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Auffällig viel Jubel und Einigkeit herrschte, als im Sommer die diesjährige Büchner-Preisträgerin bekannt gegeben wurde: Am 31. Oktober wird der renommierte Preis nun an die 82jährige Poetin Elke Erb verliehen.

„Weltliteratur aus Prenzlauer Berg“ konnte man lesen über eine, die schon in der DDR eine bewunderte Größe war - und die einen enormen Einfluss gerade auf die junge deutschsprachige Lyrikszene hat.

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Die 1938 in der Eifel geborene Schriftstellerin Elke Erb wuchs in einem Elternhaus auf, das sich schon bald in Auflösung befand. Ihr Vater, der marxistische Literaturhistoriker Ewald Erb, galt eine Zeit lang als vermisst, als er seine Familie in die DDR nachkommen ließ.

Wendepunkte bestimmen das Leben der Autorin

Kaum in Halle angekommen, verbrachte Elke Erb zunächst zwei Jahre in einem Heim. Die Biografie der Autorin ist auch später von zahlreichen Brüchen und Wendepunkten geprägt.

Nach der Schulzeit arbeitete sie erst in einem landwirtschaftlichen Betrieb, um dann Russisch und Deutsch zu studieren.

Autorin Elke Erb (Foto: Pressestelle, © Renate von Mangoldt/Suhrkamp Verlag)
Pressestelle © Renate von Mangoldt/Suhrkamp Verlag

Als Regimekritikerin hatte Erb in der DDR keinen leichten Stand

Sie bekam einen Job als Lektorin in einem Parteiverlag, doch als sie immer wieder in einer Nervenklinik behandelt werden musste, zog sie schließlich als freie Schriftstellerin nach Ostberlin.

Schon bald wurde sie in der Lyrik-Szene im Prenzlauer Berg zu einer bekannten Stimme, auch wenn sie als Regimekritikerin nur wenige Möglichkeiten zur Veröffentlichung in der DDR hatte.

2020 erhält die Autorin mit dem Georg-Büchner-Preis den wichtigsten Literaturpreis des deutschsprachigen Raumes

In Westdeutschland hingegen wuchs ihr Renommee, vor allem innerhalb der Lyrik-Szene. So erhielt sie 1988 den mit damals 15.000 DM dotierten Peter-Huchel-Preis für ihren Gedichtband „Kastanienallee“.

Inzwischen ist sie längst kein Geheimtipp mehr: In diesem Jahr erhält Erb mit dem Georg-Büchner-Preis die wichtigste Literaturauszeichnung im deutschsprachigen Raum. Pünktlich zu dieser Ehrung erscheint im Suhrkamp Verlag auch ein Band mit Gedichten aus dem Gesamtwerk der Lyrikerin.

Widersetzung gegen die SED wurde in Form von Sprache geübt

In einem mittlerweile vielzitierten Gespräch mit der Schriftstellerin Christa Wolf hat Elke Erb einmal gesagt: „Ich bin außerhalb der Form. Und das ist eine Chance und ein Risiko. Die Menschheit geht mit mir ein Risiko ein, ich diene als Risiko.“

Auf den ersten Blick könnte man meinen, diese Formulierungen seien kokett, vielleicht sogar größenwahnsinnig. Dabei drücken die 1978 formulierten Sätze vor allem eine sprachliche Renitenz aus, nämlich gegenüber einer Gesellschaft, in der Literatur vor allem linientreu sein musste, die Herrschaft der SED niemals anzweifeln durfte.

Im Januar 1980 schrieb Elke Erb das Gedicht

„Sklavensprache“

Die Hände, die gestreichelt haben, kann man ruhig abhacken. Das
Ändert nichts, denn sie würden das Streicheln nicht lassen, und es
Führt zu nichts Gutem.
Man kann sie aber auch fesseln, und die Person, der sie gehören,
folgt ihnen nach bis in die finsterste Zelle.

Erbs Gedichte sind auch ohne den historischen Bezug noch immer gültig

„Ich habe den Verhältnissen gekündigt, / sie waren falsch“, heißt es an einer anderen Stelle. Deutlichkeit ist im Werk von Elke Erb die Voraussetzung für literarisches Schaffen, das immer auch das Risiko eingeht, im Abseits zu stehen.

So dürfen ihre Arbeiten, die in der DDR entstanden sind, durchaus als Protest gegen staatlich normiertes Schreiben gelesen werden, sind aber auch ohne den historischen Bezug noch immer gültig.

Weil es in ihren Arbeiten um grundsätzliche Fragen zur Ästhetik geht, wie etwa der Möglichkeit, den Prozesscharakter von Lyrik abzubilden. Natürlich stand und steht Erb nie ganz außerhalb der Form.

