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Ingo Schulze erzählt in seinem neuen Roman von dem ostdeutschen Antiquar Norbert Paulini, der sich in der DDR als Dissident feiern ließ und der nach der deutschen Einheit zum rechtsradikalen Eigenbrötler wird.

Am Ende dieses virtuosen Romans stehen mehr Fragen als Antworten im Erzählraum: Die moralischen Gewissheiten lösen sich auf, die entwickelten Werturteile über die Protagonisten scheinen fragwürdig und das literarische Schreiben steht auf dem Prüfstand.

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Die Wiedervereinigung ist bei Ingo Schulze immer wieder ein wichtiges Motiv

Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, schreibt in seinen Erzählungen und Romanen immer wieder über die gesellschaftlichen, politischen und seelischen Folgen der deutschen Wiedervereinigung.

Einem breiteren Publikum bekannt wurde er mit seinem Erzählband „Simple Storys“, die gerade wegen ihrer Genauigkeit gelobt wurden.

Thema im neuen Roman ist der Wandel vom Rebell zum Nazi

Sein Roman „Neue Leben“, der ebenfalls die Wende zum Thema hatte, aber in Form eines Briefromans des 18. Jahrhunderts gehalten war, wurde kritischer aufgenommen, Schulze gar ein „altbackener“ Stil vorgeworfen.

Der Autor Ingo Schulze (Foto: Pressestelle, S. Fischer Verlag / Gaby Gerster)
Der Autor Ingo Schulze Pressestelle S. Fischer Verlag / Gaby Gerster

Im neuen Werk geht es erneut um die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach 1989, allerdings steht im Mittelpunkt die Frage, wie aus einem belesenen Rebellen ein Rechtsradikaler werden konnte.

Das Frauenbild des Protagonisten sorgt für Probleme

Norbert Paulini ist ein Romanheld, der genau weiß, was er will.

Ich will eine Frau, die mich lesen lässt, die selbst nichts lieber tut, als zu lesen, die schön ist, mich aus ganzem Herzen liebt und sich viele Kinder wünscht. 

Wir ahnen schon, dass Norbert Paulini in seinem Leben wohl einige Probleme haben wird, die auf sein Frauenbild und seine rigorose Liebe zum Lesen zurückzuführen sind.

Paulini erfüllt sich mit der Neueröffnung des Antiquariats einen Lebenstraum

Zunächst aber hat der junge Mann das große Glück, sich einen seiner Lebensträume zu erfüllen, indem er das Antiquariat seiner früh verstorbenen Mutter wiederöffnet.

Wir befinden uns Mitte der 1970er Jahre in einer Villa im Dresdner Stadtteil Blasewitz, und hier entsteht mitten in der DDR eine bildungsbürgerliche Parallelwelt, in der ein resoluter Mann regiert, dem man seine Macht aber keineswegs ansieht, sieht er doch aus wie ein „Kirchendiener oder Museumspförtner“.

Die Hauptfigur erscheint einem zunächst skurril

So skurril die Hauptfigur auch wirken mag, ein anfangs noch unbekannter Ich-Erzähler bemüht sich, den Lebensweg des Antiquars einigermaßen sachlich zu schildern.

Das führt zu subtiler und manchmal auch kulturkritischer Komik, etwa wenn Norbert Paulini grundsätzlich werden darf:

Die meisten Leser verwechseln im kindischen Wahn Bücher mit Eiern und glauben, diese müssten stets frisch genossen werden.

Aus dem Antiquariat wird für Paulini schnell ein Ort geistiger Freiheit

Paulini hat höchste Ansprüche an die Bücher, die über seinen Ladentisch gehen. Am liebsten möchte er nur Meisterwerke verkaufen.

Nur wenige Neuerscheinungen stehen in seinen Regalen, was die Kundschaft nicht weiter stört. Bald finden sogar Lesungen in der Villa statt.

Ein junger Schauspieler trägt aus Texten vor, die zu Paulinis Kanon gehören. Ein literarischer Salon entsteht, ein Ort geistiger Freiheit.

Die Liebe zur deutschen Sprache schlägt bald in Nationalismus um

So sieht es jedenfalls Paulini, der sich selbst nach den berühmten Nietzsche-Liedern „Prinz Vogelfrei“ nennt, und der vom Publikum in den späten Achtzigern als Widerständler gegen die realsozialistische Obrigkeit gefeiert wird. Selbst dann noch, als er ankündigt…

…er werde sich fortan als Leser allein der deutschsprachigen Literatur widmen, um sich sein Sprachgefühl rein zu bewahren.

Was von seinen Kunden und Freunden anfangs noch als Schrulle wahrgenommen wird, schlägt gegen Ende der DDR in einen handfesten Nationalismus um.

Als die Mauer fällt, verliert Paulini den Boden unter seinen Füßen

Wer in Paulinis Gegenwart Fremdwörter verwendet, wird angebrüllt. Als die Mauer fällt und mit der gesellschaftlichen Funktion auch die Geschäftsgrundlage des Antiquariats verschwindet, wird der Mann noch radikaler.

Im wiedervereinigten Deutschland findet er sich nicht mehr zurecht, obwohl er sich doch über das Ende der SED-Diktatur gefreut hatte. Seine Frau, die sich als Friseurin und Geschäftsfrau behaupten kann, wird als Stasi-Spitzel enttarnt – woraufhin Paulini sich scheiden lässt.

Migranten sind Paulini ein Dorn im Auge

Dann muss der Antiquar auch noch seine angestammte Villa verlassen, weil Alteigentümer aus dem Westen auftauchen und seine Bilanzen ohnehin nicht mehr stimmen.

