Kommentar

Eine eigensinnige und freie Stimme - Emine Sevgi Özdamar erhält den Georg-Büchner-Preis

STAND
AUTOR/IN
Frank Hertweck

Das ist eine gute Wahl, eine sehr gute Wahl. Emine Sevgi Özdamar ist eine Preisträgerin, wie es sie noch nicht gab. Auf eine radikale Art ist sie in der Sprache zuhause, eben weil sie das Land ihrer Herkunft früh verlassen hat: die Türkei. Oder anders: Weil sich Leben und Worte trennen, lassen sie sich auch neu zusammenfügen. Und genau das führt zu diesem „hochpoetischen Sound“, den die Jury zurecht lobt.

Audio herunterladen (3 MB | MP3)

Özdamar ist 1946 geboren, schon in den 1960er Jahren verließ sie die Türkei für einige Zeit, dann endgültig Mitte der 1970er Jahre, weil das Leben für die Schauspielerin nach dem Militärputsch unerträglich geworden war. Sie ging nach Ost-Berlin, an die Volksbühne, lebte aber in einer WG in Westberlin, eine Grenzgängerin im Alltag.

Dann folgte sie dem Regisseur Benno Besson nach Paris und Avignon. Anschließend Bochum mit Claus Peymann, dann das Schauspiel Frankfurt, die Volksbühne Berlin, die Kammerspiele München, Spielfilme mit Hark Bohm oder Doris Dörrie.

Ihren literarischen Durchbruch hatte Emine Sevgi Özdamar 1991 beim Ingeborg Bachmann-Preis

Ihren literarischen Durchbruch erzielte sie 1991 beim Ingeborg Bachmann-Preis, und jeder, der den Siegertext damals gelesen hatte, wußte: Hier gibt es eine ganz besondere, eigenwillige Autorin. Das bestätigte ihr Romandebut „Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus.“ Die Geschichte ihrer Kindheit, die Geschichte einer Kindheit.

Es folgten weitere Erfolgsbücher wie „Die Brücke vom Goldenen Horn.“ Dann war es einige Zeit still um Emine Sevgi Özdamar. Aber im letzten Jahr kehrte sie mit einem fulminanten, von der Kritik gefeierten Roman zurück: „Ein von Schatten begrenzter Raum“. Wieder erzählt sie von Grenzüberschreitungen, von Exil, wieder ist ihr Schreiben an ihre Biographie angelehnt, aber im Erzählen von einem individuellen Schicksal spiegelt sich die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie ist der Schatten, der den Raum begrenzt.

In Özdamars Sprache herrscht die Mündlichkeit des Theaters

Emine Sevgi Özdamars Romane sind große Erinnerungsliteratur, die sich aus Kleinigkeiten speist. Sie ist eine genaue, aber keine nüchterne Beobachterin, jedes Detail kann als Sprungbrett für eine wilde Metapher dienen. Wiederholungen führen zu einer rhythmischen Intensität, ihre Prosa klingt, wirkt mündlich. Aber es ist keine des authentischen Erzählens.

Das größte Missverständnis wäre, ihre Sprache irgendwie orientalisch á la 1001 Nacht zu nennen. Nein, es ist die Mündlichkeit des Theaters. Es geht um Artistik. Wir bewegen uns in Özdamars Romanen auf einer Bühne. Einer sehr großen Bühne, ein Welttheater, das alles umfassen kann: Ereignisse, Träume, Gedanken, Gespräche, Theorien.

Am Anfang ihres letzten Buchs spricht die Ich-Erzählerin mit Krähen, die ihr eine düstere Zukunft in Deutschland prophezeien, die schlimmste Aussicht: dass sie als das „beste Beispiel der Integration“ dienen könne. Genau das ist sie nicht.

Der Georg-Büchner-Preis geht an eine eigensinnige und freie Stimme.

Literatur Eine eigensinnige und freie Stimme - Emine Sevgi Özdamar erhält den Georg-Büchner-Preis 2022

Emine Sevgi Özdamar erhält den Georg-Büchner-Preis 2022. Das gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt am 9. August bekannt. Der mit 50.000 Euro dotierte Preis wird im Rahmen der Herbsttagung der Akademie am 5. November 2022 verliehen.  mehr...

Literatur | Diskussion Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum

Insa Wilke stellt im "lesenswert" Quartett den neuen Roman der türkischen Schriftstellerin und Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar vor. Für Insa Wilke ist es ein wichtiges Buch in diesem Jahr. Es erzählt die Zeit einer türkischen Schauspielerin im Exil in Deutschland und trägt autobiografische Züge.  mehr...

SWR2 lesenswert Kritik Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum

Emine Sevgi Özdamar erhält den Georg-Büchner-Preis 2022. 2021 erhielt sie den "Bayerischen Buchpreis" für ihre poetische Biografie "Ein von Schatten begrenzter Raum".
1946 in der Türkei geboren, kam sie in den 1970er Jahren als Schauspielerin nach Deutschland. Sie arbeitete in Berlin, Paris und einige Jahre an Claus Peymanns Schauspielhaus in Bochum. In ihrer Autobiografie erzählt sie vom Theater, vom Schreiben und vom Reisen. Szenen eines übersprudelnden Lebens.

Suhrkamp Verlag, 762 Seiten, 28 Euro
ISBN 978-3-518-43008-8  mehr...

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

STAND
AUTOR/IN
Frank Hertweck