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Julian Nida-Rümelin – „Cancel Culture“ – Ende der Aufklärung?

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AUTOR/IN
Judith Reinbold

Canceln ist seit jeher Teil unserer Kulturgeschichte, doch die Fronten in der oft hoch emotionalen Debatte um die Cancel Culture, also das Unterbinden bestimmter Meinungsäußerungen, sind zunehmend verhärtet. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin beleuchtet in „„Cancel Culture" – Ende der Aufklärung? Ein Plädoyer für eigenständiges Denken" das Phänomen des Cancelns aus demokratie- und erkenntnistheoretischer Perspektive und ist überzeugt: Die Demokratie muss auch unbequeme Meinungen aushalten.

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Abseits der überhitzen Debatten will der Philosoph Julian Nida-Rümelin eine tiefergehende Analyse der sogenannten Cancel-Culture bieten – und dabei helfen, diese Praktiken des Zum-Schweigen-Bringens unerwünschter Meinungen und ihre Auswirkungen besser zu verstehen.

Canceln: ein Phänomen der Kulturgeschichte

Zunächst erläutert der Autor einige philosophischen Grundannahmen zur Cancel-Culture: Denn die großen Denker, von Platon und Aristoteles über Thomas Hobbes bis René Descartes befassten sich damit, welche Rolle Kritik und offener Meinungsaustausch für Gesellschaften spielen.

Das zeigt, dass Canceln ein uraltes Phänomen unserer Kulturgeschichte ist. Es kann extreme Formen annehmen, wie im Falle Galileo Galileis, dessen Erkenntnisse zur Astronomie auf radikalste Art unterdrückt wurden. Interessant sind zudem die unbekannteren Beispiele aus der jüngeren Geschichte. Zum Beispiel der arco costituzionale in Italien, der Verfassungsbogen, der nach dem Zweiten Weltkrieg faschistische Kräfte von rechts ebenso ausschloss wie antidemokratische von links.

Nida-Rümelin befasst sich vor allem mit historischen Entwicklungen und beleuchtet das Canceln aus erkenntnis- und demokratietheoretischer Perspektive. Dabei lässt er aktuelle Skandale wie den um Winnetou oder um den Schlager-Song Layla außen vor. Dieser nüchtern-analytische Blick ist – trotz wenigen zugespitzt formulierten Passagen, die aber nicht polemisch wirken – eine wohltuende Abwechslung in der oft emotional aufgeladenen Debatte.

Gefahr für die demokratische Praxis?

Trotzdem bezieht der stellvertretende Vorsitzende des deutschen Ethikrats Position. „Canceln" ist für ihn keine Lösung, im Gegenteil, er sieht die Demokratie durch eine enthemmte „Cancel Culture“ in Gefahr, denn eine - so schreibt Nida-Rümelin - „Demokratie, die lediglich gelenkte und formatierte Informationen zulässt, verletzt das Recht auf Selbstbestimmung und gefährdet die epistemischen Grundlagen demokratischer Praxis.“. Er zeigt sich überzeugt, dass der offene, angstfreie Austausch von Argumenten die Basis jeden Erkenntnisgewinns ist.

Es zeichne die Demokratie aus, dass Argumente ausgetauscht und Einwände berücksichtigt werden. Sie muss unerwünschte Meinungen ertragen, Widersprüche aushalten und Konflikte austragen, anstatt sie zu unterbinden. Das nämlich birgt eine Gefahr für die Demokratie, etwa weil es den Populismus stärken kann: Menschen, die sich ohnehin bevormundet fühlen, sehen sich durch das Canceln bestätigt und wenden sich denjenigen zu, die ihrer Wut – vermeintlich oder tatsächlich – eine Stimme verleihen.

Forum Woke und identitär – Wird die Aufklärung gecancelt?