Die Suche nach Wahrheit in Welt und Ästhetik steht im Fokus

Der von Monika Rinck und Steffen Popp herausgegebene Band mit Gedichten aus fünf Jahrzehnten zeigt Erbs erstaunlichen Willen zur Formenvielfalt, der sich in einer skurrilen Szene genauso ausdrückt wie in einer naturlyrischen Beobachtung, mal im essayistischen Langgedicht, dann im autobiographischen Zweizeiler, in graphisch aufgelösten Poemen genauso wie in klassischer Lautpoesie, gefolgt von poetologischen Reflexionen und Erörterungen volkstümlicher Redewendungen.

Elke Erb dichtet und kommentiert ihre Lyrik gleichermaßen, sie untersucht und formt Worte und Bedeutungen, immer auf der Suche nach Wahrheiten in der Welt und in der Ästhetik – mögen die auch noch so übel sein.

„Kaum setze ich die Feder an, bohrt sie sich in den Grund.
Auch schon ohne Papier, schon im Kopf. – Oder so gesagt. Gehe ich
Dem Übel auf den Grund, kommt es über mich, Übel auf Übel!“

Erbs Auszeichnung in diesen Zeiten ist ein Politikum

Das Übel hält die Dichterin keineswegs von weiteren Tiefenbohrungen ab, denn für sie gilt die Maxime: „Lange und stumpf zu tun haben mit den Sachen bringt den Sachverstand – das gewußt wie bringt ihn nicht.“

Tatsächlich ist das „Besondere an den Gedichten und Texten Elke Erbs“, wie es im Nachwort heißt, „ihr beharrlicher, aufmerksamer und zugewandter Umgang mit ausnahmslos allem, was der Fall ist.“

Es geht um „Erkenntnis, Einsichten, Überblicke“, und nicht zuletzt deshalb ist der Georg-Büchner-Preis an Erb in Zeiten, in denen ständig über fake news und Meinungsmache gestritten wird, eine auch politische Entscheidung.

Erbs Stil ist wendig und selbstreflexiv

Der Lyrikerin eilt zuweilen der Ruf voraus, in ihren Sprachexperimenten unverständlich zu sein. Wer sich aber auf den wendigen und selbstreflexiven Stil einlässt, stellt eine bemerkenswerte Klarheit in der Beobachtung fest.

Elke Erb ist keine Dichterin, die nebulöse Zeilen raunt, die mit Pathos berühren möchte oder gefühligen Biedersinn anbietet. Bei ihr geht es, im wahrsten Sinne des Wortes, zur Sache – zu der eben auch die autobiographische Erkundung gehört.

Die meisten von Erbs Gedichtbänden wurden in Kleinverlagen aufgelegt

Mag das lyrische Ich von Kreuzweh geplagt sein, so wie in dem Stück mit dem schönen, weil skeptischen Titel „Gedichtverdacht“, Erb nutzt die Selbstreferenz in aller Regel als Chance, poetisches Material zu schöpfen. 

Wenn ich Gedichte schreibe – vielleicht auch bei anderem, bin ich die Quelle, nichts weiter – und wie ich das Quellwasser liebe jetzt, wo ich das schreibe, es zwischen Gestein hervorkommen sehe, um sie herum…!

aus: Das ist hier der Fall von Elke Erb

Elke Erb hat die meisten ihrer zwanzig Gedichtbände in Kleinverlagen veröffentlicht. Sie hat auch nach dem Fall der Mauer am Rande des literarischen Betriebs gearbeitet.

Die Lyrik Erbs ist stilprägend für die nachfolgende Generation

Luftiger und leichter wirken ihre Gedichte jüngeren Datums, obwohl es bzw. gerade weil es um die eigene Gebrechlichkeit geht. Elke Erb scheint sich in der Paradoxie besonders heimisch zu fühlen.

In letzter Zeit darf sich die Autorin wieder vermehrt über Preise und Stipendien freuen. Auch weil ihre Lyrik für die nachfolgende Generation stilprägend ist, vor allem was die poetische Selbstreflexion anbelangt.

Der Gedichtband liest sich wie ein Angriff auf die Gegenwartsliteratur

Der klug editierte Band im Suhrkamp Verlag würdigt nun dieses nachhaltige Lebenswerk einer Dichterin, die allerdings nie schulbildend sein wollte.

Ihre Literatur ist vielmehr als Aufforderung zur lyrischen Selbstermächtigung, als Absage an den kleinsten gemeinsamen Nenner zu verstehen und der Buchtitel „Das ist hier der Fall“ als bittere Pointe.

Elke Erbs Dichtkunst jedenfalls, mag sie nun auch zur Suhrkamp-Kultur gehören, liest sich wie ein Angriff auf fast alles, was literarisch derzeit der Fall ist.

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