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43. Tage der deutschsprachigen Literatur

Ingeborg-Bachmann-Preis 2019 Birgit Birnbacher gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019

Birgit Birnbacher gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019. Er ist mit 25.000 Euro dotiert.

Birgit Birnbacher, Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2019

Birgit Birnbacher gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019. Sie las auf Einladung von Stefan Gmünder. Er ist Literaturredakteur der Wiener Tageszeitung "Der Standard".

Der Text umkreist das soziale Verschwinden einer Frau, die sich kurzzeitig in einem Schrank verkriecht, als ein staatlicher „Beobachter“ vorbeikommt, um die Verhältnisse in dem Wohnblock zu dokumentieren.

Ein sprachlich und gesellschaftlich bedeutender Text in einem besonders starken Jahrgang, meint SWR2 Literaturredakteur Carsten Otte.

Deutschlandfunkpreis: Leander Fischer

KELAG-Preis: Julia Jost

3sat-Preis: Yannic Han Biao Federer

Publikumspreis: Ronya Othmann

Abschlusskommentar von SWR2 Literaturredakteur Carsten Otte

4:12 min | Mo, 1.7.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

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Kommentar

Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher: Sprachlich und inhaltlich relevanter Text

Carsten Otte

Birgit Birnbacher gewinnt mit "Der Schrank" den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019. Ein sprachlich und inhaltlich relevanter Text in einem besonders starken Jahrgang, meint SWR2 Literaturredakteur Carsten Otte in seinem Kommentar. Der Text umkreist das soziale Verschwinden einer Frau, die sich kurzzeitig in einem Schrank verkriecht, als ein staatlicher „Beobachter“ vorbeikommt, um die Verhältnisse in dem Wohnblock zu dokumentieren.

Die Dramaturgie des Bachmannwettbewerbs passte genau

Wer auf den diesjährigen Bachmannwettbewerb zurückschaut, könnte meinen, es gäbe einen Literaturgott, einen gütigen und klugen Allmächtigen, der in der Lage ist, zum Beispiel die Reihenfolge in der Auslosung um die Startplätze und damit auch eine Dramaturgie für die Tage der deutschsprachigen Literatur festzulegen.

"Kayfabe" im Wrestling und in der Literatur

Es begann schon mit der Eröffnungsrede von Clemens J. Setz, der auf erstaunliche Parallelen zwischen der literarischen sowie politischen Bühne mit der Welt des Wrestlings hinwies. "Kayfabe" ist ein Schlüsselbegriff in diesem Showsport, der die gekonnte Vermischung von Fiktion und Realität beschreibt. Denn die Helden des Wrestlings sind im Grunde literarische Figuren, sie folgen einem festen Plan, einer Storyline, von der nicht abgewichen wird.

Auch beim Bachmannwettbewerb gibt es einen strikten Ablauf, penibel eingehaltene Statuten. Aber nicht nur formal, sondern auch inhaltlich schien es einen geheimen Plan zu geben.

Katharina Schultens erzählte von einer alptraumhaften Zukunft

Der erste Wettbewerbsbeitrag von Katharina Schultens jedenfalls nahm das Thema der Eröffungsrede auf und erzählte kunstvoll und mit dichter Bildsprache von einer alptraumhaften Zukunft, in der menschliche Fortpflanzung nur mit Pflanzen möglich erscheint.

Ein surrealer Muttertext, in dem auf seltsame Weise geboren und gebetet wird – als wollte die Autorin eben jenem Literaturgott huldigen.

"Theologischer Hokuspokus" interessiert Klaus Kastberger nicht

Das passte zur ohnehin heiligen Stimmung des Jury-Vorsitzenden Hubert Winkels, der mit seinen regelmäßigen Bezügen zum katholischen Glauben schon bald den Kollegen Klaus Kastberger zur Bemerkung provozierte, dieser theologische Hokuspokus interessiere ihn nun ganz und gar nicht.

Birnbachers Text beweist sprachliche und gesellschaftliche Relevanz

Dann war endlich Raum für ästhetische Debatten, für die Frage nach Relevanz, wie Jury-Mitglied Insa Wilke es formulierte. Sprachliche und gesellschaftliche Relevanz bewies dann auch der Beitrag von Birgit Birnbacher mit dem Titel „Der Schrank“.

Darin geht es um das kontrollierte und zugleich vernachlässigte Leben in einem großstädtischen Wohnblock. Die feinsinnige Erzählung zeige, so formulierte es Juror Stefan Gmünder in seiner Laudatio, wie die „Ökonomie über Klagenfurt hereinbreche“.

Tatsächlich umkreist der eigens fürs Wettlesen geschriebene Text das soziale Verschwinden einer Frau, die sich kurzzeitig in einem Schrank verkriecht, als ein staatlicher „Beobachter“ vorbeikommt, um die Verhältnisse in dem Wohnblock zu dokumentieren.

Schönste Landschaft und schlimmste politische Vergangenheit bei Julia Jost

Als relevant stufte die Jury auch den mit dem Kelag-Preis prämierten Text von Julia Jost ein, die es schaffte, das zentrale Thema der österreichischen Suada-Literatur, nämlich das Verhältnis schönster Landschaft und schlimmster politischer Vergangenheit auf humorige und virtuose Art auszuloten.

