Gespräch

„Erzählende Affen“ – Samira El Ouassil über die Macht des Geschichtenerzählens

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Der Mensch - ein in Geschichten denkender „erzählender Affe“

Wir müssen uns von dem Gedanken befreien, dass wir rational handelnde Homo Sapiens sind, empfänglich für gute Argumente und Fakten; vielmehr seien wir Menschen ein in Geschichten denkender und mit Geschichten die Welt erklärender Homo Narrans, also im Grunde ein „erzählender Affe“, sagt die Autorin Samira El Ouassil. Zusammen mit Friedemann Karig hat sie das Buch „Erzählende Affen“ geschrieben.

Geschichten erzählen als Überlebenschance

Unser Gehirn habe sich evolutionsbiologisch auf das Geschichtenerzählen hin optimiert, weil oral vermittelte Geschichten früher die schnellste und einfachste Art gewesen seien, überlebensnotwendige Informationen zu verbreiten, erklärt Samira El Ouassil.

Die Kulturtechnik des Geschichtenerzählens habe sich deshalb mit dem Menschen weiterentwickelt, weil die menschlichen Stämme mit den besten Geschichten und Geschichtenerzählern einfach die besten Überlebenschancen hatten.

Das menschliche Gehirn sehnt sich nach narrativen Mustern

Heute seien die Gegenwartsprobleme des Menschen so komplex, groß und übermächtig, dass sie nicht mit einer simplen Geschichte zu fassen seien. Dennoch sehne sich unser Gehirn nach diesen narrativen Mustern: nach Gut und Böse, Protagonist und Antagonist, nach Anfang, Mitte und Ende. Klimakrise oder Corona-Pandemie seien auch deshalb eine so riesige Herausforderung, weil das menschliche Gehirn bei diesen Themen an die narrativen Grenzen des eigenen Wahrnehmens komme, meint Samira El Ouassil.

Wort der Woche Narrativ — erklärt von Bernhard Pörksen

Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, die die Wahrnehmung unserer Umwelt beeinflusst und dabei einem zeitlichen Wandel unterliegt. Das Narrativ ist per se ungemein bedeutsam, auffallend aber ist der Dauergebrauch des Begriffs in nahezu allen Bereichen, z.B.in der Politik und der Werbung. Das Wort hat eine ungeahnte akademische Karriere durchlaufen. Bernhard Pörksen erkennt dennoch eine große Lücke: wir bräuchten ein neues Narrativ, so Pörksen - packende Zukunftsbilder auf der Ebene des Europäischen, aber auch innerhalb der Parteien der Mitte.  mehr...

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