Gespräch

Harald Welzer übt Medienkritik: „Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird – auch wenn sie keine ist“

STAND
INTERVIEW
Martin Gramlich

„Wenn Leute sich nicht wiederfinden in der Art, wie berichterstattet und kommentiert wird, dann ist das problematisch“, sagt der Sozialpsychologe Harald Welzer bei SWR2. Gemeinsam mit Philosoph Richard David Precht hat er das Buch „Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird – auch wenn sie keine ist“ geschrieben.

Audio herunterladen (7,2 MB | MP3)

Welzer: Bei großen Themen zeigt sich einheitliches Meinungsbild deutlich

Welzer und Precht kritisieren darin publikumswirksam die angebliche „Meinungsmache der Leitmedien“. „Wir können das festmachen, an den drei Großthemen der vergangenen Jahre, das war zum einen 2015 die Flüchtlingskrise, das war dann die Pandemie und ist jetzt der Ukraine-Krieg“, sagt Harald Welzer bei SWR2.

An diesen drei Beispielen sehe man deutlich, dass die Leitmedien ein sehr einheitliches Meinungsbild widerspiegelten, so der Sozialpsychologe im Gespräch. Das sei sehr ungünstig, da gerade das Kriegsgeschehen in der Ukraine sehr komplex sei und der Ausgang der Lage noch ungewiss.

Appell: Nicht nur die Bildungselite sollte zu Wort kommen

An diese These knüpft Welzer das Problem der fehlenden Repräsentation von verschiedenen Gruppen an. „Auf der Ebene des Parlamentes haben wir es so, dass es nahezu zu hundert Prozent aus Akademikerinnen und Akademikern besteht“, erklärt Welzer.

Zudem seien bestimmte Berufsgruppen wie Juristen überproportional vertreten. Damit repräsentiere der Bundestag nicht die Bevölkerung. „Das kann er auch nicht, muss er auch nicht, aber genau weil das so ist, kommt den Medien die Aufgabe zu, Gruppen auch zu Wort kommen zu lassen, die eben in dieser Form in den Bildungseliten nicht vorkommen“, sagt Welzer.

Aus diesem Grund rät der Soziologe Medienschaffenden dazu, auch Menschen mit einer anderen Meinung zu Wort kommen zu lassen, damit der Diskurs sich nicht auf eine mehrheitliche Meinung festlegt.

Buchkritik Richard David Precht - Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens. Ein Essay

Wird die Menschheit tatsächlich bald schon von einer künstlichen Intelligenz in ihrer Existenz bedroht, wie viele Technik-Visionäre behaupten? Oder beschert uns die Digitalisierung nicht ganz andere, handfestere Gefahren? Rezension von Oliver Pfohlmann. Goldmann Verlag ISBN 978-3-442-31561-1 256 Seiten 20 Euro

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

Gespräch Wer ich gewesen sein möchte - der Soziologe Harald Welzer denkt vom Ende her

In seinem Buch „Nachruf auf mich selbst“ plädiert der Soziologe Harald Welzer für eine Kultur des Aufhörens und Umkehrens. Dann, wenn man etwas als sinnlos und destruktiv erkannt hat.

SWR2 Tandem SWR2

Buch der Woche vom 01.07.2019 Harald Welzer - Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen

Die Utopie eines sozial gerechten und wirtschaftlich funktionierenden Gesellschaftssystems, das die Ressourcen schont, dem Einzelnen Freiheit und Selbstbestimmung gewährt und in eine lebenswerte Zukunft führt.

S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-397401-0
320 Seiten
22 Euro

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

STAND
INTERVIEW
Martin Gramlich