Buchkritik

Julian Barnes – Elizabeth Finch

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AUTOR/IN
Alexander Wasner

Was für eine Frau! Student Neil ist hingerissen von seiner Professorin Elizabeth Finch, bekannt für unkonventionelles Denken. Die beiden freunden sich an, bis Finch zwanzig Jahre später stirbt. Danach setzt Neils Heiligenverehrung ein: Er will aus dem Nachlass seiner Geliebten ein Denkgebäude bauen.
Julian Barnes neuer Roman „Elizabeth Finch“ macht es seinen Fans nicht leicht. Auf der einen Seite ist es die Geschichte einer charismatischen Professorin, auf der anderen Seite ein Ausflug in die Religionsgeschichte.

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Elizabeth Finch ist souverän und klug - Neil ist von Anfang an hin und weg

Elizabeth Finch ist eine beeindruckende Frau, egal ob es sie wirklich gab oder ob sie nur in der Literatur lebt. Kettenraucherin, Migränepatientin und einer der unabhängigsten Köpfe, die man sich an einer Hochschule vorstellen kann. Angstfrei, hochsouverän.

„Sie stand vor uns ohne Notizen, Bücher oder Anzeichen von Nervosität. Das Pult war mit ihrer Handtasche belegt. Sie schaute in die Runde, lächelte, schwieg und begann.“
(Aus Julian Barnes: Elizabeth Finch)

„Kultur und Zivilisation“ heißt ihr Seminar, es gibt eine Leseliste, aber die ist nicht verpflichtend.

Julian Barnes erzählt die Geschichte der Elizabeth Finch aus der Perspektive eines ihrer Studenten. Er heißt Neil und schlägt sich im Lauf des Romans als Kellner, Comedian und geschiedener Vater durch.

Er ist von der ersten Vorlesung an ihr Fan, schreibt mit, nimmt ihre Denkbewegungen auf, als wären es die Worte einer Heiligen. Philosophie, praktische Lebensgestaltung, Religionsgeschichte, Elizabeth Finch kennt keine Schubladen. Auch nach dem Studium gehen der Comedian Neil und seine Dozentin regelmäßig essen, zwanzig Jahre lang.

„In ihrer Gegenwart war ich klüger, ich wusste mehr, ich konnte besser argumentieren und ich wollte ihr unbedingt Freude bereiten.“
(Aus Julian Barnes: Elizabeth Finch)

Doch: Was soll man erzählen über eine Frau, egal wie toll sie ist, wenn biographisch wenig passiert und das, was den Helden am meisten fasziniert, das stoisch-wilde Denken der Heldin ist?

Julian Barnes kann sich nicht richtig entscheiden zwischen Roman und Theorie

Julian Barnes kann sich in diesem Buch nicht richtig entscheiden zwischen Roman und Theorie. Er packt zwanzig Jahre Schüler-Lehrer-Verhältnis in die ersten 60 Seiten und lässt Elizabeth dann schon sterben.

Danach beginnt, was bei Heiligen nun mal post mortem kommt. Neil kommt in den Besitz des schriftlichen Nachlasses, aphoristische Texte, Tagebuchansätze, Notizen. Und er versucht, daraus ein Denkgebäude aufzubauen. Manche der aphoristischen Kurztexte sind allerdings wirklich schön.

„Die Welt ist schlecht eingerichtet, weil Gott sie ganz alleine erschaffen hat. Er hätte ein paar Freunde zurate ziehen sollen.“
(Aus Julian Barnes: Elizabeth Finch)

Bei anderen hat man das Gefühl, Elizabeth Finch sei sowas wie die Sprechpuppe von Julian Barnes, der hier seine eigene Geschichtstheorie ausarbeitet, denn historische Stoffe durchziehen seine Bücher schon immer, sei es Schostakowitsch in der Stalinzeit in Barnes‘ Bestseller „Der Lärm der Zeit“, sei es das französische 19.Jahrhundert im Roman „Flauberts Papagei“ oder überhaupt „Eine Geschichte der Welt in 10½ Kapiteln“, wie ein Erzählband von ihm heißt. Jetzt legt er seiner Heldin eine Notiz in den Nachlass.

