Kommentar zum Georg-Büchner-Preis 2019 In einer Liga mit Dürrenmatt und Frisch – Büchner-Preis für Lukas Bärfuss

Kürzlich verglich Lukas Bärfuss in einem Vortrag das Üben auf einem Musikinstrument, mit seinem „Üben“, um Schriftsteller zu werden. Jetzt ist er Georg-Büchner-Preisträger. „Bärfuss vermeidet die alten Trampelpfade. Er ist nicht links und er ist nicht rechts. Er ist Vertreter einer individuellen Souveränität, ein Eidgenosse durch und durch. Er passt in die Liga von Dürrenmatt und Frisch, von Keller und Urs Widmer“, lobt Alexander Wasner in seinem Kommentar.

Lukas Bärfuss – ein „Großschriftsteller“ wie Frisch oder Dürrenmatt?

Da war nicht nur der Autor überrascht. Vom Büchner-Preis als „Engelskuss“ sprach Lukas Bärfuss. Ihn hatte keiner auf dem Schirm. Den Büchner-Preis erhalten „Großschriftsteller“. Und Lukas Bärfuss bekam viele Preise, aber als Großschriftsteller läuft er unter dem Radar der Öffentlichkeit. Max Frisch ist ein Großschriftsteller aus der kleinen Schweiz, Friedrich Dürrenmatt auch – spielt Bärfuss also in derselben Liga?

Der Büchner-Preisträger 2019 Lukas Bärfuss (Foto: picture alliance/KEYSTONE - DOMINIC STEINMANN)
Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss (*1971) erhält den Georg-Büchner-Preis 2019. "Damit kann man doch nicht rechnen. Das ist der Engelskuss, der einen da trifft", sagte Bärfuss nach der Entscheidung der Akademie. picture alliance/KEYSTONE - DOMINIC STEINMANN

Der Theaterautor Bärfuss

Dazu muss man sich das Werk anschauen. Seine Theaterstücke sind mittlerweile überregional groß besprochene Ereignisse. „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ hieß das, mit dem er bekannt wurde. Der „Elefantengeist“ war dann 2018 ein umstrittenes Theaterstück über Helmut Kohl. Bärfuss lieferte Klischees, die gemütliche, hässliche BRD der 80er, Flick, Ehrenwort, sogar die alten „Birne“-Witze wurden darin zitiert. Im Mittelpunkt stand ein Bunker, darin wurde sozusagen die Geschichte abgeladen und verdrängt.

Bärfuss beschreibt die dunklen Räume der Seele

Genau das ist die Bärfuss-Maschine. Er beschreibt und interpretiert die Darkrooms, die dunklen Räume der Seele, die findet man bei einzelnen Menschen wie bei ganzen Nationen. Am deutlichsten vielleicht in seinem ersten Roman: „Hundert Tage“ erzählt Bärfuss die Geschichte eines Entwicklungshelfers. Er will seine große Liebe retten und versteckt sich in Ruanda in der Zeit des Völkermordes 1994.

Am Ende muss er feststellen, dass nicht nur das Land, sondern auch alle, die er retten wollte, sich verändert haben. Der wohl böseste Satz des Buchs lautet: „Nein, wir gehören nicht zu denen, die Blutbäder anrichten – aber wir sind die, die darin schwimmen.“

Ein Vorwurf, der die Schweiz treffen soll – aber unsere Ethik insgesamt charakterisiert. Man kann ihn übertragen auf Ökologie, auf entfesselten Kapitalismus, auf die Verdrängung der historischen Verantwortung. Lukas Bärfuß ist ein Meister darin, Sätze zu formulieren, die aus einer Romanhandlung das große Ganze herausarbeiten.

„Koala“, ein Roman über den Freitod des eigenen Bruders

Damit spielt auch der Roman „Koala“. Koala war der Spitzname seines Bruders. Der hat sich umgebracht, Lukas Bärfuss schreit in dem Buch seinen Schmerz heraus und bringt den Selbstmord zusammen mit der Kolonialisierung Australiens und dem Massenmord an Aborigines und eben, Koalas, die sich so wenig gewehrt haben wie sein heroinsüchtiger Bruder.

Ein Bärfuss-Twist, ein starkes Bild. Lukas Bärfuss wehrt sich und verströmt dabei eine erhebliche Angriffslust.

