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Am 4. Juni ist die österreichische Lyrikerin und Schriftstellerin Friederike Mayröcker im Alter von 96 Jahren ist in Wien gestorben. Sie galt als eine der bedeutendsten Autorinnen im deutschsprachigen Raum.

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Friederike Mayröcker wurde am 20. Dezember 1924 in Wien geboren. 1956 veröffentlichte sie ihr erstes Buch. Seitdem folgten Lyrik und Prosa, Hörspiele und Kinderbücher. Für ihr umfangreiches Werk, das als einzigartig in der deutschen Nachkriegslyrik gilt, wurde die Autorin mit zahlreichen Preisen geehrt. Noch in diesem Jahr war sie mit ihrem letzten Lyrikband „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

SWR2 Literaturredakteur Frank Hertweck zum Tod von Friederike Mayröcker:

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Sie schrieb Gedichte, Hörspiele, Bühnentexte und „Proeme“

Bis zu ihrem Tod schrieb Friederike Mayröcker anarchisch und innovativ, ein Spätwerk á la Goethe, das gab es bei ihr nicht. Mehr als 100 Bücher hat die ungeheuer produktive gebürtige Wienerin veröffentlicht, Gedichte, experimentelle Prosa, Hörspiele, Bühnentexte und Aufsätze verfasst. Sie schrieb dann „Proeme“, für sie ein Zwischending zwischen Prosa und Lyrik.

Sie liebte nicht nur Bach und Schubert, sondern auch Gertrude Stein und Samuel Beckett sowie den Philosophen Derrida, und ein Leben ohne schreiben war für sie unvorstellbar.

Na ja, das Schreiben ist eigentlich  mein Trost und meine Hilfe. Und ich habe immer vorgehabt, bis zum letzten Moment meines Lebens zu schreiben, und das wird mir vielleicht gelingen.

Sie setzte sich auseinander mit der Welt, träumte, trauerte und erfand Wörter

In ihrem poetischen und lebendigen Sprach- und Schriftuniversum verwob sie Sprache und Geist mit der gesamten Welt. Und auch die Kunst war ihr eine wichtige Inspiration. Sie setzte sich auseinander mit der Welt, träumte und trauerte und erfand Wörter, die sie auch optisch hervorhob, mit eigenwilliger Zeichensetzung und Schreibweise. Ihre Wiener Arbeitswohnung war legendär voll, Körbe und Kartons mit Notizen, CDs, Textentwürfen sowie hohe Papier- und Bücherstapel oder Zettel an der Wand.

Friederike Mayröcker in ihrem Arbeitszimmer (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Friederike Mayröcker in ihrem Arbeitszimmer Picture Alliance

Ernst Jandl war die Basis ihres Lebens

Friederike Mayröckers lange Haare waren bis zuletzt schwarz gefärbt, ihre Augen schminkte sie gerne mit Kajal, und auch im hohen Alter glich ihre Erscheinung noch immer der Frau, die viele Auftritte hatte, gemeinsam mit Ernst Jandl. Die beiden waren seit Mitte der 50er-Jahre ein Lebenspaar bis zu Jandls Tod im Jahr 2000.

Ernst Jandl war einfach die Basis meines Lebens“, sagte sie einmal. „Seit Ernst Jandl tot ist, ist die Basis mir entzogen.“

Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker ist am 4. Juni 2021 gestorben (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker Picture Alliance

Immer wieder war sie auch für den Literaturnobelpreis im Gespräch

Schon als Kind und Jugendliche schrieb Friederike Mayröcker Prosa und Gedichte, 1946 erstmals veröffentlicht in der Wiener Avantgarde-Zeitschrift Plan. 1956 folgte mit „larifari“ das erste Buch mit Prosa, Skizzen und Miniaturen. Zehn Jahre später wurde sie mit „Tod durch Musen“ bekannt.

