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Eine Pilzfarm in Kanada – hier wächst Muriel auf. Ihre Großmutter kam einst aus Japan nach Kanada. Das Englische spricht sie gut, doch in den japanischen Traditionen bleibt sie fest verwurzelt.

Wo sind die Asian Canadians wirklich zuhause? Diese Frage stellt Hiromi Goto, die 1966 in Japan geboren wurde und als Dreijährige mit ihren Eltern nach Kanada kam. In ihrem poetischen Roman „Chor der Pilze“ bricht diese Frage auf, als die Großmutter eines Tages verschwindet.

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Als vor ein paar Wochen der Deutsche Verlagspreis verliehen wurde, ging unter anderem eine Auszeichnung an den kleinen Cass-Verlag aus der Nähe von Weimar.

Der Cass-Verlag setzt auf Werke aus dem Japanischen und Koreanischen

Der Mut zum Profil und ein Beitrag zur literarischen Vielfalt in Deutschland sollen laut Jury mit dem Verlagspreis gefördert werden. Das Programm des Cass-Verlags setzt auf gut erzählte Literatur und die umfasst sowohl Kriminalromane als auch klassische nicht genregebundene Belletristik.

Mit einer Besonderheit: Bei Cass erscheinen ausschließlich Werke in Übersetzung aus dem Japanischen und Koreanischen. Bis jetzt zumindest, denn mit Hiromi Goto ist erstmals eine Autorin im Programm, die zwar japanische Wurzeln hat, aber in Kanada geboren wurde und daher auf Englisch schreibt.

Auch nach zwanzig Jahren nicht heimisch in Kanada

Naoe ist eine alte Frau. Tagein, tagaus sitzt sie auf ihrem Stuhl im Flur, horcht auf den Wind, der sich durch die Spalten und Ritzen der Türen seinen Weg bahnt, sieht dem Flockenwirbel vor dem Fenster hinterher.

Vor zwanzig Jahren schon ist sie nach Kanada gekommen. Sie spricht das Englische gut. Aber heimisch geworden ist Naoe in dieser Kultur nicht.

Der Roman ist autobiographisch gefärbt

Die 1966 in Japan geborene und seit ihrem dritten Lebensjahr in Kanada beheimatete Autorin Hiromi Goto schickt uns auf sinnliche Weise auf die verschlungenen Handlungswege ihres autobiographisch gefärbten Romans.

Autorin Hiromi Goto (Foto: Pressestelle, Privat)
Autorin Hiromi Goto Pressestelle Privat

Drei Frauen, Großmutter, Mutter und Enkelin stehen im Mittelpunkt

Erzählt wird die Geschichte dreier Frauen. Naoes Tochter Keiko und ihr Mann betreiben – wie übrigens die Eltern von Hiromi Goto auch - eine Pilzfarm.

Zu den Mahlzeiten kochen sie nur westliche Gerichte und sprechen im Alltag mit ihrer Tochter Muriel ausschließlich Englisch. Sie sind bestrebt, alles Japanische abzulegen.

Sie wollen, dass Muriel sich von den anderen kanadischen Kindern nicht unterscheidet, die gleichen Chancen hat. Muriel wiederum spürt, dass da etwas fehlt, nicht nur, weil sie wegen ihres asiatischen Aussehens immer wieder diskriminiert wird, sondern auch, dass ihr ein Teil ihrer Identität quasi vorenthalten wird.

Durch Großmutter Naoe lernt Muriel ihre japanischen Wurzeln kennen

Aber ihre Eltern schweigen. Großmutter Naoe wiederum erzählt gern und wird so zur wichtigsten Ansprechpartnerin ihrer Enkelin. Durch sie erfährt Muriel nicht nur von der Familiengeschichte, sondern sie lernt auch die Welt der japanischen Märchen und Legenden kennen, die Namen von Speisen und überhaupt die japanische Sprache, von der sie bisher kein Wort versteht.

