Literatur

Kurt Krömer spricht in seinem neuen Buch offen über seine Depression

STAND
AUTOR/IN
Ina Beyer

„Ich war dreißig Jahre depressiv. Ich muss damit leben. Und ich habe keinen Bock, das zu verheimlichen.“ Mit diesem Satz löste der Komiker Kurt Krömer in seiner Sendung eine Welle der Anteilnahme aus. Wie diese dreißigjährige Leidensgeschichte im Detail aussah, das hat Alexander Bojcan, so Krömers bürgerlicher Name, nun in einem Buch festgehalten.

Audio herunterladen (3,8 MB | MP3)

Die „hässliche Hexe Depression“ hatte Krömer jahrzehntelang im Griff

Kurt Krömer wagt sich aus der Deckung. Die Kunstfigur Kurt Krömer. Die schreibt das Buch „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst – Meine Depression“ – und genau das ist der springende wie mutige Punkt. Denn auf den 190 folgenden Seiten geht es um Alexander Bojcan. Den Mann hinter Kurt Krömer.

Den Menschen jenseits der Fernsehbühne. Alle Scheinwerfer aus. Schwarze Wolke. So beschreibt der bekannte Komiker seine Krankheit. Viele Jahrzehnte hat sie ihn umflort, bevor endlich die Diagnose feststand, im Herbst 2020. Acht Wochen lang geht er ambulant in eine Klinik. Danach fühlt er sich geheilt und gewappnet, es öffentlich zu machen. In seiner Show „Chez Krömer“ spricht er mit seinem Kollegen Torsten Sträter erstmals über die Depression. 

 Offene Erzählungen über Alkohol, Impotenz und den Alltag mit Depressionen

Schonungslos offen erzählt Alexander Bojcan in seinem Buch darüber, wie er mit Alkohol versucht hat, die Depression zu bekämpfen und dann zwei Feinde hatte, die es niederzuringen galt. Wie er oft Zuflucht im Bett suchte vor dem Alltag mit vier Kindern, von denen er drei allein erzieht.

Sie frühmorgens für die Schule fertig zu machen schafft er gerade noch, dann ging es wieder in die Horizontale bis zur Heimkehr der Kleinen. Seinen Kindern ist das Buch gewidmet. Gemeinsam haben sie viel durchgemacht. Ihr Vater erzählt von den schweren Mühen der Ebene – als krankes Familienoberhaupt, aber auch als impotenter Liebhaber.

Der Autor verschont sich und den Leser nicht mit zahlreichen Urologenbesuchen, läßt ihn teilhaben an seinen Ängsten und Panikattacken, den vielen traurigen Jahren mit der Krankheit, die viele Gesichter aber noch keinen Namen hatte. Bis eine Therapeutin endlich die Depression benennt und ihn an einen befreundeten Chefarzt verweist. Der achtwöchige ambulante Klinikaufenthalt – der ausführlich im Buch beschrieben wird – bringt auch bittere Erinnerungen an die eigene Kindheit mit rabiatem Vater. 

Michael Gwisdek wurde zur Vaterfigur für Krömer 

Alexander Bojcan hat den Mut, über all die Abgründe zu sprechen, an denen er entlang taumelte. Es gab aber auch einen Mann, auf den konnte er als Mensch und Künstler bauen. 2008 haben sie sich bei Dreharbeiten zum Film „Die Abenteuer des Huck Finn“ kennengelernt. Aus dem Kollegen wurde sein bester Freund:

Michael Gwisdek (Foto: IMAGO, IMAGO / STAR-MEDIA)
Der Schauspieler Michael Gwisdek spielte in Filmen wie „Goodbye, Lenin!“, „Nachgestalten“ oder in „Olle Henry“. IMAGO / STAR-MEDIA

 Schwere Kost und leichte Lektüre

Dieses Buch ist schwere Kost und leichte Lektüre zugleich. Weil es Hoffnung macht, dass die schwarze Wolke vertrieben werden kann. Auch wenn die professionelle Hilfe nicht immer vom Chefarzt kommt wie beim privatversicherten Alexander Bojcan.

Darüber spricht er genauso unverblümt wie über seine Krankheit und genau damit möchte er all jene unterstützen und bestärken, denen die dicke, alte, häßliche, fette Hexe Depression auf der Brust sitzt. Das letzte Wort hat dann aber doch wieder Kurt Krömer. Scheinwerfer an: 

 „Ich möchte nicht der Depressive sein, der nebenbei Kunst betreibt. Also, so sieht das aus: Für alle, die Fragen haben zur Leidensgeschichte von Kurt Krömer, ist dieses Buch. Der Rest ist Kunst.“

Psychologie Therapieplatz gesucht – Warten auf psychotherapeutische Hilfe

Etwa ein halbes Jahr warten Menschen mit Depressionen, Ängsten oder anderen psychischen Störungen auf Hilfe. Ein Problem: Es gibt zu wenig Kassensitze für Psychotherapeut*innen.

SWR2 Wissen SWR2

Musik & Psyche Depressionen im Pop — Nicht nur Stromae singt darüber

Schon in „Alors on danse“, seinem ersten großen Charterfolg in Deutschland 2009 zeigte der belgische Rapper und Sänger Stromae sein Talent darin, einen eingängigen Song mit einem tiefgründigem, melancholischem Text zu verbinden. In seiner aktuellen Single „L'Enfer“ („Die Hölle“) erzählt er nun von Selbstzweifeln und Selbstmordgedanken. Während das Thema psychische Gesundheit in der Gesellschaft erst langsam in den Fokus rückt, ist die Depression für viele Pop-Künstler*innen schon lange Hindernis und Inspirationsquelle zugleich.

Gespräch Jung, kreativ und depressiv – Die Singer-Songwriterin Clara Louise will Mut machen

Clara Louise erkrankt als Teenager erstmals an einer Depression. Sie findet Hilfe, lernt den Umgang mit der Krankheit und erreicht viele andere Betroffene mit ihren Songs und Gedichten.

SWR2 Tandem SWR2

STAND
AUTOR/IN
Ina Beyer