Tübinger Mediendozentur | Juli Zeh über Narzissmus Nehmt Trump Twitter weg!

Am 13.7.2018 von Sandra Müller

Die Schriftstellerin Juli Zeh ist bekannt für ausgreifende Gesellschaftskritik. In ihrer Rede bei der Tübinger Mediendozentur kritisierte sie den Narzissmus im digitalen Zeitalter und forderte, Politikern die Facebook- und Twitter-Accounts wegzunehmen. Anstatt eine öffentliche Rolle zu suchen, beschäftigten sich viele Menschen nur noch mit sich selbst. Über tausend Gäste lauschten der Rednerin im Festsaal der Tübinger Universität.

Das Turbo-Ich ist infantil und krankt an der Aufklärung

Juli Zeh ist nicht zimperlich, wenn es um den modernen Menschen geht: Er denke immer nur an sich, habe gleichzeitig Angst, nicht dazu zu gehören und wolle dauernd Aufmerksamkeit. Kurzum: Er sei infantil. Und schuld sei die Aufklärung. Die habe ihn emanzipiert.

Jetzt sei er ein Turbo-Ich und Opfer seiner eigenen Freiheiten. "In der Welt- und Selbstsicht des Turbo-Ichs kann jeder Schritt ein Fehler sein. Man kann den falschen Beruf wählen, die falsche Frau heiraten, die falschen Freunde haben. Überall kann man versagen, auf der Arbeit, in der Liebe, beim Sex, beim Sport und natürlich gegenüber den eigenen Kindern."

Juli Zeh (Foto: Uni Tübingen -)
Die Schriftstellerin Juli Zeh bei der Tübinger Mediendozentur Uni Tübingen -

Nur noch eigene Sorgen, nur noch die eigene Meinung

Gegen diese Angst helfe dem Turbo-Ich nur Egoismus, so Zeh. Es kenne nichts, außer seine eigenen Sorgen und seine eigene Meinung. Und niemand tue etwas dagegen, findet Zeh. Dann dekliniert sie durch, wer eigentlich handeln müsste, es aber nicht tut.

Der Journalismus zum Beispiel, der viel zu sehr um sich selbst kreise: "Sogar auf den ersten Seiten großer Tageszeitungen muss man manchmal die Nachrichten mit der Lupe suchen. Als wäre in unserer heutigen Welt für das, was passiert, überhaupt kein Platz mehr, sondern nur noch für das, was darüber gedacht, befürchtet, gehofft und gemeint wird."

Video: Juli Zeh bei der Tübinger Mediendozentur

(Campus TV Tübingen; Beginn der Rede von Juli Zeh bei ca. 14:44 Minuten)


 

Selfie-Journalismus und Politiker-Selbstvermarktung

Selfie-Journalismus, nennt sie das. Ein Journalismus, der lieber meinungsstark kommentiert als nüchtern zu berichten. Auch in der Politik: Viele zu viele Turbo-Ich, die sich dauernd auch privat zu Wort melden, findet Zeh, und fordert: "Weg mit Facebook- und Twitter-Accounts für Politiker und überhaupt mit allen Kanälen, in denen Politiker eine Vermengung von privater und öffentlicher Person erzeugen. Wenn ein Politiker der Öffentlichkeit etwas mitteilen möchte, kann er das im Parlament tun - oder auf einer Pressekonferenz oder im Rahmen eines Interviews."

Das Internet als Narzissmus-Generator

Und dann sei da noch die Internetindustrie. Die müsse endlich aufhören, das moderne Turbo-Ich anzufüttern. Es permanent zum Liken, Kommentieren, Sich-selbst -bespiegeln anzuleiten. "Das Internet ist eine Ich-Maschine, der größte Narzissmus-Generator der Welt."

Juli Zeh präsentiert das alles in einer Entschlossenheit, die keine Zweifel aufkommen lässt und so lässig, als wär die Mediendozentur vor über tausend Gästen in Tübingen ein Gesprächskreis unter Studenten. Im Ringelpullover und mit hochgekrempelten Jeans steht sie am Rednerpult, einen Arm oft streitlustig in die Hüfte gestemmt.

"Schluss mit der infantilen Selbstbezüglichkeit"

Jeder Satz sitzt. Bis zum letzten, der dann auch an das Turbo-Ich in uns allen geht. "Der Weg aus der Ego-Falle führt über eine Ausrichtung des individuellen Handelns an überindividuellen Werten. Schluss also mit der Versponnenheit in die eigenen Belange, Schluss mit der ausschließlichen infantilen Selbstbezüglichkeit. Denn Demokratie braucht keine Turbo-Ichs, Demokratie braucht Rückgrat - und dieses Rückgrat, das sind wir, bei jedem Blick in den Spiegel, bei jedem Klick am Computer, bei jedem Schritt vor die Tür."

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