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Die Dichterin Elke Erb erhält den Georg-Büchner-Preis 2020. "Das ist gelinde gesagt eine Überraschung", kommentiert SWR Literaturchef Frank Hertweck in SWR2.

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Wie Elke Erb eine DDR-Schriftstellerin wurde

Und noch mehr als eine Überraschung, denn vielen dürfte der Name gar nichts sagen.

Dabei stammt Elke Erb sogar aus dem erweiterten Sendegebiet, nämlich aus Scherbach in der Eifel, wo sie 1938 geboren wurde. Aber ihr Vater, er war Literaturwissenschaftler, ging nach dem zweiten Weltkrieg hoffnungsvoll in die DDR und holte erst später die Familie in Etappen nach. So wurde Elke Erb eine DDR-Schriftstellerin.

Die „Dichterin für Dichter“

Und keine unmaßgebliche. Fast könnte man sagen, sie ist die „Dichterin für Dichter“, so groß war ihr poetischer Einfluss auf junge Lyriker in der DDR. Gerade erst hat ihr Lutz Seiler in seinem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman: Stern 111 ein literarisches Denkmal gesetzt.

„Im Treppenhaus Kastanienallee 30 nachmittags/um halb fünf roch es flüchtig /nach toten selbstvergessenen Mäusen.“ Carl kannte den Geruch, tot und selbstvergessen – so begann „Kastanienallee“; kein schlechter Anfang für einen Gedichtband.“

Lutz Seiler: Stern 111

So sinniert der Held von Seilers Roman.

Und Durs Grünbein, einstiger Götterliebling der Nachwende-Lyrik, nennt ihre Poesie „Tanz der Gedanken.“ Damit sind die zwei Pole von Erbs Lyrik benannt. Der Tanz, das Musikalische. Und: der Gedanke, das Reflexive. In ihren frühen Gedichten findet sich noch der Nach-Brecht-Sound, der Sound der nüchternen und trockenen Inventur.

Wie wir das Alltägliche zur Sprache bringen

Aber spätestens mit „Kastanienallee“, 1987 erschienen und im folgenden Jahr gleich mit dem Peter Huchel-Preis ausgezeichnet, verbindet sie die Wahrnehmung des Alltäglichen mit dem Nachdenken darüber, wie wir dieses Alltägliche wahrnehmen und wie wir es ausdrücken, wie wir es zur Sprache bringen.

„Texte und Kommentar“ heißt dieser Band mit leiser Ironie im Untertitel. Und genau darum geht es: Diese scheinbar streng geschiedenen Sphären lösen sich auf, Notate, Tagebuchartiges, Poetik, Theorie, Poesie, Klang Laut, fließen ineinander, Dichtung ist Kommentar ist Dichtung ist Kommentar.

Die Lyrikerinnen Friederike Mayröcker und Elke Erb beziehen sich aufeinander

Man kennt diesen Formenfluss von der österreichischen Büchner-Preisträgerin Friederike Mayröcker und nicht von ungefähr haben sich die beiden Autorinnen freundschaftlich in Lyrikbänden aufeinander bezogen. Auf radikale Weise haben die Gedichte Elke Erbs darum keinen Anfang und kein Ende, sondern sind selbst ein Gespräch im Fluss.

Vielleicht ist der Büchner-Preis für Friedricke Mayröcker die beste Folie, um den Preis an Elke Erbe einzuordnen. Hier wird ein Lebenswerk gekürt und gekrönt, kein aktuelles politisches Engagement wie im letzten Jahr bei Lukas Bärfuss.

Elke Erb verbindet Zweifel und Engagement

Aber trotzdem gibt es auch hier eine verborgene politische Dimension. Elke Erb war in der DDR und der Wendezeit das integre Zentrum einer dichterischen Szene im Berliner Prenzlauer Berg, die sich bald als gar nicht so sauber entpuppte, siehe Sascha „Arschloch“ Anderson.

Elke Erb konnte das nicht anfechten. Sie verfolgte auch im vereinigten Deutschland den literarischen Weg, den sie in der DDR begonnen hatte, vielfach ausgezeichnet, aber nur in kleinen Auflagen verlegt. So erhält sie den Georg Büchner-Preis für geistige und poetische Unabhängigkeit, für eine sehr „büchnerhafte“ Eigenschaft, nämlich Zweifel und Engagement in eins zu leben.

„Gedichtverdacht“ heißt ihr letztes Buch. Und das kann beides heißen, das Gedicht steht unter Verdacht und das Gedicht ist ein Mittel des Hinterfragens. Keine schlechte Paradoxie.

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