Klassiker der Schullektüre "Faust I" - #Goethe #Science #Sex

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Der Forscher Heinrich Faust sitzt in seinem Labor am Notebook und klickt sich im Internet von Quantenphysik über Informatik und Erkenntnistheorie zur Reproduktionsmedizin. Als er völlig frustriert den Stecker ziehen will, erscheint Mephisto auf dem Bildschirm, der ihm einschlägige erotische Webseiten zeigt und ihn zu Dates in der realen Welt verführt.

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Bald darauf wird Faust die lästige Gretchenfrage hören: "Wie hältst du es in dieser hochtechnisierten und sexualisierten Welt mit Moral und Verantwortung - wohin soll das alles führen?" So könnte ein Szenario von "Faust" im 21. Jahrhundert aussehen. Goethes Tragödie ist zeitlos aktuell. Bis heute spiegelt sie den rastlosen abendländischen Umgang mit der Welt, der im Namen des Fortschritts, aber auch der Liebe und Befreiung über Leichen geht.

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Faust als Wissenschaftler

Erfunden hat Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) die Figur des Faust nicht. Er bezog sich auf eine literarische Tradition, die mit der "Historia von D. Johann Fausten" im Jahre 1587 begann.

Goethe wiederum ließ die Erfahrungen seiner eigenen Zeit in sein Werk einfließen: die Französische Revolution, deren neue Gesellschaft zahllose Opfer forderte, und die industrielle Revolution, die mit Dampfmaschinen und neuen Methoden des Damm- und Kanalbaus die moderne Art der Naturbeherrschung einleitete.

1783 landete bei Paris ein Ballon der Brüder Montgolfier: Die Bewohner hielten das fremdartige Gebilde für den Leibhaftigen (Foto: imago stock&people -)
1783 landete in Gonesse bei Paris einen Tag vor Goethes 34. Geburtstag ein Ballon der Brüder Montgolfier; die Bewohner hielten das fremdartige Gebilde für den Teufel und rückten ihm zu Leibe imago stock&people -

Der Gelehrte, Forscher und Wissenschaftler Faust strotzt vor Ungeduld und Unzufriedenheit, und er ist beherrscht vom unbedingten Wollen, im geistigen wie im sinnlichen Leben. Er ist unzufrieden, weil all das Studieren ihm nichts bringt:

Faust hadert nicht zuletzt deshalb mit sich, weil er die alles erklärende Formel, das Gesetz, das die Welt im Innersten zusammenhält, nicht finden kann.

Der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) im Europäischen Kernforschungszentrum Cern bei Genf (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Der Teilchenbeschleuniger LHC im Cern bei Genf picture-alliance / dpa -

Dieses Gesetz, das die Welt im Innersten zusammenhält, ist bis heute nicht gefunden worden – trotz Petrischale, Elektronenmikroskop und Teilchenbeschleuniger. Noch immer erkunden Wissenschaftler fieberhaft die Bausteine des Lebens, erforschen Gene, Quarks und Dunkle Energie.

Mephisto

Als Faust in seiner Depression kurz vor dem Suizid steht, hüpft in Gestalt eines schwarzen Pudels der Teufel Mephistopheles daher. Der ist bei Goethe mehr als nur der biblische böse Widerpart des Herrn. Mit Gott hatte Mephisto zuvor gewettet, dass er Faust vom rechten Wege abbringen und dessen Seele kassieren könne.

Gert Voss als Mephistopheles (l) und Tobias Moretti als Faust. (Wiener Burgtheater; 2009) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Gert Voss als Mephistopheles (l) und Tobias Moretti als Faust. (Wiener Burgtheater, 2009) picture-alliance / dpa -

Goethe habe auf raffinierte Weise die Teufelsgestalt psychologisiert und modernisiert, so der Germanist und Publizist Jaeger. Mephisto und Faust schenken sich in ihren Disputen nichts. Sie entsprechen sich sogar in ihrer rhetorischen Schlagkraft und ihrem Nihilismus. Daher werden sie oft als zwei Seiten einer Person gesehen.

Michael Jaeger:

Crystal Meth (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Crystal Meth wäre Faust heute wohl eine Versuchung wert picture-alliance / dpa -

Mephisto zieht alle Register: Er nimmt Faust mit zum Saufgelage und in Drogenküchen – und er will ihm eine Frau zuführen.

Gretchenfrage

Goethe geht es bei seiner Faust-Figur nicht nur um den Wissenschaftler, sondern um den ganzen Mann. Faust leidet an seinem Ungenügen und ist verzweifelt und frustriert: ein ausgepowerter Wissenschaftler und ein sexuell unterversorgter, einsamer Mann mit, wie er sagt, "wilden Trieben", der "neuem buntem Leben" hinterher hetzt.
Faust und Mephisto gehen auf die Straße, wo sich Faust an ein hübsches Mädchen heranmacht, dessen Vater er sein könnte.

Obwohl sie sich zunächst sträubt, kann Margarete sich nicht gegen den Charme und das Werben des vermeintlichen Ehrenmannes Faust und gegen ihre eigene erwachende Sexualität wehren. Aber im Gegensatz zu Faust ist es ihr bitterernst. Sie riskiert alles, er nichts.

Edgar Selge als Faust und Maja Schöne als Gretchen bei der Probe zu "Faust I" im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (2004) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Edgar Selge als Faust und Maja Schöne als Gretchen (Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 2004) picture-alliance / dpa -

Auf die berühmte Gretchen-Frage "Wie hast du’s mit der Religion?" antwortet Faust umständlich, ablenkend. Heute würde ihre Frage lauten: "Wie hältst du's mit Moral?"
Denn Margarete geht es um Werte und Verbindlichkeit. Sie will wissen, was Faust bindet, ob ihm überhaupt etwas heilig ist und wie er es mit Verantwortung hält. Daran lassen sich viele weitere Fragen anknüpfen:

Faust schwängert die Minderjährige – und lässt sie dann allein. Margarete tötet das Kind und landet im Kerker. Zwar hat Faust ein schlechtes Gewissen und will Margarete befreien, doch sie hat erkannt, dass sie nur eine Station auf Fausts Reise war und er mit Mephisto weitergehen wird:

Margarete übernimmt die Verantwortung für ihre Taten und bleibt zurück.
Und Faust, der nicht als braver Ehemann und Vater vorstellbar ist, jagt mit dem Teufel davon.

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