Schriftsteller sein ist etwas anderes als Schriftsteller werden zu wollen

Neulich hat er in der Hamburger Elbphilharmonie einen Vortrag gehalten. Es ging um Musik und darum, dass man üben muss, um ein Instrument zu lernen. Er beschrieb, wie er geübt hätte, um ein Schriftsteller zu werden. Sätze, Spannungsbögen, das ganze Arsenal. Dann hätte man ihm plötzlich den Schriftsteller abgenommen. Jetzt sei er einer. Aber Schriftsteller sein – und Schriftsteller werden wollen, das seien sehr verschiedene Dinge.

Beim Üben darf man sich keinen Fehler durchgehen lassen

Identität bringe kein Glück, sondern das Werden, das Sich -Entwickeln bringe es. Und beim Üben sei es wichtig, sich keinen Fehler durchgehen zu lassen. Fehler sind was für festgefahrene Profis – und das will Lukas Bärfuss nicht sein. Denn Profis lassen aus ökonomischen Gründen fünf gerade sein und Sorgfalt im Umgang mit Menschen und Material vermissen.

Lukas Bärfuss kommt immer vom Besonderen ins ganz Große. Er vermeidet dabei, das kann man gar nicht groß genug loben, die alten Trampelpfade, ist nicht links und nicht rechts – er ist Vertreter einer individuellen Souveränität, ein Eidgenosse durch und durch. Er passt in die Liga von Dürrenmatt und Frisch, von Keller und Urs Widmer.

„Mit Lukas Bärfuss zeichnet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung einen herausragenden Erzähler und Dramatiker der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aus. In einer distinkten und dennoch rätselhaften Bildersprache, karg, klar und trennscharf, durchdringen sich nervöses politisches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit. Mit hoher Stilsicherheit und formalem Variationsreichtum erkunden seine Dramen und Romane stets neu und anders existentielle Grundsituationen des modernen Lebens. Es sind Qualitäten, die zugleich Bärfuss‘ Essays prägen, in denen er die heutige Welt mit furchtlos prüfendem, verwundertem und anerkennendem Blick begleitet.“

Begründung der Jury

Lukas Bärfuss, geboren am 30. Dezember 1971 in Thun/Schweiz, ist Dramatiker, Erzähler und Essayist. Er lebt in Zürich.

Unter anderen erhielt Bärfuss 2009 den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis (Sonderpreis), 2010 den Hans-Fallada-Preis, 2013 den Berliner Literaturpreis, 2014 den Solothurner Literaturpreis, 2014 den Schweizer Buchpreis, 2015 den Nicolas-Born-Preis, 2016 den Johann-Peter-Hebel-Preis und 2018 den Preis der LiteraTour Nord.

2017 stand Lukas Bärfuss mit seinem Roman „Hagard“ auf der Shortlist für den Leipziger Buchpreis.

Die Preisträger von 2018 - 2005

Terézia Mora (Foto: ard-foto s1/s2-intern -)
2018: Terézia Mora ...... die von Außenseitern und Heimatlosen, prekären Existenzen und Menschen auf der Suche erzählt und mit Themen „schmerzlich den Nerv unserer Zeit“ trifft. ard-foto s1/s2-intern - Bild in Detailansicht öffnen
Der frisch gekürte Büchner-Preisträger Jan Wagner (Foto) geht mit seinem ersten Hörspiel "Gold.Revue" auf Sendung. Villa Massimo - Alberto Novelli Bild in Detailansicht öffnen
Marcel Beyer SWR - Peter A. Schmidt Bild in Detailansicht öffnen
Die Jury lobte Goetz vor allem auch für sein Buch "Rave" picture-alliance / dpa / imago - Bild in Detailansicht öffnen
Jürgen Becker ARD Foto - SWR/WDR/Melanie Grande" Bild in Detailansicht öffnen
Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius picture-alliance / dpa - Bild in Detailansicht öffnen
2010: Reinhard Jirgl Reinhard Jirgl, der in einem Romanwerk von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet hat... dpa - Bild in Detailansicht öffnen
2009: Walter Kappacher ... für die einer großen Tradition verbundene Genauigkeit des melancholischen Blicks auf Welt und Menschen, der falschen Trost verweigert und gerade deshalb tröstlich wirkt. dpa - Bild in Detailansicht öffnen
2008: Josef Winkler ... barock-expressive, rhythmische Prosa von dunkler Schönheit... dpa - Bild in Detailansicht öffnen
2007: Martin Mosebach SWR - Bild in Detailansicht öffnen

Der Georg-Büchner-Preis

Der mit 50.000 Euro dotierte Büchner-Preis gilt als bedeutendster deutscher Literaturpreis. Er wird am 27. Oktober in Darmstadt verliehen. Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an Terézia Mora.

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