Buchkritik

Juri Andruchowytsch – Radio Nacht

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AUTOR/IN
Kristine Harthauer

Was er denn machen würde, wenn er kein Schriftsteller mehr wäre – wurde der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch mal von polnischen Studenten gefragt. Seine spontane Antwort: Er würde ein Radio gründen und die ganze Nacht nur traurige Musik spielen.

Jahre später hat er diese Idee in seinen neuesten Roman eingebaut und das Buch auch gleich nach der Sendung benannt: „Radio Nacht“.

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Sie hören RADIO NACHT, am Mikrofon ist Josip Rotsky. Dies ist Radio für alle, die am Limit sind, in einer Sackgasse stecken, nicht schlafen und nachdenken. Für solche wie Sie spiele ich meine Lieblingsmusik: Lubmoyr Melnyk. Rippels in a Water Scene. Gekräusel auf der Wasserbühne.
(aus: Juri Andruchowytsch - Radio Nacht)

Von einer Gefängnisinsel aus, man weiß nicht wo, irgendwo auf dem Nullmeridian, sendet Josip Rotsky seine „Radio Nacht“. Traurige Musik und Geschichten aus seinem Leben, für alle Schlaflosen dieser Welt. Er erzählt von seiner Rockband „Doktor Trahabat“, von seinem reichen Liebesleben, davon wie er als „Aggressor“ in seiner Heimat berühmt wurde, weil er als Straßenpianist die Revolution unterstützte.

Berühmt ist er auch als der Mörder des vorletzten Diktators Europas: Er hat ihn mit einem Hühnerei beworfen, der Diktator erschrak und starb. Rotsky wurde eingebuchtet, kam durch Zufall als reicher Mann wieder aus dem Gefängnis und führt eine Zeit lang ein Leben im Untergrund: Irgendwo in den Karpaten, in einer fiktiven Stadt namens „Nashorn“. Bis der Geheimdienst Jagd auf ihn und sein Geld macht.

An einen Schelm erinnert einen dieser Rotsky, einen Vagabund nennt Juri Andruchowytsch seine Figur:

„Er hat für sich so eine Lebensidee erfunden, dass die echte persönliche Freiheit Einsamkeit bedeutet. Und das bedeutet für ihn Sehnsucht.“

Sehnsucht nach der alten Zeit klingt auch an bei der Musik, die der Radiomoderator Rotsky in die Nacht sendet: Tom Waits, David Bowie, Nils Frahm…

Dieser Soundtrack ist auf youtube zu finden und der Link im Buch als QR-Code abgedruckt:

Und dann gibt es noch einen zweiten Erzählstrang, der auch mit Vergangenheit und Sehnsucht zu tun hat: Ein namenlos bleibender Erzähler macht sich auf Spurensuche nach diesem Rotsky. Er soll eine Biografie über ihn verfassen, und wir folgen ihm bei seiner Recherchereise.

Dass das keine einfache Angelegenheit wird, zeigt allein schon Josip Rotskys Name: Eine lautmalerische Mischung aus Joseph Roth, dem aus Galizien stammenden Autor, und Joseph Brodksy, dem russischen Literaturnobelpreisträger, dessen nationalistisches Schmähgedicht gegen die Ukraine heute in russischen Staatsmedien zitiert wird. Politische, historische und literarische Anspielungen ziehen sich durch das Buch, geben ihm einen musikalischen Rhythmus. Anders könne er gar nicht schreiben, sagt Juri Andruchowytsch:

Das mache ich auch immer so spontan, wenn ich irgendeinen Satz angefangen habe und plötzlich kommt mir ein Wort und hinter diesem Wort kommt schon eine Assoziation, eine interkulturelle Anspielung, dann mache ich das.

Seine Art zu schreiben, spiegelt gewissermaßen auch den Ort wider, an dem Juri Andruchowytsch geboren ist und heute noch lebt: Iwano-Frankiwsk, eine Stadt im Südwesten der Ukraine, in der historischen Region Galiziens, die von der Westukraine bis nach Südpolen reicht - ein Schmelztiegel der Kulturen, Religionen und Geschichte.

Auch Andruchowytschs Literatur ist ein solcher Schmelztiegel: Wie Schichten liegen Querverweise und Anspielungen übereinander, lassen manches mal mehr mal weniger eindeutig durchblitzen. Rotsky gewinnt einen Raben namens Edgar als Freund und schließt einen faustischen Pakt mit einem Mann namens Meph. Und dann ist da noch die blutige Revolution im Herzen einer osteuropäischen Hauptstadt. Alles deutet auf die Maidan-Proteste hin, nur das Wort „Ukraine“ kommt in „Radio Nacht“ kein einziges Mal vor.

Auch hier hat Andruchowytsch sich Spielraum geschaffen und ein Land beschreiben wollen, das für viele post-totalitäre Länder in Osteuropa stehen kann. Denn während im Roman die Revolution gescheitert und vergessen ist, sieht Juri Andruchowytsch den Euromaidan optimistischer:

Unser Euromaidan war auch keine Niederlage. Wir haben damals unsere Freiheit verteidigt und keine Diktatur in unserem Land erlaubt. Und dass Rotskys Land so pessimistisch aussieht, ist natürlich für mich, für diesen Roman wichtig, weil das auch ein zusätzlicher, wenn nicht der Hauptumstand ist, warum Rotsky sein Land verlassen muss. Warum kann er dort nicht mehr leben?

Nicht nur in seinem Heimatland kann Rotsky nicht bleiben, es scheint nirgendwo einen sicheren Ort für ihn zu geben: Das Regime und der Geheimdienst sind ihm auf der Spur. Wer genau diese Leute sind, wird nicht gesagt, nur dass sie eine Sprache sprechen, die früher mal Russisch genannt wurde. Warum früher, auch das lässt Andruchowytsch offen.

Vor zwei Jahren ist „Radio Nacht“ in der Ukraine erschienen. Mit Josip Rotsky als politischem Migranten, als einem, der nicht in seiner Heimat bleiben kann und der auf der Flucht ist, liest sich der Roman jetzt bedrückender und aktueller denn je. Auf die Frage, ob er das Buch heute anders schreiben würde, meint Andruchowytsch, er habe mit dem Projekt längst abgeschlossen und widme sich einem neuen Text, den er wenige Tag vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine begonnen habe. In seiner Heimatstadt im Westen der Ukraine fühle er sich relativ sicher, aber er sei auch froh darüber, auf seiner Lesereise auf die Lage in der Ukraine aufmerksam machen zu können.

Ruhe und Sicherheit findet Josip Rotsky schließlich in seinem Radiostudio auf einer Gefängnisinsel. Ist der Rückzug in die Zelle und raus der Welt der einzige sichere Ort in einer Zeit voller Krisen? Er habe das Gefühl spürbar machen wollen, dass die Welt in die falsche Richtung laufe, sagt Juri Andruchowytsch. Aber gleichzeitig bleibe er hoffnungsvoll:

Für mich das Entstehen eines Romans schon ein Akt der Hoffnung. Wenn wir Romane lesen, wenn ein Dialog zwischen Autor und Leserschaft stattfindet, dann ist das schon ein Zeichen von Hoffnung. Und das ist ein optimistischer Akt per se.

Buchkritik Juri Andruchowytsch - Die Lieblinge der Justiz

Juri Andruchowytsch stellt in seinem jüngsten Roman "Die Lieblinge der Justiz" die Frage, wer blutrünstiger ist: Der Mörder oder die Gesellschaft, in der er lebt.
Rezension von Michael Au.

Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42906-8
299 Seiten
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