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Hölderlin war zirka 20 Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution in eine tiefreligiöse Familie hineingeboren worden und konnte dem Thema Religion allein schon deshalb nicht entkommen. Im Laufe seines Lebens wandelte sich jedoch seine Haltung zur Religion. Er strebte eine spirituelle Erneuerung an.

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Er hatte keine Chance der Religion zu entgehen. Friedrich Hölderlin wird in ein tiefreligiöses Umfeld geboren. Der Vater Klosterhofmeister, die Mutter kann auf eine Reihe geachteter Pfarrer in ihrer Familie zurückblicken. Klar, dass der Sohn auch in diese Fußstapfen treten soll.

„Seelenqualen“ an der „Galeere der Theologie“

Hölderlin fügt sich zunächst diesem Willen, besucht die Klosterschulen in Denkendorf und Maulbronn, studiert am renommierten Tübinger Theologenstift. Doch er leidet „Seelenqualen“ an der „Galeere der Theologie“, an einer verkrusteten Dogmatik, die alles Spirituelle erdrückt.

Mit den Studienfreunden Hegel und Schelling sinniert er über eine Neue Mythologie. „Reich Gottes“ raunen sich die drei Verschwörer zu. Das klingt fromm, ist aber sehr aktuell, meint Dietmar Jaegle, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Literaturarchiv Marbach

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (Foto: Imago, imago images / ZUMA Press )
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1770-1831. Deutscher Philosoph Imago imago images / ZUMA Press

„Das ist eigentlich eine ganz moderne Theologie. Es geht das Reich Gottes hier auf Erden, es geht um Wahrheit und Gerechtigkeit und es geht um eine andere Gesellschaft.
Im Prinzip ist es ein Jesus- und Urchristentumbild, wie es auch heute manchmal vertreten wird. Wir haben alles, was wir brauchen, um dieses von Gott, von Jesus geforderte bessere Leben hier auch schon auf der Welt zu verwirklichen.“

Hölderlin, Hegel und Schelling
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (Foto: Imago, imago images / Leemage)
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, 1775-1854. Deutscher Philosoph Imago imago images / Leemage

Im „Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus“ beschreiben die drei Freunde eine Mythologie, die Vernunft, Sinn und Sinnlichkeit wieder zusammenführt.

„So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muss philosophisch werden und das Volk vernünftig, und die Philosophie muss mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige Einheit unter uns.“

Hölderlin, Hegel und Schelling

Die griechische Mythologie ist Hölderlins Quelle

Das Kalte, das Rationale der Aufklärung ist nicht Hölderlins Sache. Und ebenso fremd erscheint ihm ein Christentum, das auf Gebote und Verbote setzt, auf Lehre, Würdenträger und eine Wahrheit.

Da sind ihm die antiken Griechen mit ihrer bunten Götterwelt sehr viel näher. Götter, die jähzornig, eifersüchtig, aber auch sehr heldenhaft sein können. Die griechische Mythologie ist die Quelle, die sein religiöses, aber auch dichterisches Selbstverständnis speist.

„Dieses Thema „Hölderlin und die Religion“ ist ein ganz ganz Wichtiges, wenn man Hölderlin überhaupt verstehen will. Er hat ja auch theoretische Aufsätze geschrieben, philosophische Aufsätze.
Eines übrigens „Über Religion“, und da geht es um eine Religion, wie sie so noch gar nicht existiert. Eine Religion, wo jeder seinen Gott und Alle einen Gemeinschaftlichen in dichterischen Vorstellungen ehren. Es heißt auch in dieser Abhandlung „Über Religion“ Alle Religion ist ihrem Wesen nach poetisch.“

Literaturwissenschaftler Dietmar Jaegle

Sehnsucht nach Freiheit, Harmonie, Schönheit und Liebe

Hölderlins Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit und Harmonie, in Schönheit und Liebe führt nicht einfach zurück in die antike Götterwelt. Er strebt nach einer Versöhnung der heidnischen Welt mit dem christlichen Erbe.

Religion und Mythologie sind für ihn gleichwertige Begriffe. Keine einfache Vorstellung jedoch, sich Zeus, Hades und Dionysos mit Gott zusammenzudenken, die vielen mit dem Einen.

„Alles ist in Gott“ - „Es glimmt in uns ein Funke der Göttlichen“.

Friedrich Hölderlin

In diesem Funken steckt für ihn eine große spirituelle Kraft, die er in der Natur findet und in der Lyrik, die den Menschen vor Entfremdung in einer durchrationalisierten Welt schützen soll. Die Poesie als Gottesdienst.

„Vielleicht sollte man es sicher eher so vorstellen, dass Gedicht und Gebet in ihren Wurzeln, auch in ihren sprachlichen, ein wenig verwandt sind. Wer also dichtet, transzendiert sozusagen die normale Sprache, womöglich auch die normale Gedankenwelt, die Welt an sich.
Und genau so würde man auch Religion verstehen können. Es geht um ein Überschreiten in einer poetischen Sprache und die geht im Prinzip auf zwei Gebieten: im Gebiet der Religion und im Bereich der Dichtung.“

Friedrich Hölderlin

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Daher hätten zu unterschiedlichen Zeiten auch immer verschiedene Perspektiven auf ihn eine Rolle gespielt. Der Dichter als Seher etwa im literarischen Stefan-George Kreis oder die Instrumentalisierung für die Nationalsozialisten, die seinen Heimat-Begriff für sich mißbraucht hätten. Schließlich habe auch der Philosoph Heidegger Hölderlin als Rettung aus der Modernen Welt verstanden.  mehr...

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