Literatur

Von den Nationalsozialisten diffamiert – Geschichte einer „asozialen“ Pfälzer Familie

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AUTOR/IN
Eberhard Reuß

Alfons Ludwig Ims hätte nach den Maßstäben der Nazis gar nicht geboren werden dürfen. Denn seine Eltern waren nach den Diagnosen der NS-Rasseneugeniker „schwachsinnig“ und „asozial“. Mit 72 Jahren hat Ims seine bedrückende Familiengeschichte rekonstruiert und in einem Buch veröffentlicht: Eine „asoziale“ Pfälzer Familie. Es ist ein ergreifendes Stück Zeitgeschichte von ganz unten.

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Nazis behaupten „moralische Minderwertigkeit“ der Eltern

Es ist die Geschichte einer sozial schwachen Familie, die Ihms da zu Papier bringt: Sein Vater, Heinrich Ims, geboren 1900, ist das fünfte von neun Kindern einer Pfälzer Schneiderfamilie. Er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeit durch, wird mit 21 Jahren Vater eines unehelichen Kindes und heiratet dessen Mutter Anne Vollert. Die Familie wohnt in einem Armutsviertel von Kaiserslautern, hat acht gemeinsame Kinder.

„Ja, ich bin ein asozialer Pfälzer, wenn man den Sprachgebrauch der Nazis zugrunde legt.“

Als ein Nazi-Lehrer das Verhalten eines der Ims-Kinder beanstandet, gerät die Familie ins Visier der NS-Behörden. Als Begründung wird „die moralische Minderwertigkeit beider Eltern“ von den Nazis ins Feld geführt.

Die Kinder der Familie entrissen, die Mutter zwangssterilisiert

1939 werden die Kinder schließlich ihren Eltern entzogen. Sie bleiben in den Pfälzer Heimen Analphabeten. Mutter Anne Ims wird zwangssterilisiert und stirbt 1943, Witwer Heinrich Ims heiratet 1944 die Magd Ludwina Rimmelspacher. Gemeinsam bekommen sie weitere Kinder, 1949 wird Alfons Ludwig Ims geboren.

Erst 1952 kommen alle Kinder wieder nach Hause

Auch nach dem Krieg werden seine Stiefgeschwister in den Anstalten festgehalten. Die Ärzte, die schon zu Zeiten der Nazi-Herrschaft das Sagen hatten, machen weiter. Doch Ihms Mutter kämpft um ihre Stiefkinder, schreibt immer wieder Briefe an die Heimleitungen. Erst 1952 gelingt es ihr, alle Kinder aus den Anstalten zu holen.

„Wenn es überhaupt eine Heldin in der Geschichte gibt, dann ist es meine Mutter.“

Die Diskriminierung setzt sich fort

Ihr Sohn Alfons Ludwig Ims schildert das in seinem Buch nüchtern und schonungslos – auch weil seine Eltern und Geschwister inzwischen alle verstorben sind. Er selbst hat es aus dem Elendsquartier in Kaiserslautern heraus geschafft, hat Mathematik, Kunstgeschichte und Völkerkunde studiert und 40 Jahre lang als Entwicklungshelfer gearbeitet.

Alfons Ludwig Ims ist beeindruckt, dass mit Christian Baron ein anderer, fast zwei Generationen jüngerer Autor aus den Kaiserslauterer Armutsquartieren diese Geschichten weiterschreibt – mit der traurigen Erkenntnis, dass sich kaum etwas verändert hat.

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