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Jüdische Geschichte neu erzählt: Der Comicband „Nächstes Jahr in…“

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Anke Sprenger

Wer kennt den jüdischen Räuberhauptmann Abraham Picard, dem sich sogar der berüchtigte Schinderhannes unterordnete? Und wie lässt sich ein Gedicht von Mascha Kaléko in Bilder umsetzen? Zum Jubiläumsjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland hat der Mainzer Ventil-Verlag eine Comicsammlung herausgegeben. Elf Bildergeschichten und deren Begleittexte bieten einen interessanten Streifzug durch die jüdische Kultur und Geschichte.

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Detailreiches Eintauchen in die jüdische Geschichte

So wurde jüdische Geschichte noch nie erzählt! Das Buch „Nächstes Jahr in…“ präsentiert erstmals biografische Episoden und historische Ereignisse des Judentums in Form von Comicstrips.

„Ein Comic kann viel unmittelbarer, viel detailreicher in Geschichte eintauchen lassen, weil man auch über die Bilder sehr schnell einen visuellen Eindruck hat von dem, was erzählt wird“, fasst Jonas Engelmann vom Mainzer Ventil Verlag die Vorzüge dieser Comic-Form zusammen.

In einer Episode, die im Mittelalter spielt, wird zum Beispiel die Geschichte eines jüdischen Arztes erzählt, der den Sohn eines Grafen heilen soll. Der Comiczeichner Simon Schwartz gestaltet diese Episode aus dem 15. Jahrhundert in düsteren Farben eines mittelalterlichen Wandteppichs.

Nächstes Jahr in: Comics und Episoden des jüdischen Lebens. Ventil Verlag 2021 (Foto: Ventil Verlag)
Nächstes Jahr in: Comics und Episoden des jüdischen Lebens. Simon Schwartz: Die Darmstädter Haggada Ventil Verlag

Vom Stil der „Ligne claire“ bis hin zu farbigen Collagen

Neben ihm sind weitere namhafte Zeichner und Zeichnerinnen wie Barbara Yelin, Hannah Brinkmann oder Tobi Dahmen beteiligt. Die Geschichten sind kurzgehalten, die Anthologie zeigt ganz nebenbei die Bandbreite grafischer Erzählweisen. Darunter Zeichnungen im Stil der „Ligne claire“, die an Hergés Tim und Struppi erinnern bis hin zu farbigen Collagen. So ist aus insgesamt elf Comicminiaturen ein buntes Kaleidoskop zu jüdischer Geschichte entstanden.

Nächstes Jahr in: Comics und Episoden des jüdischen Lebens. Ventil Verlag 2021 (Foto: Ventil Verlag)
Nächstes Jahr in: Comics und Episoden des jüdischen Lebens. Tobi Dahmen/Christian Jonathan Lamp: Blue Note Records Ventil Verlag

„Mit dem Comic spricht man natürlich auch noch einmal eine ganz andere Zielgruppe an, als wenn wir ein Geschichtsbuch zu 1700 Jahre jüdische Geschichte in Deutschland gemacht hätten“, sagt Jonas Engelmann. Die Macher hätten daher versucht, Geschichten zu finden, die auch über einen Comic zu vermitteln sind.

Zum Beispiel die Geschichte von Abraham Picard, dem jüdischen Räuberhauptmann und Gegenspieler des berühmten Schinderhannes, gezeichnet in starken Schwarz-Weiß-Kontrasten. Dabei geht es um einen gemeinsamen Überfall, bei dem sich Schinderhannes sogar dem jüdischen Räuberhauptmann unterordnet.

Nächstes Jahr in: Comics und Episoden des jüdischen Lebens. Ventil Verlag 2021 (Foto: Ventil Verlag)
Nächstes Jahr in: Comics und Episoden des jüdischen Lebens. Tine Fetz: Abraham Picard Ventil Verlag

Jerusalem als stete Hoffnung für verfolgte Juden, irgendwann irgendwo anzukommen.

Jedem Comicstrip folgt ein Text zu den dargestellten Persönlichkeiten oder Ereignissen. Damit ist die Comic-Anthologie ein Geschichten- und ein Geschichtsbuch zugleich. So wird auch erklärt, wie es zum Namen des Buches kommt. „Nächstes Jahr in…“ bezieht sich auf ein jüdisches religiöses Ritual, erklärt Jonas Engelmann:. Es ist das das letzte Abschlussgebet des Sederabends, wo es heißt, ‚Nächstes Jahr in Jerusalem‘“  .

Jerusalem ist die stete Hoffnung für verfolgte Juden, irgendwann irgendwo anzukommen. Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Geschichten zieht. Mascha Kalékos Gedicht „Wohin ich immer reise, ich komm nach Nirgendland“ übersetzt die Comickünstlerin Barbara Yelin großzügig in Kreidebilder, in denen sich Zartheit und Gewalt begegnen.

Nächstes Jahr in: Comics und Episoden des jüdischen Lebens. Ventil Verlag 2021 (Foto: Ventil Verlag)
Nächstes Jahr in: Comics und Episoden des jüdischen Lebens. Barbara Yelin: Mascha Kaléko. Ventil Verlag

Ausgrenzung, Verfolgung, Aufbruch und immer wieder Ankommen. Trotz der schweren Themen stellt das neue Buch „Nächstes Jahr in …“ unter Beweis, dass sich der Comic besonders gut eignet, die verschiedenen Facetten jüdischer Geschichte ansprechend und zeitgemäß zu vermitteln.

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Anke Sprenger