Ja, sie bekommt von der Großmutter sogar einen neuen Namen: Murasaki - was übersetzt so viel wie lila oder violett heißt.

Es entsteht ein Gefühl für die Schönheit der japanischen Sprache 

Unkommentiert setzt Goto die japanischen Worte, die Namen für Speisen, Halbsätze und sogar Kanji-Zeichen in ihrem Roman ein.

So sparsam, dass es den Leser nicht überfordert, aber doch wieder so konsequent, dass durch diesen Rhythmus ein Gefühl für die Schönheit der japanischen Sprache wie für den Wechsel zwischen Fremdem und Eigenem entsteht.

Die Großmutter begibt sich auf eine mysteriöse Reise

Eines Tages aber verschwindet Naoe im Schneegestöber und begibt sich mit einem jungen Trucker auf eine Reise mit unbekanntem Ziel.

Für die Familie ist das zunächst ein Schock, wenn auch ein heilsamer, wie sich bald herausstellt. Denn angestoßen durch diesen Verlust finden die Eltern und Murasaki einen Zugang zu ihrer kulturellen Herkunft, öffnen sich füreinander, sie fangen sogar an, miteinander japanische Gerichte zu kochen, etwas zuvor Undenkbares.

Der Roman ist in einer poetischen Sprache verfasst

Erzählt wird das in einer vielseitigen poetischen Sprache, die mal stiller daherkommt, zum Beispiel an den Stellen, wo japanische Märchen in den Roman einfließen, mal kraftvoller, wenn die Großmutter mit dem Trucker in markigen Sätzen daherschnoddert.

Von eigener Schönheit sind ebenfalls die erotischen Passagen des Romans. Goto beherrscht die verschiedensten Register und Töne, in jedem Satz liegt eine große Musikalität, die aber niemals Gefahr läuft, ins Pathetische oder Kitschige abzudriften.

Zahlreiche Perspektivwechsel verlangen die Aufmerksamkeit der Leser*innen

Dass dies auch in der Übersetzung spürbar wird, ist der Leistung von Karen Gerwig zu verdanken, die Gotos fein austarierte Prosa in ein ebensolches Deutsch überträgt.

Analog zum sprachlichen Variantenreichtum, gibt es eine Vielzahl an Perspektivwechseln. Mal ist es die Großmutter, mal die Enkelin, die jeweils aus der Ich-Perspektive berichten, dann wieder gibt es kursiv gesetzte Passagen, in denen zwei namenlos bleibende Figuren sprechen, sowie fingierte Zeitungsartikel.

Es verlangt dem Leser anfangs einige Mühe ab, diese Perspektivwechsel nachzuvollziehen.

Die Erzählung verläuft nicht immer chronologisch

Jahre, nachdem Naoe mit dem Trucker auf die Reise ging, fährt Murasaki mit dem Auto ebenfalls durch eine winterliche Landschaft. Sie liest einen Tramper auf, es entspinnt sich ein Gespräch, und für Momente ist unklar: Erzählt jetzt Murasaki oder doch ihre Großmutter.

Oft scheint unklar, an welches „Du“ sich das „Ich“ in den kursiv gesetzten Kapiteln richtet, genauso, wie oft nicht klar ist, ob das alles nur in Gedanken der Großmutter oder der Enkelin stattfindet oder doch real ist. Verwirrend ist das anfangs auch, weil Goto nicht chronologisch verfährt.

Im Erzählen wird der Tod überwunden

Das Verschwinden der Großmutter und das Weiterleben in den Erzählungen der Enkelin, das Ineinandergleiten und Verwischen der verschiedenen Erzählebenen wie der Identitäten hat allerdings einen tieferen Sinn, das wird im Laufe der Lektüre deutlich.

Denn es lässt die Leser*innen spüren, dass der Tod - und der ist hier nicht einmal ausgemacht - nicht das Ende ist, sondern im Erzählen überwunden wird.

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