Claus Heinrich diskutiert mit
Prof. Dr. Susan Neiman, Direktorin Einstein Forum, Potsdam
Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, Gründungsrektor Humanistische Hochschule, Berlin
Prof. Dr. Bernd Stegemann, Kultursoziologie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, Berlin

SWR2 Forum SWR2

Dialog und Vernunftgebrauch statt Verbot

Zugleich ist dem Autor bewusst, dass bei aller Forderung nach Toleranz und Offenheit ein legitimes Interesse daran bestehen kann, bestimmte Überzeugungen zum Schweigen zu bringen. Sie sollten aber durch Dialog und Vernunftgebrauch entkräftet und nicht von vornherein unterdrückt werden. Dazu braucht es laut Nida-Rümelin eine gute Debattenkultur, für die einige Voraussetzungen erfüllt sein müssen: Die Wissenschaft muss relevante Erkenntnisse gut verständlich formuliert in den öffentlichen Diskurs einspeisen. Die Politik soll transparent sein und ihr Handeln tatsachenorientiert begründen. Die Gesellschaft soll geltende Normen immer wieder neu ergründen und sich um einen offenen Austausch bemühen.

Voraussetzung dafür ist, dass der Mensch seine Urteilsfähigkeit einsetzt und vernunftorientiert entscheidet. Dies ist der Grundpfeiler der Debattenkultur, die Nida-Rümelin als Problemlösung vorstellt. Jedoch liegt dem eine sehr optimistische Einschätzung des menschlichen Wesens zugrunde. Was, wenn der Mensch nicht so einsichtsfähig und vernunftbegabt ist, wie sich der Autor das vorstellt?

„Cancel Culture – Das Ende der Aufklärung?“ ist dennoch ein wertvoller und lesenswerter Beitrag zur Debatte und eine gute Anregung, sie sachlicher, lösungsorientierter und damit zielführend zu gestalten. Wie praxistauglich die Ideen sind, bleibt jedoch fraglich – vermutlich müssten sie weitergedacht und um einige klare Grundregeln und Sanktionsmöglichkeiten ergänzt werden.

Sachbuch Darum ist der „Cancel Culture“-Diskurs nicht mehr als moralische Panikmache

Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub widmet sich in seinem neuen Buch „Cancel Culture Transfer“ der gegenwärtig heftig debattierten, angeblichen Bedrohung der Meinungsfreiheit durch „Cancel Culture“.

SWR2 am Morgen SWR2

Feature | ARD Radiofeature Wissenschaftsfreiheit – Doku über drohende Cancel Culture in Wissenschaft und Forschung

Bedroht “Cancel Culture” die Wissenschaftsfreiheit? Der Vorwurf kommt von rechten und konservativen Akademiker:innen. Das Universitätssystem erscheint zunehmend polarisiert.
Von Andreas Horchler

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Überarbeitete Kinderbücher Gelassenheit statt Kulturkampf: Die Debatte um Änderungen in Roald Dahls Büchern

