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Georgische Schriftzeichen

Georgien als Gastland der Frankfurter Buchmesse Ritterschrift und Gurkensalat

Von Carsten Otte

Am 9.10. wurde die Frankfurter Buchmesse feierlich eröffnet. Ehrengast ist in diesem Jahr Georgien, ein Land mit langer Literaturtradition. So ist das älteste erhaltene Werk eine Novelle aus dem 5. Jahrhundert. Es gibt georgische Originalmanuskripte aus dem Mittelalter, etwa das Versepos "Der Recke im Tigerfell" von Schota Rustaweli. Es handelt vom edlen Rittertum, das sich über nationale und religiöse Grenzen hinwegsetzt. Der Text gilt heute als Nationalepos des Landes, das jedes Kind in Georgien in der Schule lernt.

Zur Frankfurter Buchmesse werden zahlreiche dieser historischen Werke in deutscher Neuübersetzung präsentiert. Der Auftritt des Gastlandes Georgien stellt aber auch zeitgenössische Literatur in den Mittelpunkt und feiert im Ehrengast-Pavillon die Buchstaben des georgischen Alphabets.

"Made by Characters" heißt das Motto des Gastlandes Georgien auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Slogan, der mit der Doppelbedeutung eines englischen Wortes spielt: "Characters", sind nicht nur starke oder schwache Charaktere, sondern auch Buchstaben. So stehen dann die kunstvoll geschwungenen 33 Buchstaben des georgischen Alphabets im Zentrum der Ehrengast-Präsentation. Formschön und fremd sehen die überlebensgroß aus Holz angefertigten Zeichen aus, und so fordert der Pavillon zunächst einmal auf, sich Gedanken über die so exotisch wirkenden Grundbausteine der georgischen Sprache zu machen.

Erstaunlicher Sprachschatz

Wir erfahren unter anderem, dass die aus 28 Konsonanten- und fünf Vokalzeichen bestehende Schrift, die Mchedruli, zu deutsch: Ritterschrift genannt wird, nicht zwischen Klein- und Großbuchstaben unterscheidet. Und dass es eine Sprache mit uralten Wurzeln ist, die nämlich zu Beginn des 5. Jahrhunderts unter griechischem Einfluss aus dem Aramäischen entstand und die sich im 11. Jahrhundert zur heute gültigen Form entwickelt hat.

Hermetische Gastland-Show

Die Georgier bringen also einen erstaunlichen Sprachschatz auf die Buchmesse, der für den Laien aber nach dem Besuch der Gastland-Halle trotz aller Vermittlungsversuche doch ein Rätsel bleiben wird. Der luftige Pavillon gibt sich verspielt, sphärische Töne wabern durch den Buchstabenraum. Letzten Endes bleibt die Gastland-Show, die sich auf die Schönheit der fremden Buchstaben konzentriert, seltsam hermetisch, vor allem wenn man den Auftritt der Georgier mit dem Konzept Frankreichs im vergangenen Jahr vergleicht, das nicht nur luftig und leicht war, sondern in der Ausstellung eine politische Idee einer supranationalen Bücherwelt entwickelt hat.

Die georgische Selbstdarstellung wirkt wie ein Marketing-Programm

Dagegen wirkt die georgische Selbstdarstellung eher wie ein touristisches Marketing-Programm. Kein Wunder, dass jeder Tag im georgischen Pavillon mit Wein und volkstümlicher Musik endet.

Natürlich dürfen sich in Frankfurt auch jene 200 Verlage aus 38 Ländern präsentieren, die aktuelle Titel georgischer Literatur oder Bücher über Georgien veröffentlicht haben. Es gibt hier auch viel zu entdecken, etwa die Erzählungen "Die Reise nach Karabach" von Aka Morchiladze, ein Autor, der in Georgien ein Star, hierzulande aber weitgehend unbekannt ist.

Keine überzeugende Gastland-Präsentation

In Frankfurt stürzen sich die Medien auf die in Deutschland lebende und auf Deutsch schreibende Autorin Nino Haratischwili, die 1983 in Georgien geboren wurde, 2003 nach Deutschland zum Studieren kam und dann blieb. Haratischwili sagt zwar, sie wolle nicht das Maskottchen ihrer kaukasischen Heimat sein, aber dann schwärmt sie in Interviews immer wieder vom georgischen Tomaten-Gurkensalat, den sie stark vermisse. Insofern ist sie durchaus eine engagierte Botschafterin ihrer Heimat und fügt sich gut ein ins Gesamtprogramm des Gastlandes.

Ihr neuer Roman "Die Katze und der General", der von Traumata nach dem Tschetschenien-Krieg handelt, stand auf der Shortlist zum Buchpreis – in zahlreichen Rezensionen wurde das Werk allerdings heftig kritisiert, eine "Seifenoper" sei der Text, mit Kitsch und schlimmen Phrasen, dramaturgisch teilweise misslungen. Wirklich überzeugend ist diese Gastland-Präsentation nicht.

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