Zum neuen Buch von Thilo Sarrazin "Feindliche Übernahme" Jagoda Marinic: Warum wieder Sarrazin?

Schon wieder Thilo Sarrazin. Acht Jahre nach seinem Bestseller "Deutschland schafft sich ab" knöpft sich der Berliner Ex-Finanzsenator den Islam vor. Der sei fortschrittsfeindlich und gefährlich. Die Leiterin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg, Jagoda Marinic, hält die ständigen Debatten um solche Thesen für ein Ärgernis. Müsse eigentlich jedes Sarrazin-Buch besprochen werden - aus Angst vor dem Vorwurf, die Diskussion aus ideologischen Gründen zu verweigern?

Sarrazin-Kombination von Statistiken mit kruden Thesen

Nichts Neues erkennt Jagoda Marinic im neuen Buch von Thilo Sarrazin. Wieder würden viele Statistiken kombiniert "mit Vorurteilen, mit populistischen Allgemeinplätzen." Neben vermeintlich exakten Zahlenbelegen stünden krude Thesen, so die Leiterin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg. Der Leser bekomme das Gefühl, "alles Übel der Welt lasse sich auf die Konflikte im Nahen Osten zurückführen, auf die Eroberungen des Islam."

Ständiger Zwang, über die falsche Agenda sprechen

Was Marinic vor allem stört: die gesellschaftliche Fokussierung auf Sarrazin und Co. Ständig, so die Schriftstellerin, werde man jetzt dazu gezwungen, plakative Thesen zu entkräften, die eine Minderheit beträfen. Immer wieder werde eine allgemeine Diskussion daraus gemacht. So aber komme die Gesellschaft nicht voran bei der eigentlichen Frage, wie der Islam im Land integriert werden könne.

"Letztlich ist das ein perfides Spiel", ist Jagoda Marinic überzeugt: "Warum muss denn jedes Sarrazin-Buch neu besprochen werden? Nur weil auf der anderen Seite der Vorwurf besteht, dass man es aus ideologischen Gründen nicht tun würde."

Opfer-Mythos? - Sarrazin, Celek und Broder sagen alles, was sie wollen

Geschickt bediene auch Sarrazin diesen Opfer-Mythos: "Da steht jemand, der sagt: Mir wird nicht zugehört, ich darf so nicht sprechen. Ich darf die Fakten nicht benennen'", kritisiert Marinic. "Fakt ist, dass in Deutschland von Thilo Sarrazin über Necla Celek bis zu Henryk M. Broder alle die Fakten benennen, die sie möchten. Fakt ist, dass wir eine plurale Demokratie haben, dass es solche Stimmen gibt."

Buchcover "Feindliche Übernahme (li.) und Thilo Sarrazin (Foto: FinanzBuch Verlag / picture-alliance / dpa -)
FinanzBuch Verlag / picture-alliance / dpa -

Random House hat Sarrazin-Buch abgelehnt

Noch in den 80er Jahren habe ein völlig anderes Klima geherrscht. Ein Bestseller wie "Ganz unten" von Günter Wallraff habe ein lebendiges Interesse an gesellschaftlichen Minderheiten offenbart. Der Erfolg von Sarrazins Büchern dagegen dokumentiere den Rechtsruck der gesellschaftlichen Mitte.

Der Verlag Random House hatte eine Veröffentlichung des Buches verhindert. Es zeichne ein Bild vom Islam, in dem die Religion einer "Geißel der Menschheit" gleichkomme.

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