Literatur

Daniel Kehlmann in Alzey mit Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis ausgezeichnet

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AUTOR/IN
Leonie Berger

Eigentlich sei ihm nach „entsetzt Schweigen“ zumute angesichts der Weltlage, so der Schriftsteller Daniel Kehlmann. Aber dann sprach er doch über den starken Glauben der katholischen Schriftstellerin Elisabeth Langgässer, der ihn als Rationalist ebenso fasziniere wie verwirre. In seiner anregend-tiefgründigen Rede zeigte sich Daniel Kehlmann beeindruckt von ihrer Lyrik und setzte sich kritisch mit ihrer Rolle im Nationalsozialismus auseinander.

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Mit Schweigen ist in diesem Tagen keinem geholfen, so Kehlmann

Er habe in den letzten Tagen überlegt, ob er seine vorbereitete Rede verwerfen solle, sagte Daniel Kehlmann, angesichts dieses ungeheuren Entsetzens, das über die Menschen in der Ukraine gekommen sei, aber auch über uns alle, über uns als Welt.

„Man kommt sich naturgemäß fast albern vor, jetzt zu irgendeinem anderen Thema zu sprechen, aber auf der anderen Seite denke ich an Karl Krauß' Gedicht zu Hitlers Machtergreifung, in dem es heißt „das Wort entschlief als jene Welt erwachte“ und manchmal kann man einfach nur entsetzt schweigen. Aber wenn ich hier draußen stehe und entsetzt schweige, dann ist auch keinem geholfen …“

Kehlmann hatte immer Probleme mit dem Glauben

Also hielt Daniel Kehlmann seine Dankesrede zum Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis doch. Es wäre schade gewesen, hätte er es nicht getan. Denn sie war alles, was so eine Rede sein soll: Anregend und tiefgründig setzte er die eigene Person, das eigene Werk in Beziehung zu dem der Namensgeberin des Preises.

Elisabeth Langgässer, 1899 in Alzey geboren, hatte jüdische Vorfahren, war aber katholisch getauft und steht mit ihrer Literatur in der Tradition der christlichen Mystikerinnen. Daniel Kehlmann bekennt, als skeptischer Mensch mit dem Glauben immer Probleme gehabt zu haben.

Nicht mit dem Inhalt, sondern mit dem logisch nicht aufzulösenden Unterschied zwischen den Sätzen „Ich glaube“ und „Ich weiß“: „Glauben ist ja wirklich eine logisch paradoxe Aussage, weil man sagt: ich weiß nicht, ob etwas zutrifft, aber ich verhalte mich jetzt so, als ob es zutrifft, weil es zutrifft. Aber ich weiß nicht, ob es zutrifft. Also im Grunde ist man sofort in so einem Spiegelkabinett der Paradoxa.“

Starker Glaube kann für Fanatismus anfällig machen

Der Rationalist Daniel Kehlmann würdigte die Schönheit der Gedichte Elisabeth Langgässers, auch wenn diese, geprägt durch ihre gläubige Geisteshaltung, auf ihn wirkten wie aus einer fremden Sprache übersetzt.

Starker Glaube, also die Bereitschaft, Widersprüchliches zu akzeptieren, so Daniel Kehlmann, mache auch anfällig für Fanatismus. So erklärt er sich Elisabeth Langgässers anfängliche Begeisterung für den Nationalsozialismus.

Der Glaube als faszinierendes Rätsel

Nicht zuletzt der Glaube, dass schon alles gut werden würde, brachte ihre Tochter Cordelia in Lebensgefahr, die nach den Rassegesetzen der Nazis als „Volljüdin“ eingestuft worden war. Auch wenn uns heute kein Urteil über ihr Verhalten zustehe, so Daniel Kehlmann, könnten wir durch ihre Literatur viel lernen.

Der Glaube als faszinierendes Rätsel, das trotz der Gefahr des Fanatismus Trost bieten und ethischer Maßstab sein kann: Daniel Kehlmann erwies sich mit seiner Rede als wahrhaft würdiger Preisträger – bedauerlich, dass eine Auseinandersetzung mit Elisabeth Langgässer nur noch auf dem Papier stattfinden kann. Bei einem Gespräch zwischen den beiden wären sicher die Funken geflogen.

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Leonie Berger