Buchkritik

Durs Grünbein - Äquidistanz

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AUTOR/IN
Ulrich Rüdenauer

Poetisch-historische Gedichte – so wurden Durs Grünbeins lyrische Texte einmal bezeichnet. Auch in seinem jüngsten, zwölften Gedichtband „Äquidistanz“ reist der Poeta doctus nicht nur durch die Welt, sondern vor allem in die Vergangenheit, um etwas über die Gegenwart zu erfahren.

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Der Vorwurf der Kritiker an Grünbein: Banalste Erkenntnisse werden mit einem Zuckerguss bildungsbürgerlicher Gelehrsamkeit dekoriert

Es gibt eine Facette in Durs Grünbeins Lyrik der letzten Jahre, die seine Kritiker zu fast schon polemischen Verrissen herausgefordert hat: Banalste Erkenntnisse, so der Vorwurf, würden mit einem Zuckerguss bildungsbürgerlicher Gelehrsamkeit dekoriert. Wenig lasse sich nur noch erkennen von den kraftvollen frühen Werken, in denen das Lebensgefühl der Umbruchjahre um 1990 einen suggestiven Ausdruck fand.

Dann kam der Büchner-Preis, den er mit 33 erhielt. Eine frühe Kanonisierung, die ihn nicht nur zum Klassiker machte, sondern immer stärker auch zu den Klassikern zog, hinein in die Antike, die Vergangenheit, in deren Spiegel sich das Jetzt zuweilen nur noch schal ausnahm.

Liest man nun in seinem neuen Gedichtband „Äquidistanz“, so scheint sein Schreiben von einer größeren Leichtigkeit bestimmt, etwas Skizzenhaftes zu haben, eine manchmal verzaubernde Beiläufigkeit. Es ist eine einfache, mitunter prosaische Sprache. Wenngleich die Themen durchaus ins Dunkel führen: Hinein ins „Mörderrevier“ der „wiederbereinigten“ Hauptstadt, ins Berlin mit seinen „Stummfilmmonstern“ und zu den „Hochständen“ der Vergangenheit, aus denen auf „menschliches Wild“ gelauert wurde.

Grünbein führt uns durch die „Zwielichtzonen“ Berlins, wo die Vergangenheit die Gegenwart fast absorbiert

In neun Abteilungen und annähernd 100 Gedichten führt uns Grünbein durch die „Zwielichtzonen“ der Metropole, wo wir Georg Heym, Siegfried Kracauer und Walter Benjamin begegnen und wo die Vergangenheit die Gegenwart fast absorbiert. Wir reisen nach Italien, in Grünbeins Wahlheimatstadt Rom, wo U-Bahnen durch antike Schlafzimmer, Tavernen und Thermen jagen. Gottfried Benn oder Paul Celan grüßen von weitem, fast dezent. Es geht auf Inseln und in die geheimnisvolle Unterwasserwelt, zu Laichkräutern, Plankton, Caulerpa und wogenden Posidonien.

Und all diese Bewegungen durch verschiedene Schichten, historische und geologische, durch Denk- und Möglichkeitsräume, münden ins Titelgedicht „Äquidistanz“:

… mehr bei den Dingen als bei den Worten
zu sein oder zwischen den Worten
und den Dingen, in einem Niemandsland
zwischen den allzeit vibrierenden Gehirnen.
Innen wie außen, gleich nah und fern,
zwischen den Polen, den Thesen, den Fronten
in mittlerem Abstand, anderswo, anderswo!
(Aus: Durs Grünbein: Äquidistanz)

Grünbein wahrt zu allen Phänomenen den gleichen Abstand. Parallelen ziehen, darum ist es ihm zu tun

Äquidistanz bezeichnet in der Mathematik Punkte oder Objekte, die den gleichen Abstand zueinander aufweisen. Aber was heißt das bezogen auf Grünbeins Gedichte? Der Titel führt (womöglich) ins Zentrum eines Werks, in dem das Ferne so nah ist wie das Nahe fern, die Vergangenheit so gegenwärtig scheint, wie die Gegenwart schon den Nimbus des Vergangenen trägt. „Du bist nicht ganz da“ – das wird dem lyrischen Er vorgeworfen. Nicht ganz da, das heißt: in Gedanken zu sein, – „zwischen den Worten und den Dingen“. Grünbein wahrt zu allen Phänomenen den gleichen Abstand. Parallelen ziehen, darum ist es ihm zu tun:

