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315 Briefe sind heute von dem Dichter Friedrich Hölderlin bekannt, viele sind nur noch in Abschriften oder Auszügen überliefert. Ein besonders großer Teil seiner Korrespondenz umfasst die Briefe an seine Mutter, die ein eher getrübtes Verhältnis zeichnen.

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Nur wenige Liebesbriefe sind bekannt. Hölderlin pflegt vor allem den Austausch mit Freunden über politische Ereignisse oder mit seinem geistigen Mentor Friedrich Schiller über literarische Fragen. Die Briefe werfen ein Licht auf eine ebenso irritierende wie spannende Persönlichkeit.

„Das Briefeschreiben ist zwar immer nur Nothbehelf; aber doch etwas. Deswegen sollten wir es nicht ganz unterlassen.“

Friedrich Hölderlin

Schreibt Hölderlin im Juli 1794 an seinen alten Studienfreund Hegel. Es war das Bedürfnis nach Austausch und Nähe, das Hölderlin zur Feder greifen ließ.

Die Revolutionskriege beschäftigen Hölderlin

Vor allem als die politische Ordnung seiner Zeit durch die Französische Revolution in ihren Grundfesten erschüttert wird. Die Revolutionskriege haben auch Hölderlin erreicht und das beschäftigt ihn natürlich in seinen Briefen.

„Infolge derer französische Truppen Württemberg schrecklich heimsuchen, Frankfurt, wo er sich gerade aufhält. Dann hat man die sich überschlagenden Ereignisse in Paris zwischen dem revolutionären Terror und der Napoleonischen Militärdiktatur, die sich allmählich etabliert.“

Helmuth Mojem, Leiter des Cotta-Archivs im Deutschen Literaturarchiv Marbach

Hölderlins Vorstellung von Philosophie und Geschichte

Über die dramatischen Ereignisse in Paris erhält Hölderlin quasi Berichte aus erster Hand von seinem Freund, dem Frankfurter Arzt und Naturforscher Johann Gottfried Ebel, der sich als glühender Anhänger der Revolution in Paris aufhält.

Über die aktuellen Geschehnisse hinaus entwirft Hölderlin in seinen Briefen an Freunde und Gelehrte seine Vorstellungen zu Philosophie und Geschichte, zu den antiken Göttern und immer wieder zu dem, was ihn sein Leben lang um- und antreibt:

„Aber ich kann von meiner ersten Liebe, von den Hoffnungen meiner Jugend nicht lassen, und ich will lieber verdienstlos untergehen, als mich trennen von der süßen Heimat der Musen, aus der mich bloß der Zufall verschlagen hat.“

Friedrich Hölderlin

Beschwört Hölderlin seine Berufung zum Dichter in einem Brief an den Freund Christian Ludwig Neuffer. Ähnlich die Schreiben an sein großes Vorbild Schiller, Hölderlins Mentor, Förderer und intellektuelle Vaterfigur.

„Hier bemüht sich Hölderlin den angenommenen Erwartungen des von ihm als absolute literarische Autorität anerkannten Schillers zu genügen, seine Anerkennung für den von ihm eingeschlagenen Weg zu bekommen.“

Helmuth Mojem

Hölderlin sollte Pfarrer werden

Für Hölderlin wurde Schiller zu einer Art intellektueller Vaterfigur, meint der Germanist und Archivar Helmuth Mojem. Nach dem frühen Tod von Vater und Stiefvater musste sich Hölderlin mit den Erwartungen der Mutter auseinandersetzen, die den Sohn gern als Pfarrer gesehen hätte.

Johanna Christiane Hölderlin (Foto: unbekannt)
Johanna Christiane Hölderlin, Gemälde von 1767 unbekannt

„Verehrungswürdigste Mutter! Ich schreibe Ihnen schon wieder einen Brief. Ich weiß nicht, ob Sie mir den zuletzt geschriebenen beantwortet haben. Ich vermute, dass er beantwortet ist.“

Friedrich Hölderlin

Hölderlin ein ikonischer Dichter

Während sich Hölderlin in seinen frühen Briefen noch rechtfertigt und windet, erstarren seine späteren Schreiben aus dem Tübinger Turm zu reinen Floskeln und inhaltsleeren Wiederholungen. Insgesamt stehen die Briefe nicht im Zentrum der Hölderlin-Forschung.

„Andererseits ist Hölderlin ein ikonischer Dichter, aber nicht wegen seiner Dichtung, sondern wegen seines Lebens… da legen die Briefe die spuren.“

Helmuth Mojem

Literatur Lebens- und Denkbilder von Friedrich Hölderlin (1): Hölderlin im Bild. Ein Dichter und seine Porträts

Es sind nur wenige Bilder des Dichters Friedrich Hölderlin erhalten: vor allem Bleistiftzeichnungen, einige Schattenrisse und ein Scherenschnitt. Einige davon lagern heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, darunter das berühmteste Hölderlin Bild – ein Pastellbild von Franz Karl Hiemer. Die einzige Darstellung, auf der Hölderlin den Menschen ganz direkt ins Gesicht schaut. Ähnlich sei es ihm aber nicht, so die Feststellung von Mutter und Schwester  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Literatur Lebens- und Denkbilder von Friedrich Hölderlin (3): Religion

Hölderlin war zirka 20 Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution in eine tiefreligiöse Familie hineingeboren worden und konnte dem Thema Religion allein schon deshalb nicht entkommen. Im Laufe seines Lebens wandelte sich jedoch seine Haltung zur Religion. Er strebte eine spirituelle Erneuerung an.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Literatur Lebens- und Denkbilder von Friedrich Hölderlin (4): Hölderlin und die Frauen

Groß, kraftvoll, ein sinnlicher Typ, so wird Friedrich Hölderlin von seinen Zeitgenossen beschrieben. Ein Mann, der auf Frauen wie Männer eine große Anziehungskraft ausübt.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Gespräch Lebens- und Denkbilder Friedrich Hölderlin (5): Ein Dichter als Projektionsfläche

Friedrich Hölderlin ist eine perfekte Projektionsfläche, sagt der Leiter der Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg und Koordinator des Jubiläumsjahres Hölderlin2020, Dr. Thomas Schmidt, in SWR2.

In der SWR2 Hölderlin-Reihe werden verschiedene Aspekte des Dichters zu seinem 250. Geburtstag untersucht. Grund für die verschiedenen Projektionen sei vor allem die Offenheit seines Werkes und seiner Person, die letztendlich immer Geheimnis bleibe, sagt der Hölderlinkenner Schmidt.

Daher hätten zu unterschiedlichen Zeiten auch immer verschiedene Perspektiven auf ihn eine Rolle gespielt. Der Dichter als Seher etwa im literarischen Stefan-George Kreis oder die Instrumentalisierung für die Nationalsozialisten, die seinen Heimat-Begriff für sich mißbraucht hätten. Schließlich habe auch der Philosoph Heidegger Hölderlin als Rettung aus der Modernen Welt verstanden.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Literatur 250. Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin

2020 jährt sich der Geburtstag von Friedrich Hölderlin zum 250. Mal. Kaum ein anderer Dichter fordert die Künste und seine Leserschaft bis heute so heraus wie er. Mit seinen kühnen Sprachexperimenten, die keiner Strömung, weder der Klassik noch der Romantik, zuzuordnen sind, führte er die Dichtung in die Moderne.  mehr...

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