Unwort des Jahres 2018 Anti-Abschiebe-Industrie - ein echtes Unwort

Ein schreckliches Wort sei "Anti-Abschiebe-Industrie", das Unwort des Jahres 2018, so der Mannheimer Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch. Der durch den CSU-Politiker Alexander Dobrindt bekannt gewordene Begriff sei sprachlich missraten. Industrien würden normalerweise Produkte herstellen, aber keine Biografien.

"Anti-Abschiebe-Industrie": Sprachlich und semantisch missraten

Man müsse sich schon ziemlich konzentrieren, um den Begriff "Anti-Abschiebe-Industrie" überhaupt unfallfrei auszusprechen, so der der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch. Aber auch semantisch handele es sich um ein furchtbares Wort. Industrien seien nicht dazu da, Biografien zu formen oder entscheidend zu beeinflussen.

Jochen Hörisch (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - picture-alliance / dpa)
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Rechtspopulistischen Politikern sei es während der vergangenen Jahre immer wieder gelungen, wichtige provokante Schlüsselworte zu platzieren, ist Hörisch überzeugt.

Als Unworte waren unter anderem "Volksverräter", "Lügenpresse" oder "Sozialtourismus" eingestuft worden.

Sprache nicht reglementieren

Es gehe dabei um einen semantischen Bürgerkrieg, darum, wer die Oberhoheit über die Stammtische gewinne. "Leider", so Hörisch, "spricht vieles dafür, dass der Rechten und rechtsradikalen Milieus das in vielerlei Hinsicht gelungen ist. Insofern ist es gut, wenn man problematische Formulierungen wie Anti-Abschiebe-Industrie in den Mittelpunkt stellt."

Sensibilisierung für den Sprachgebrauch sei wichtig. Es handle sich aber immer um eine schwierige Gratwanderung. Den Sprachgebrauch mit autoritärem Gehabe reglementieren zu wollen, sei ein Merkmal totalitärer Staaten. So habe man in der DDR nicht von der Mauer, sondern nur vom antifaschistischen Schutzwall sprechen dürfen.

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