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Verneigung vor dem Jahrhundertwerk der Sprachartistin Friederike Mayröcker

Diese Nominierungsliste bietet reichlich Stoff zum Diskutieren. Und das ist ein großer Vorteil, denn im Grunde handelt es sich bei fast allen Titeln um Überraschungen.

Wer hätte gedacht, dass die Jury den vermutlich letzten Gedichtband der 1924 geborenen Friederike Mayröcker auswählt? Hier scheint sich die literarische Welt nicht nur vor ihrem gewohnt experimentierfreudigen Buch „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“, sondern eben auch vor dem Jahrhundertwerk einer Sprachartistin zu verneigen.

Helga Schubert verpackt ein ganzes Leben in 29 Geschichten, die nicht alle preiswürdig sind

Wer hätte gedacht, dass Helga Schubert mit ihrem Erzählband „Vom Aufstehen“ nominiert würde, in dem nicht nur der Klagenfurter Text der Bachmannpreisträgerin, sondern ein 80-jähriges Leben in 29 Geschichten verpackt ist, die literarisch, das sei immerhin angemerkt, nicht durchweg preiswürdig sind.

Iris Hanika schlägt einen Bogen von Ovids Narziss-Mythos zum Partyleben von Großstädtern

Wer hätte gedacht, dass mit dem im vergangenen Sommer veröffentlichten Roman „Echos Kammern“ von Iris Hanika ein kurios ambitioniertes Buch auf der Shortlist steht, in dem nicht nur Ovids Narziss-Mythos, sondern auch das Partyleben von Großstädtern, Liebes- und Selbstbetrug, Tourismus, Gentrifizierung und noch ein paar andere Themen gespiegelt und gemischt werden?

Wer hätte gedacht, dass mit Christian Krachts „Eurotrash“ die vieldiskutierte Fortsetzung seines Romans „Faserland“ ausgewählt würde?

Judith Hermann muss mit „Daheim“als Favoritin gelten

Sozusagen als weiblicher Gegenpart steht noch ein anderer Literaturstar der 1990er Jahre auf der Auswahl, nämlich Judith Hermann. Tatsächlich ist der Berliner Schriftstellerin mit ihrem Roman „Daheim“ ein großer Wurf gelungen, und sie muss nun als Favoritin gelten.

Wie Hermann ihre namenlose Ich-Erzählerin mit einem alten Zaubertrick in ein neues Leben schickt, wie sie ihre Figuren in Kisten steckt, sie zersägt und am Ende alles wieder neu zusammensetzt, ist auch deshalb beeindruckend, weil sich hier eine immer wieder heftig kritisierte Schriftstellerin neu erfindet.

Die Auswahl ist auch eine Entscheidung gegen aktuelle Strömungen in der literarischen Debatte

Die Auswahl darf übrigens auch als Entscheidung gegen aktuelle Strömungen in der literarischen Debatte aufgefasst werden. Es wäre naheliegend gewesen, die Romane „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo und „Identitti“ von Mithu M. Sanyal auszuwählen, allein weil sie auf sehr unterschiedliche Weise die hitzige Diskussion um Sinn und Unsinn identitätspolitischer Konzepte aufgreifen. Aber diese Bücher konnten die Jury offensichtlich nicht überzeugen.

Es gibt immer Bücher, die bei den Nominierungen vermisst werden

Es ist immer leicht, einige Titel zu nennen, die vergessen, übergangen oder aus anderen Gründen nicht nominiert worden sind: Die einen werden Monika Helfers dramaturgisch versierte und wirklich schöne Autofiktion „Vati“ vermissen, andere die herrlich durchgedrehte Aussteigergeschichte „Zandschower Klinken“ des ostdeutschen Schriftstellers Thomas Kunst.

Weder Ulrich Peltzers cineastische Berlin-Erinnerung „Das bist du“ noch der unlängst mit dem Düsseldorfer Literaturpreis ausgezeichnete Roman „Der zweite Jakob“ von Norbert Gstrein sind in die Runde der fünf belletristischen Titel aufgenommen worden. Dabei ist Gstreins Werk übers Älterwerden in vielerlei Hinsicht ein Geniestreich.

Das Gestern ist längst nicht vergangen

Was hingegen die nominierten Titel vereint, ist ihr leidenschaftlicher Blick zurück. Das Gestern, scheinen diese Werke zu sagen, ist längst nicht vergangen. Dieses literarische Geschichtsbewusstsein in einer Nominierungsliste zu vereinen, ist auch etwas rührend.

Leipzig

Leipziger Buchmesse 2021 Alle Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021

Das Literaturfestival „Leipzig liest“ konnte mit mit vielen Lesungen und Gesprächen endlich wieder die wichtigsten deutschsprachigen Titel des Frühjahrs präsentieren. Ein Signal der Hoffnung für die Buchbranche.  mehr...