Die Leute sagen, es sei alles durch die Genetik bestimmt, durch die Erziehung, durch die Geographie, durch den Aufenthalt im Mutterleib, durch die Natur, durch Umwelteinflüsse. Sie merken nicht, dass da ein Elefant im Raum steht und laut trompetet: Historie.
(Aus Julian Barnes: Elizabeth Finch)

Aus dem Nachlass von Elizabeth schreibt Neil erst einen Essay über einen römischen Kaiser, dann einen Aphorismenband

Und damit kommen wir ganz natürlich zum großen irritierenden Moment des Romans. Das heißt Julian Apostata. Neil (einen Nachnamen hat er im Roman nicht) schreibt nämlich auf der Basis von Elizabeths nachgelassenen Notaten einen Essay über den römischen Kaiser Julian Apostata, der im 4. Jahrhundert versuchte, das sich ausbreitende Christentum zurückzudrängen, er tat das, indem er es als eine Religion unter vielen eingemeindete und tolerierte. Die Christen feindeten ihn dafür heftig an.

Am Schluss, im dritten Teil versucht der Erzähler, einen Aphorismenband zusammenzustellen. Er will partout ein Denkgebäude errichten aus dem Nachlass von Elizabeth Finch. Damit tut er, was die Christen mit Jesus gemacht haben: Nachgeborene neigen zu Verklärung, Mythologisierung, Verkürzung der Thesen.

Ein Glaube ist falsch, wenn er sich zum Dogma erhebt, so kann man Julian Barnes in seinem neuen Roman wohl lesen. Man muss seine Gläubigkeit, seine Jugendobsessionen verlieren, um in der Realität anzukommen. Und es ist das, was Barnes, auch das nicht zum ersten Mal, nennt: erwachsen sein. Elizabeth Finch kämpft mit Apostata in ihrem Nachlass. Sie kann nicht fertig werden. Sie „war ganz einfach der erwachsenste Mensch, dem ich je begegnet bin.“

Das sagt Neil am Anfang und am Ende des Buchs. Er meint: Sie versteht beide Seiten Apostatas – die Toleranz gegenüber den Christen. Und die trotzdem perfide Strategie, sie mit dieser Toleranz einzuhegen in die spätrömische Gesellschaft.

Was es heißt, erwachsen zu sein, ist sowas wie ein Lebensthema von Julian Barnes

Was es heißt, erwachsen zu sein, ist sowas wie ein Lebensthema von Julian Barnes. Schon in seinem Debutroman „Metroland“ von 1980 ließ er zwei junge Engländer über das Erwachsenwerden nachdenken. Sie fraßen sich durch die ganze französische Literatur und kamen sich cool vor. Am Ende aber blieb auch ihnen nur eine allerdings um zahllose Träume bereicherte bürgerliche Existenz. Metroland war, zumindest für junge Leser, ein beeindruckendes Buch zu den vielen Fragen des Erwachsenwerdens.

Julian Barnes hat eine Erzählung und einen Essay geschrieben. Es war nicht die beste Entscheidung, das zusammen als Roman zu bezeichnen

Auch über Elizabeth Finch kann man jetzt, als älterer Leser, 40 Jahre nach „Metroland“ viel nachdenken. Das Lesevergnügen ist leider getrübt dabei. Richtig entschieden zwischen Essay und Roman hat der Autor sich nicht. Der Held, seine Professorin, ihr Bruder – es gibt viele interessante Figuren, die etwas verloren zwischen den Texten, die im Roman produziert werden herumstehen.

Gleichzeitig macht der süffige und immer ironiebereite Schreibstil von Julian Barnes auch die entlegensten religionsgeschichtlichen Einsprengsel zur überraschend gegenwartskompatiblen Lektüre.

Sagen wir mal so: Julian Barnes hat eine Erzählung und einen Essay geschrieben. Es war nicht die beste Entscheidung, das zusammen als Roman zu bezeichnen.

Gespräch Julian Barnes: Die einzige Geschichte

Paul ist 19, und er liebt die 48-jährige Susan. Die beiden leben eine übermütige, frische Liebe, kehren ihrer missgünstigen Heimatstadt den Rücken und mieten sich in London ein eigenes Häuschen. Doch Susan verfällt dem Alkohol. „Die einzige Geschichte“ ist eine ergreifende Reflexion darüber, wie tief die Liebe ein Leben verändern und woran sie auch scheitern kann.| Aus dem Englischen von Gertraude Krueger, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 22 Euro.

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