Frankfurter Buchmesse 2018 Bücher gegen rechts

Von Rainer Volk

Literatur für die "Guten"

"Also, es ist ja – etwas böse gesagt – Literatur für die Guten"

Den springenden Punkt erwähnt Markus Karsten gleich im ersten Satz. Der Chef des Frankfurter Westend-Verlags erläutert seinen flapsigen Satz jedoch schnell und umfassend:

"Es geht uns prinzipiell darum, was führt dazu, dass es in einer Gesellschaft benachteiligte Gruppen gibt und wie kann man dem Einhalt gebieten und wie kann man das umdrehen – wen es auch immer betrifft. Und da ist das Spektrum von Analyse über Hintergrund und Kommentar eben da. Aber in der Tendenz ist es schon immer so, dass es die lesen, die es sowieso wussten".

Bücher gegen Rechts kann man nicht planen

"Rechtspopulisten im Parlament" und "Die Volksverführer" lauten zwei der Titel, die das eher linke Verlagshaus vom Main zurzeit am Start hat. Die Konkurrenz der größeren Verlage – Klett-Cotta, Fischer oder Droemer-Knaur – haben den Trend ebenfalls erkannt. Wirklich planbar ist eine publizistische Reaktion auf die Angriffe der neuen rechten Volkstribune nicht. Karin Nink, Geschäftsführerin und Chefredakteurin der SPD-Verlagsgesellschaft "Vorwärts" erklärt das mit Lukas Rietzschels Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen":

"Als Lukus Rietzschel – ich hab‘ mit ihm nicht darüber gesprochen – aber als er dieses Buch geschrieben hat, hat Chemnitz noch gar nicht stattgefunden. Jetzt fand Chemnitz statt – und jetzt wird dieser junge Mensch sozusagen als "Sachsen-Erklärer" durchgereicht. Also ich werde ihn bei unserer Veranstaltung fragen, wie er den Roman eigentlich versteht: Als klassischen Entwicklungsroman, oder als einen politischen Roman, der die Verhältnisse in Sachsen erklärt".

Was ist zuerst da: die Ereignisse oder die Bücher?

Mit der Literatur gegen rechts – fiktional wie sachlich – scheint es also wie mit der Frage von Henne und Ei. Feststeht indes: Manches fügt sich glücklich – vor allem für die Häuser, die langfristig arbeiten. Ein Beispiel ist der Beltz-Verlag, einem breiteren Publikum vor allem wegen seiner Kinderbücher ein Begriff. Unter der Marke "Beltz-Juventa" publiziert das Haus in Weinheim an der Bergstraße jedoch schon seit Jahrzehnten forschungsbasierte Bücher von Sozialwissenschaftlern.

Folge: Auch zu den Themen "Rechtspopulismus" und "Antisemitismus" kann man Neuerscheinungen vorweisen. Ob sich diese Werke auch gut verkaufen, kann Verlagssprecherin Anja Lösch noch nicht sagen. Aber sie ist sehr zufrieden, dass es einer ihrer Autoren mit seinen Thesen rechtzeitig zur Buchmesse in die „Bild-Zeitung“ schaffte:

"Der Samuel Salzborn hat eben jetzt bei Juventa ein wissenschaftliches Fachbuch zum globalen Antisemitismus herausgebracht. (Das) ist nicht ganz einfach zu lesen. Das ist aber ein sehr, sehr wichtiges Buch. Und es ist auch dadurch, dass der Autor eine sehr dezidierte Meinung hat, natürlich geeignet auch, für eine allgemeine Öffentlichkeit zu sorgen".

Auch ältere Bücher können aktuell sein

Wer keine frischen Antworten auf die braune Welle kann, sollte aber nicht verzagen, sagt Westend-Verleger Markus Karsten. Es gibt nämlich auch ältere Rezepte und Analysen, wie gegen Hetze und Ressentiments vorgegangen werden kann. Weshalb sein Haus Walter Lippmanns „Die öffentliche Meinung“ aus dem Jahr 1922 übersetzt neu aufgelegt hat:

"Also bei uns ist es jedenfalls so, dass wir häufiger auf Titel stoßen, die bereits vor 40,50,60,100 Jahren erschienen sind. Und wo sich feststellen lässt, dass an dem prinzipiellen Problem, das behandelt wurde, sich grundsätzlich gar nichts geändert hat – und dass da eigentlich klügere Ansätze zu finden sind als sie heute zu finden sind".

Verlage mit "obskurer" politischer Heimat sind bislang unauffällig

Übernahmen aus einem vergangenen Jahrhundert sind – nebenbei gesagt – preiswerter als das Verlegen neuer Werke. Die „gegen rechts“ engagierten Verlage haben so oder so dieses Jahr bei der Buchmesse freie Bahn: Nur ganz versteckt finden sich in den Hallen auch Angebote von Verlagshäusern, deren politische Heimat als obskur bezeichnet werden muss.

Verlag Junge Freiheit auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Arne Dedert)
Ein Zettel mit der Aufschrift "Kein Durchgang" ist nahe des Stands des Verlags Junge Freiheit auf der Frankfurter Buchmesse neben einer verschlossenen Zwischentür angebracht. Die Frankfurter Buchmesse will rechte Verlage bei der weltgrößten picture-alliance / dpa - Arne Dedert
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