Literatur

„Es war einmal in Hollywood“ von Quentin Tarantino: Ödes Film-Wissen in Roman-Form

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Quentin Tarantino hat seinen letzten Film „Once upon a time in Hollywood“ zu einem Roman umgeschrieben, „Es war einmal in Hollywood“ heißt er – und so ähnlich wie die Titel sind, so sehr ähneln sich die beiden Werke auch. Nur: Tarantino funktioniert ohne Film nicht wirklich.

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Viele ähnliche Szenen in Buch und Film

Mit ihrem schwarzen Porsche fährt Sharon Tate 1969 durch Los Angeles. Bis sie eine Hippie-Anhalterin am Straßenrand bemerkt:

Das heimatlose Blumenkind macht einen angenehmen Eindruck, und Sharon ist in angenehmer Stimmung, also denkt sie: Wieso nicht?

Ein Jahr später würde die Antwort darauf lauten: Weil dich diese Anhalterin umbringen könnte. Aber im Februar 1969 denken selbst Leute, die etwas besitzen, was sich zu stehlen lohnt, wie Sharon in ihrem coolen schwarzen Poarsche, noch nicht so.

Die Szene aus Tarantinos Film findet sich mehr oder weniger genauso in seinem Buch „Es war einmal in Hollywood“ und ähnlich wie im Film geschieht Sharon Tate – überhaupt nichts. Die Anhalterin ist nett, Sharon Tate ist schön. Love and Peace überall.

Der nostalgische Rückblick auf das Kino der 50er und 60er Jahre dominiert den Roman

Stattdessen werden drei Mitglieder der Manson-Familie ermordet – von den Hauptfiguren, Rick und Cliff. Brutal, aber poetisch gerecht, wie im Wilden Westen. Im Film ist dieser Mord das unausweichliche Finale – im Buch aber wird es nur in einigen kurzen Absätzen erwähnt.

Cliff und Rick werden für ihre Taten kurz zum Stadtgespräch, es gibt keine Strafverfolgung, eher öffentliche Bewunderung. Vielleicht zeigt diese beiläufige Abhandlung der Morde auch Tarantinos eigentliche Rache an der Manson-Family, der hier einfach die Aufmerksamkeit verweigert wird.

Dafür betont Tarantino ein anderes Thema im Buch sehr stark: Der nostalgische Rückblick auf das Kino der 1950er und 1960er Jahre. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa/Sputnik)
Dafür betont Tarantino ein anderes Thema im Buch sehr stark: Der nostalgische Rückblick auf das Kino der 1950er und 1960er Jahre. picture alliance/dpa/Sputnik

Fans von Tarantino-typischer Coolness werden im Roman nicht auf ihre Kosten kommen

In seinen Filmen zitiert Tarantino immer wieder aus Musik, Popkultur und Filmgeschichte – für das Publikum ist das ein Angebot, das man wahrnehmen kann, aber nicht wahrnehmen muss. Es gibt ja auch sonst viel zu sehen: die Ausstattung, die Selbst-Ironie, die Dialoge darüber, wie man in Frankreich zum Bic Mac sagt. Und natürlich die sorgsam inszenierte Gewalt. Wegen dieser Sachen geht man in einen Tarantino-Film.

Im Buch wird zwar im Grunde eine ziemlich ähnliche Geschichte wie im Film erzählt. Aber, ohne Brad Pitt oder Leonardo di Caprio, ohne Licht, ohne Kleidung, ohne Schnitt – wirkt ein Tarantino-Dialog ziemlich öde.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa/MAXPPP)
Im Buch wird zwar im Grunde eine ziemlich ähnliche Geschichte wie im Film erzählt. Aber, ohne Brad Pitt oder Leonardo di Caprio, ohne Licht, ohne Kleidung, ohne Schnitt – wirkt ein Tarantino-Dialog ziemlich öde. picture alliance/dpa/MAXPPP

In seinem Roman geht es Tarantino um die Filmgeschichte, um die Zitate und Fußnoten. Die Action, die Gewalt und die Coolness sind eigentlich nur Beiwerk. Als Schriftsteller ist Tarantino ein Mann für Enzyklopädien, ein Privatgelehrter, ein Nerd. Wem das gefällt, dem sei dieses Buch empfohlen. Alle anderen sollten besser ins Kino gehen.

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