Die Bearbeitung von Kinderbüchern von Roald Dahl hat einen heftigen Streit um Zensur ausgelöst. Aber handelt es sich wirklich um Zensur? Oder vielleicht eher um den zeitgemäßen Versuch, diese Texte von Stereotypen und Diskriminierung zu befreien? Der Literaturwissenschaftler Johannes Franzen von der Universität Siegen hat sich mit Roald Dahls Büchern beschäftigt und rät zu Gelassenheit.
Roald Dahl ist bekannt und auch geliebt für seinen schwarzen Humor und die Gemeinheiten in seinen Geschichten. Auch Kinder lieben ihn dafür. Wenn nun in aktuellen Bearbeitungen Begriffe, die verletzend wahrgenommen werden, verändert werden, mag das diesen Charakter der Bücher Dahls schmälern. Nicht aber die Inhalte und Stories so verändern, dass sie nicht wiedererkennbar wären, meint Johannes Franzen. Die Notwendigkeit oder zumindest das Interesse an den Anpassungen sieht der Literaturwissenschaftler auch ganz pragmatisch. Etwa auf Seiten der Erbengemeinschaft von Roald Dahl, deren Anliegen es gerade in Hinblick auf den Verkauf von Rechten ist, dass die Bücher zeitgemäß bleiben.
Kinderbücher als besondere Fall in der Debatte
Für das Genre „Kinderbuch“ ist die Frage um Adaptionen und Aktualisierung besonders spezifisch. Einerseits, so Franzen, ist Kindern die philologische Integrität von Büchern relativ egal. Sie wollen gute Geschichten lesen. Andererseits sind Kinder zugleich schutzloser, können Dinge nicht so einfach kontextualisieren. Das wäre die Aufgabe der Eltern, denen oft die Kapazitäten und vielleicht auch die Lust dazu fehlen. Adaptionen und Veränderungen, die ja auch für andere Stoffe längst üblich sind, kennt man deshalb schon lange.
Tradition der Adaption
Auch für die Stoffe von Roald Dahl gibt es diese Adaptionen schon länger. Angesichts der kritikwürdigen Person Dahl – er war offener Antisemit – kein Wunder. Zugleich, so Franzen, könnte man auch die Frage stellen, warum Bücher, in denen es so explizit auch immer wieder um das Bestrafen und Auslagen geht, tatsächlich noch Relevanz haben sollten. Aber das ist ein Prozess, der gesellschaftlich verhandelt werden muss. Was Dahl betrifft, faszinieren viele Leser seine Figuren und Geschichten bis heute.
Gelassenheit statt Kulturkampf
Die von Salman Rushdie nun ausgelöste heftige Debatte führt Johannes Franzen eher auf eine Politisierung des Umgangs mit Literatur zurück. Schon Dahl selbst hat unter Einfluss von Verlegern und seinem Umfeld seine Figuren und Geschichten verändert und bearbeitet. Im Streit jetzt geht es leider weniger um eine differenzierte Betrachtung von Literatur und ihrer Rezeption, sondern um die Vereinnahmung dieses Falls in die Debatte um linke und linksliberale Cancel-Culture.

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Zeitgenossen Julian Nida-Rümelin: „Politik ist kein Beruf“

Was macht ein Philosoph, der sich mit praktischer Vernunft und Entscheidungstheorie beschäftigt? Er geht in die Politik. Julian Nida-Rümelin war vor seiner Professur an der Ludwig-Maximilians-Universität Kulturreferent in München und Kulturstaatsminister in der Regierung Schröder.

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Mitbestimmung und Bürgerbeteiligung Pädagogikprofessor: Demokratie in der Schule lernen!

Unsere Zukunft entscheidet sich an den Schulen, sagen die Autoren Julian Nida-Rümelin und Klaus Zierer. „An den Schulen sollten junge Menschen mehr lernen, wie sie mitbestimmen und bei wichtigen Entscheidungen einbezogen werden können“, erklärt Zierer im Gespräch mit SWR2. Das Ziel müsse sein, dass die Schüler Handlungskompetenz aufgrund demokratischer Strukturen haben. Das sei jedoch die Seltenheit.
Demokratie gegen das Auseinanderdriften
„Wenn Demokratie in der Schule nicht gefördert werde, droht ein weiteres Auseinanderdriften in der Gesellschaft”, meint Zierer. Es drohe zudem „ein weiterer Rückgang im Ehrenamt, der Wahlbeteiligung und womöglich auch eine Zuspitzung hinsichtlich des Vertrauens in das politische System“. Das könne man bereits heute in anderen Kontexten beobachten.
Wir müssen uns kümmern!
„Das Vertrauen in die demokratischen Institutionen ist seit Jahren rückläufig“, so Zierer. Sein Buch „Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet“, sei ein Plädoyer dafür, dass wir uns darum kümmern müssen. Es ist im Hirzel Verlag erschienen und kostet 26 Euro.

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Judith Reinbold