Mayröckers Vater war Lehrer, und auch sie unterrichtete 24 Jahre lang Englisch an einer Wiener Hauptschule. Gerne machte sie es nicht. 2005 bekam sie den Büchner-Preis, nur eine von zahlreichen Auszeichnungen. Immer wieder war sie für den Literaturnobelpreis im Gespräch. „Ich werde es nicht mehr erleben“, sagte sie bei einem ihrer letzten öffentlichen Auftritte im August 2020 in Wien.

Friederike Mayröcker fühlte sich durch den Heiligen Geist geleitet, doch nicht mehr da sein, nicht mehr schreiben können, das machte ihr Angst, und den Tod verachtete sie.

Ich hasse den Tod. Der Tod ist das Bedauerlichste, und er ist auch das, was den Menschen herabsetzt, weil er als sogenannte Krone der Schöpfung eben nicht über sein Weiterleben bestimmen kann. Er wird einfach weggerissen, mitten aus der Arbeit, mitten aus dem Leben heraus.

Gespräch Den Menschen im Gedicht erfassen: Zum Tod von Friederike Mayröcker

Mit ihrem Prosaband „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ war Friederike Mayröcker nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Eine anrührende Erinnerung an die österreichische Lyrikerin und Schriftstellerin sei dieser Band, so SWR2 Literaturredakteur Frank Hertweck. Im Alter von 96 Jahren ist Friederike Mayröcker in Wien verstorben. Sie galt als eine der bedeutendsten Autorinnen im deutschsprachigen Raum.
Von Verfall und Demenz erzähle der letzte Band von Friederike Mayröcker. Die Poesie der Dichterin sei einzigartig – beinahe so, als ob sie sich vom Bewusstsein entkoppelt habe. Früh sei Mayröcker in Erscheinung getreten. Prägend für sie sei ihre intensive Liebesbeziehung zu Ernst Jandl gewesen, durch den sie, ähnlich wie durch den Dichter Gerhard Rühm, mit der experimentellen Lyrik in Österreich früh in Verbindung gestanden habe. Im Sprung vom lyrischen Experiment zur Existenz sei es ihr früh darum gegangen, in ihrer Lyrik den Menschen ganz zu erfassen.
Enormen Einfluss habe Mayröcker auf die Gegenwartslyrik ausgeübt. Zu ihren zahlreichen Bewunderern gehörten ihr Herausgeber Marcel Beyer, die Dichter Thomas Kling und Durs Grünbein. Wer von Friederike Mayröcker den „Segen“ bekommen habe, habe in der Lyrik etwas werden können.
Friederike Mayröcker wurde am 20. Dezember 1924 in Wien geboren. 1956 veröffentlichte sie ihr erstes Buch. Seitdem folgten Lyrik und Prosa, Hörspiele und Kinderbücher. Für ihr umfangreiches Werk, das als einzigartig in der deutschen Nachkriegslyrik gilt, wurde die Autorin mit zahlreichen Preisen geehrt.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

SWR2 lesenswert Kritik Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete

Am 4. Juni ist die österreichische Lyrikerin und Schriftstellerin Friederike Mayröcker im Alter von 96 Jahren ist in Wien gestorben. In ihrem letzten Lyrikband verbindet Friederike Mayröcker Naturbeobachtung, Erinnerung an Weggefährten mit Reflexionen über das Dichten. Selten hat die Autorin ihren Lesern solche Einblicke in ihre Schreibwerkstatt gewährt. SWR2 Rezensent Andreas Puff-Trojan ist von dem Band begeistert.

Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-22515-8
202 Seiten
24 Euro  mehr...

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Ein unerschöpft-unerschöpflicher Text über Leidenschaft und Schönheit vor der Kulisse von Krankheit und Alter, der das Ineinander von weiten und wilden Lebens- und Denkräumen faszinierend beschreibt.  mehr...

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Die Schrifstellerin Friedrike Mayröcker ist am 4. Juni im Alter von 96 Jahren in Wien gestoren.
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