Der Mann kann sich in Dresden keine Miete mehr leisten und verzieht sich in die sächsische Provinz. Er fühlt sich als eine Art Kulturflüchtling im eigenen Land, was seine Egomanie und Gehässigkeit gegenüber Fremden noch verstärkt. Die Migranten, die ins geeinte Deutschland kommen, will er verjagen. Selbst wenn er einen bosnischen Flüchtling für sich schuften lässt.

Paulinis Menschenhass entstand aus dem Geist feinsinniger Literatur

Die eigenen Widersprüche erkennt er nicht. Paulini sieht sich im Recht, damals wie heute.

So wie er früher dem Staat die kalte Schulter gezeigt und das Leben eines Dissidenten geführt hatte, so war er jetzt erst recht ein Dissident. Nur dass der Westen Eigensinn und Unabhängigkeit mit anderen Mitteln bestrafte.

Was als amüsante Novelle über einen eigensinnigen und weltfremden Büchermenschen begann, entwickelt sich zum Abgesang auf eine Gesellschaft, in der rechtsextremer Menschenhass sogar aus dem Geist feinsinniger Literatur entstehen kann.

Im zweiten Teil des Romans verschiebt sich die Erzählperspektive

Damit endet aber keineswegs der Roman, sondern nur der erste Teil. Denn nun verschiebt sich die Erzählperspektive. Im Mittelpunkt steht jetzt jener Ich-Erzähler, ein Schriftsteller namens Schultze, der im Hause Paulini verkehrte und dort auch seine große Liebe Lisa kennenlernte.

Mit Lisa sah ich mich selbst und die Welt anders. Ich wunderte mich über die Leichtigkeit, die es bedeutete, eine Frau zur Seite zu haben, die wusste, wie man aufgewachsen war (…) eine, die frei ist von der natürlichen Verachtung des Westens gegenüber dem Osten.

Autor und Erzähler unterscheiden sich augenscheinlich nur in der Schreibweise ihres Namens

Im zweiten Romanteil ändert sich nicht nur der Blickwinkel, sondern auch der literarische Tonfall. Die Ich-Erzählung ist von weltanschaulichen Erklärungen und quälenden Selbstbefragungen geprägt.

Je mehr wir aber über diesen Autor erfahren, desto weniger trauen wir ihm als Erzähler, der auch noch so ähnlich heißt wie der Schriftsteller Ingo Schulze, nur dass die Erzählerfigur mit „tz“ geschrieben ist.

Der Roman möchte den Leser verunsichern

Das Namenspiel gehört zur literarischen Strategie des wendungsreichen Romans, der im besten Sinne verunsichern möchte und sehr geschickt literarische und politische Gewissheiten in Frage stellt.

Ingo Schulze lässt seine Schriftstellerfigur nämlich eine Novelle über Paulini schreiben, wahrscheinlich jenen Text, der den ersten Teil in „Die rechtschaffenen Mörder“ ausmacht. Aber kann man dem Urteil des fiktiven Autors trauen? Wie gerecht, wie einseitig wurde der Antiquar überhaupt dargestellt?

Im dritten Teil begibt sich die Lektorin des Paulini-Biographen auf Spurensuche

Die Glaubwürdigkeit des Ich-Erzählers wird im abschließenden und wirklich überraschenden dritten Teil vollends erschüttert.

Darin begibt sich die westdeutsche Lektorin des Paulini-Biographen auf literarische Spurensuche. Denn der Antiquar, der eine Veröffentlichung über sich partout verhindern will, ist plötzlich von einem Felsen gestürzt, und zwar gemeinsam mit Lisa.

Und für die Lektorin stellen sich viele Fragen. Doch der Autor gibt nur nebulöse Antworten.

Nicht mal der Tod der beiden hat mir die ersehnte Befreiung verschafft.

Der Kriminalfall bleibt ein Rätsel

War es ein erweiterter Suizid? Oder doch Mord? Und in welcher Weise ist ihr Schützling Schultze darin verwickelt? Das möchte die Lektorin wissen.

Sie fühlt sich vom Autor hintergangen. Der Kriminalfall, der ein Rätsel bleibt, ist auch als politische Parabel zu lesen, und zwar über die Macht einer Erzählung, die private wie gesellschaftliche Verhältnisse oft eindimensional beschreibt.

Dabei lehrt uns dieser Roman, die nahezu spiegelbildlich angelegten Differenzen zwischen Ost und West nie nur aus einer Perspektive zu bewerten.

Der Roman beginnt als biographische Recherche

Überhaupt taugen viele tradierte Begriffe nicht, um die Widersprüchlichkeit der Menschen zu erfassen. Rechtschaffenheit etwa, so das altertümliche Wort im Titel des Romans, war und ist kein Hinderungsgrund, schlimme Dinge zu denken oder zu tun.

Das in vielerlei Hinsicht überzeugende Buch beginnt als biographische Recherche mit viel Lokalkolorit und parodistischen Passagen über die Kulturszene in der DDR.

Schulze fordert die Leser heraus

Es handelt sich aber weniger um einen Erinnerungsroman, sondern vielmehr um ein raffiniertes Spiegellabyrinth, dessen Ausgang aus guten Gründen nicht leicht zu finden ist.

Wir sollen möglichst lange herumirren in diesem Text, wir sollen uns wiederkennen und uns fragen, inwieweit unsere Meinungen, Urteile und Ressentiments irgendwas zur Aufklärung beitragen oder doch nur die alten Klischees wiederholen.

Ingo Schulze erzählt dabei nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern setzt auch das eigene literarische Schreiben auf die Anklagebank.

Das überzeugt, weil der Roman einlöst, was er verspricht: Eine wirkliche überraschende Lektüre.

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