studierenden ganz oben auf der Liste.

Doch auch diese Liaison ist nicht von Dauer. „Seit Jar und Tagen habe ich fest im Sinne, nie zu freien“, schreibt Hölderlin an seine Mutter.

„Es klingt eher so, als wäre er auch in den Zeiten, als es ihm gut ging, nicht unbedingt bereit gewesen, eine konventionelle Ehe oder so etwas einzugehen.
Es werden Beziehungen, die vielleicht aussichtsreich gewesen wären, werden meist schnell abgebrochen. Ernster wird es dann immer in Konstellationen, wo im Grunde alles eher aussichtslos ist.“

Jan Bürger

Wilhelmine Marianne Kirms mit "interessanter Figur"

„Ich war nie glücklich durch die Liebe“, bekennt Hölderlin in einem Schreiben an den Freund Christian Ludwig Neuffer. 1794 ist das. Anfang des Jahres hat Hölderlin eine neue Stelle als Hofmeister im Hause von Kalb in Waltershausen angetreten.

Und es bleibt nicht aus, dass er dabei der 22jährigen Gesellschafterin Charlotte von Kalbs, nämlich Wilhelmine Marianne Kirms über den Weg läuft. Und wieder steht Hölderlin in Flammen:

„Die Gesellschafterin der Majorin…. Ist eine Dame von seltnem Geist und Herzen, spricht französisch und Englisch, und hat so eben die neueste Schrift von Kant bei mir geholt. Überdiß hat sie eine ser interessante Figur.“

Friedrich Hölderlin

Die Beziehung ist bis heute rätselhaft. Es gibt das Gerücht, ein uneheliches, früh verstorbenes Kind sei aus dieser Verbindung entstanden. Was dem Marbacher Literaturwissenschaftler Jan Bürger allerdings mit Blick auf Hölderlins Frauenbeziehungen auffällt:

„Es sind alles Frauen mit starken intellektuellen Interessen. Man hört von allen, dass die gemeinsam Schiller lesen, dass sie gemeinsam Kant lesen und das ist bei Susette Gontard sicher extrem ausgeprägt. Sie kommt mit starken literarischen Interessen auf Hölderlin zu.
Die Beiden musizieren zusammen, die Beiden lesen zusammen. Das spielt eine große Rolle. Und das ist eben nicht nur die körperliche Schönheit, die Anmut, die Susette ausgezeichnet hat, sondern das war immer auch immer das geistige Gegenüber für Beide.“

Jan Bürger
Heinrike Breunlin (Foto: Imago, imago images / Horst Rudel)
Hölderlins Schwester Heinrike Breunlin in der Hölderlin-Abteilung des Stadtmuseums in Nürtingen Imago imago images / Horst Rudel

Die wichtigste Frau in Hölderlins Leben

Umso tragischer das unwürdige Ende dieser leidenschaftlichen Beziehung. Als die Verbindung der Bankiersgattin mit dem Hauslehrer auffliegt, treffen sich die Beiden heimlich und werden doch bei manchem, mit viel Aufwand organisiertem Stelldichein entdeckt.

Doch es gab sie – die eine, vielleicht wichtigste Frau in Hölderlins Leben, vermutet Jan Bürger, nämlich seine kleine Schwester Rieke

„Geprägt durch das tragische Familienleben der Beiden, dass der Vater sehr bald stirbt und auch der geliebte Stiefvater, war das eine sehr enge Bindung. Die Beiden haben aufeinander aufgepasst.
Er hat ihr in seinen Briefen sehr viel erzählt. Die Briefe haben auch eine Leichtigkeit und Offenheit, wie man sie eher in einer Liebesbeziehung erwarten würde. Das ist sicher die Beziehung zu einer Frau, wo er am offensten, am modernsten, am normalsten wirkt.“

Jan Bürger

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In der SWR2 Hölderlin-Reihe werden verschiedene Aspekte des Dichters zu seinem 250. Geburtstag untersucht. Grund für die verschiedenen Projektionen sei vor allem die Offenheit seines Werkes und seiner Person, die letztendlich immer Geheimnis bleibe, sagt der Hölderlinkenner Schmidt.

Daher hätten zu unterschiedlichen Zeiten auch immer verschiedene Perspektiven auf ihn eine Rolle gespielt. Der Dichter als Seher etwa im literarischen Stefan-George Kreis oder die Instrumentalisierung für die Nationalsozialisten, die seinen Heimat-Begriff für sich mißbraucht hätten. Schließlich habe auch der Philosoph Heidegger Hölderlin als Rettung aus der Modernen Welt verstanden.  mehr...

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