„(…) entsetzt nur von der Idee
daß sie einander im Unendlichen schneiden“

(Aus: Durs Grünbein: Äquidistanz)

In freien, wenngleich sehr rhythmischen Formen – die einzelnen Strophen gehorchen weniger einem metrischen Prinzip, erscheinen vielmehr wie Gedankeneinheiten – sucht Grünbein nach historischen Parallelen. Er zieht Linien, beschreibt Kurven und bleibt doch immer als Beobachter distanziert, zum 20. Jahrhundert wie zum Jetzt.

Historische Wasser, aus vielerlei Zeiten legiert,
mit Toten gefüttert, Revolutionen, von Industrie satt.
Gleichgültig fließen sie an Lagerhallen, Fabrikruinen,
neuen Reihenhäusern vorbei von Schloß zu Schloß.

Sie fließen im Kreis, wie durch alle Haushalte Strom
fließt und die Großstadt erhellt. Modernes recycling:
Als wäre das Unbewußte ein Urstromtal.
Wer bin ich an dieser Stelle der Chronik? Ich gehe,

sehe das Ganze und bin doch nicht mit im Bild.
Ein Schwanenpaar treibt in der Rinne, die Hälse
abgeschnitten im Spiegel der Dämmerung.
Neujahrsabend, Heimkehr. Das Jahr hat begonnen.

(Aus: Durs Grünbein: Äquidistanz)

Viele von Grünbeins neuen Texten lassen sich durchaus als Antwort lesen auf die Geschichtsvergessenheit neurechter Intellektueller

Viele von Grünbeins neuen Texten lassen sich durchaus als Antwort lesen auf die Geschichtsvergessenheit neurechter Intellektueller, die sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühlen oder sich in einen revisionistischen Furor reden können. Geschichte aber, darauf beharrt Grünbein, schreibt sich ein in die Poesie – wie und warum sie das tut, darüber hat Grünbein in seinen „Oxford Lectures“ „Jenseits der Literatur“ geredet. Seine „Oxford Lectures“ beginnen mit der Briefmarkensammlung des Kindes, darunter ein verbotener Schatz, Marken mit Hitlers Profil. Diese Episode findet sich jetzt verwandelt im Gedicht „Die Liebe im Dritten Reich“ wieder:

Die violette Briefmarke zeigt ihn
im Profil, den Führer der Deutschen.
Der Gedanke: Millionen Zungen
haben ihn damals abgeleckt,
natürlich von hinten nur, unbewußt.

(Aus: Durs Grünbein: Äquidistanz)

Aus dem erzählerischen und reflektierenden Duktus stechen immer wieder Bilder heraus, die sich einprägen

Grünbeins Gedichte haben etwas Zeitloses. Sie sind nicht avanciert oder avantgardistisch. Ihnen wurde eine gewisse Kühle attestiert. Und doch stechen aus dem erzählerischen und reflektierenden Duktus immer wieder Bilder heraus, die sich einprägen: Der Kanal, der sich durch die Nacht windet, wird zur „frischen Reptilienhaut“; der feuchte rosa Marmor in Parma glänzt wie „Gaumenfleisch“.

Mit dem Metaphorischen operiert Grünbein jedoch sparsam. Das nüchterne Protokoll dominiert. Umso schöner und reizvoller, wenn dann zuweilen ein staunender, fast ungläubiger Blick doch der wunderhaften Welt erliegt und das Gedicht etwas Schwebendes bekommt:

Alles ist Farbe hier, alles Licht.
Wie geblendet gehst du umher,
in dir ein Summen: Matisse, Matisse.
Ein Raum ist es – vom Horizont
bis in dein Buch mit Notizen,
auf einmal die ganze Palette,
chromatisch abgestuft. Bäume
steigen aus Meerestiefen, Algen
hängen vom Himmel herab.

(Aus: Durs Grünbein: Äquidistanz)

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