Ronya Othmann thematisiert den Völkermord an den Jesiden

Bei den Jury-Preisen ging der vieldiskutierte und in politischer Hinsicht ebenfalls relevante Beitrag von Ronya Othmann leer aus. Die Autorin berichtete über den grauenhaften Genozid an den Jesiden durch die Terroristen des IS, über das unermesslichen Leiden der eigenen jesidische Familie.

Der Publikumspreis ging an Ronya Othmann

Einige Jury-Mitglieder hielten das Stück, das zwischen Literatur und Journalismus changierte, allerdings für eine Art emotionale Erpressung, weil eine literaturkritische Bewertung angesichts des Respekts gegenüber der persönlich betroffenen Autorin nur schwer möglich sei.

Damit musste sich das Publikum nicht lange aufhalten, und so bekam Ronya Othmann dann auch den Publikumspreis.

Ein beeindruckend starker Jahrgang

Insgesamt war dieser "Bewerb", wie er im Österreichischen heißt, ein beeindruckend starker Jahrgang, weil die literarischen Zugänge zur Welt, die an drei Tagen vorgestellt wurden, äußerst vielfältig, weitgehend auch relevant waren und weil die Bezüge der Texte untereinander dann doch erstaunten.

War das schon Kayfabe? Falls es wirklich einen Literaturgott geben sollte, wird er mit sich und seiner Arbeit am Wörthersee im Reinen sein, denn gewonnen hat in Klagenfurt schließlich die Sprache selbst. Und die Einsicht, wie inspirierend und intensiv, weil energisch und dissonant die Debatte über Literatur sein kann.

Insofern hat die traditionsreiche Veranstaltung, die immer auch ums Überleben kämpft, ihre Relevanz durchaus eindrucksvoll bewiesen.

4:51 min | Fr, 28.6.2019 | 18:40 Uhr | SWR2 Kultur aktuell | SWR2

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Literatur

Zwischenbilanz beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb - Gespräch mit Carsten Otte

Jakob Groth im Gespräch mit Literaturredakteur Carsten Otte

Literatur und Wrestling - eine Verbindung, die Clemens J. Setz in seiner Eröffnungsrede beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt hergestellt hat. Was das mit der Lesung von Tom Kummer zu tun hat, erläutert Carsten Otte. Außerdem hat ihn die Lesung von Katharina Schultens beeindruckt.

8:01 min | Mi, 26.6.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

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Gespräch

Nora Gomringer: Erstmals mehr Frauen beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt

Kathrin Hondl im Gespräch mit Nora Gomringer

Erstmals nehmen mehr Frauen als Männer am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb im österreichischen Klagenfurt teil. Momentan sei diese Nachricht noch „nahe am Skandalon“, so die Autorin Nora Gomringer, Mitglied der Jury und Bachmann-Preisträgerin von 2015. Dabei bedeute das „gar nichts“. Es kämen nun einmal viele Einsendungen von Frauen. Man sei aber „an einem guten Punkt“, wenn die Juroren „nicht zu einem Geschlecht speziell verschieben“ würden und „die Presse darüber dann schweigt“. Gomringer selbst hat die Autorinnen Silvia Tschui und Ines Birkhahn für den Wettbewerb ausgewählt. Unter den 142 Zusendungen, die sie erhalten habe, seien es diese beiden Texte gewesen, die sie „angesprungen“ hätten. Ohnehin habe sie vor allem Frauen auswählen wollen.

Die Nominierten für den Bachmannpreis lasen in dieser Reihenfolge, die ausgelost wurde:

Donnerstag, 27. Juni:

12.00 Uhr Silvia Tschui

14.30 Uhr Andrea Gerster

Freitag, 28. Juni

14.30 Uhr Tom Kummer

Samstag, 29. Juli

10.00 Uhr Ines Birkhan

12.30 Uhr Lukas Meschik

13.30 Uhr Martin Beyer

Der Bachmannpreis wird seit 1977 jährlich zu Ehren der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926–1973) verliehen und ist mit 25.000 Euro dotiert. 2018 ging der Preis an die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk und ihren Text „Frösche im Meer“.

Eröffnungsrede von Clemens J. Setz

Clemens J. Setz bei seiner Rede zur Literatur in Klagenfurt

Clemens J. Setz bei seiner Eröffnungsrede zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb

Eröffnet wurden die 43. Tage der deutschsprachigen Literatur am 26. Juni mit der Auslosung der Lesereihenfolge. Anschließend hielt der Grazer Autor Clemens J. Setz die Eröffnungsrede unter dem Titel „Kayfabe und Literatur“.

Im letzten Jahr sorgte Feridun Zaimoglu mit seiner Eröffnungsrede für Aufsehen. Er nutzte die Gelegenheit für einen politischen Appell gegen Rechtspopulismus und Radikalismus in der Politik.

Jury für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019

Die Jury für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019 (v.l.): Klaus Kastberger, Nora Gomringer, Stefan Gmünder, Hubert Winkels, Hildegard Elisabeth Keller, Michael Wiederstein, Insa Wilke


Carsten Otte vor dem Loge des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs

Es ist geschafft: SWR2 Literaturredakteur Carsten Otte hat drei Tage Wettlesen beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb verfolgt.

Rückschau: Bachmann-Preis 2018


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