SWR2 Rezensionen zu den Nominierten in der Kategorie Belletristik

Buchkritik Friederike Mayröcker - da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete

In ihrem neuen poetischen Journal verbindet Friederike Mayröcker Naturbeobachtung, Erinnerung an Weggefährten mit Reflexionen über das Dichten. Selten hat die Autorin ihren Lesern solch Einblicke in ihre Schreibwerkstatt gewährt. Rezension von Andreas Puff-Trojan. Suhrkamp Verlag ISBN 978-3-518-22515-8 202 Seiten 24 Euro  mehr...

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

Buchkritik Helga Schubert - Vom Aufstehen

Die 80-jährige Bachmann-Preisträgerin erzählt in diesem autobiographischen Roman von den Prägungen ihres Lebens: Kriegs-und Flüchtlingskindheit, Alltag in der DDR – und eine traumatisierte, hartherzige Mutter. Ein berührendes Buch über das Verzeihen und Ankommen bei sich selbst.
Rezension von Theresa Hübner.
dtv, 224 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-423-28278-9  mehr...

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

Lesung und Diskussion Iris Hanika: Echos Kammern

Eine Schriftstellerin läuft durch New York und möchte ein Buch über die Stadt schreiben. Die Welt ist unübersichtlich, ein riesiger Hallraum, in dem die Geräusche urbanen Lebens sich mit dem fernen Klang der antiken Mythen vermischen.  mehr...

SWR Bestenliste SWR2

SWR2 Rezensionen zu Büchern, die im Kommentar erwähnt werden

Buchkritik Sharon Dodua Otoo - Adas Raum

Sie heißen alle Ada: Die eine lebt 1459 in Ghana, die zweite 1848 in London, die dritte in einem KZ in Thüringen, und die vierte kommt 2019 nach Berlin. Ihr Name verbindet sie miteinander – und auch ein geheimnisvolles Armband, das über die Jahrhunderte weitergegeben wird. Mit „Adas Raum“ hat Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo ihren ersten Roman vorgelegt: eine verschlungen poetische, aber manchmal auch etwas plakative Geschichte.
Rezension von Katharina Borchardt.
S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-10-397315-0  mehr...

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

Buchkritik Mithu Sanyals Buch „Identitti“: Ich ist eine andere

In ihrem Debütroman „Identitti“ geht die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal der Frage nach, was der Kern von kultureller und sexueller Identität ist.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Buchkritik Monika Helfer – Vati

Nach ihrem Bestseller „Die Bagage“ erkundet Monika Helfer weiter die eigene Familiengeschichte. Ihr „Vati“ ist ein verwitweter Kriegsversehrter, der Bücher liebt. Der Roman erzählt von der Hoffnung der Nachkriegsgesellschaft auf ein besseres Leben, aber auch von sprachlos machenden Lebenslügen.
Rezension von Carsten Otte.
Hanser Verlag, 176 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3446269170  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Buchkritik Verrückte Aussteigergeschichte: „Zandschower Klinken“ von Thomas Kunst

Mit dem Roman „Zandschower Klinken“ legt Schriftsteller Thomas Kunst eine verrückte Aussteigergeschichte vor: Der dichtende Taxifahrer Bengt Claasen beginnt in einem fiktiven ostdeutschen Örtchen namens Zandschow ein neues Leben. Dort sitzen die Menschen an einem Feuerlöschteich und schicken Plastikschwäne auf das Gewässer, das sie für den Indischen Ozean halten. Eine poetische, in aberwitzig unterschiedlichen Erzählperspektiven und musikalischen Wiederholungsschleifen inszenierte Utopie, die sich sprachlichen und inhaltlichen Konventionen verweigert.
Thomas Kunst: Zandschower Klinken, Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 254 Seiten, 22 Euro  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Buch der Woche Ulrich Peltzer – Das bist Du

Punk und Pop, Kneipen, Kultur und Lust an der Theorie: Ulrich Peltzer schreibt den Soundtrack der frühen 80er Jahre in West-Berlin. Das schillernde Selbstporträt des Künstlers als junger Mann, der sich selbst fremd geworden ist.  mehr...

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

Lesung und Diskussion Ulrich Peltzer - Das bist du

Das West-Berlin der frühen 1980er-Jahre: Ein Möglichkeitsraum, in dem Ideen, Theorien, Filme, Lektüren ineinanderfließen. Ulrich Peltzer ist ein Meister der erlebten Rede. Er blickt zurück auf eine Epoche des intellektuellen Wagemuts.  mehr...

SWR Bestenliste SWR2

Buchkritik Norbert Gstrein - Der zweite Jakob

Was ist das Schlimmste, das du je getan hast? Diese Frage plagt den Schauspieler Jakob, denn er hat in seinem nunmehr fast 60-jährigen Leben eine Menge falsch gemacht. „Der zweite Jakob“ von Norbert Gstrein ist ein mitreißender Roman über den verzweifelten Versuch, sich der eigenen Herkunft und einer beschämenden Biografie zu entledigen.
Rezension von Carsten Otte.
Hanser Verlag, 448 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-446-26916-3  mehr...

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