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Denis Scheck diskutiert mit Insa Wilke, Ijoma Mangold sowie als Gast der Schriftstellerin und Übersetzerin Antje Rávic Strubel über Bücher von Judith Hermann, Charlie Kaufman, Joshua Groß und Nastassja Martin.

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Über diese vier Bücher diskutiert das lesenswert Quartett:

Judith Hermann: Daheim, S. Fischer Verlag

Judith Hermann ist eine der berühmtesten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen, die ihr sechstes Buch vorgelegt hat. Nach ihrem Bestseller „Sommerhaus, später“ (1998) ist „Daheim“ nun ihr zweiter Roman. Und er ist bereits für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Das Buch wird einhellig sehr gut besprochen von den Teilnehmer*innen des Quartetts. Interessant dabei: Jede/r hat es anders gelesen.

Eine Frau lässt ihr früheres Leben hinter sich und zieht in ein Haus an der Küste. In Briefen an ihren Exmann erzählt sie, wie es ihr in ihrem neuen Leben ergeht. Vorsichtige Freundschaften entstehen und bald stellt sich die Frage, ob sie heimisch werden könnte oder weiterziehen soll. Judith Hermann schreibt über den Aufbruch in ein anderes Leben, über Erinnerungen, Entscheidungen und die kleinen, aber entscheidenden Prozesse der Verschiebung.

Charlie Kaufman: Ameisig, Hanser Verlag

Der oscarprämierte Drehbuchautor Charlie Kaufman – 1999 wurde er mit „Being John Malkovich“ berühmt – ist bekannt für verrückte Filme, in denen Identitäten durcheinander geraten, Erinnerungen verschwinden und Realität, Fantasie und Traum nicht zu unterscheiden sind. Jetzt hat er seinen ersten Roman geschrieben.

Der Filmkritiker B. Rosenberg, der weder Geschlecht noch Vorname haben will und sich vehement gegen die Unterstellung, er sei Jude, wehrt, stößt auf den längsten jemals gedrehten Film. Dieses ungesehene Meisterwerk eines schwarzen Regisseurs will er der Welt zeigen, doch es geht in Flammen auf und B. kann den Film nur noch nachträumen.

Der erste Roman des Oscar-Preisträgers Charlie Kaufman sprengt jegliche Erzählkonventionen – ein unendlicher Spaß.

Joshua Groß: Entkommen, Matthes & Seitz Berlin Verlag

Joshua Groß fand vor drei Jahren erstmals Beachtung als Vertreter einer jungen Gegenwartsliteratur, die sich um eine Erneuerung der Popliteratur im digitalen Zeitalter bemühen.

Der Autor bekam dann für seinen Roman „Flexen in Miami“ im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit – was sicher auch daran lag, dass er einen Ausschnitt daraus 2018 auf Einladung von Insa Wilke beim Bachmann-Wettbewerb vorgetragen hatte.

Jetzt ist sein neues Buch „Entkommen“ erschienen, das Texte enthält, die Joshua Groß zwischen 2016 und 2020 bereits in diversen Literaturzeitschriften publiziert hat.

Joshua Groß, der Autor, Erzähler und Figur zugleich ist, notiert und erfindet Geschichten, die immer wieder verblüffende Wendungen nehmen: Ein Wrestler verschwindet, verschickt aber weiterhin bedeutsame Nachrichten und eine rätselhafte Professorin entdeckt ihre Faszination für einen uralten Baum. Und auch Lil Wayne, Werner Herzog und Marcus Steinweg treten in den Erzählungen auf, die einen ganz eigenen Sinn für Realität hervorbringen und von Humor und Tiefgang bis zur Entgrenzung vorangetrieben werden.

Nastassja Martin: An das Wilde glauben, Matthes & Seitz Berlin Verlag

Auf einer Forschungsreise auf der russischen Halbinsel Kamtschatka wird die Anthropologin Nastassja Martin von einem Bären angegriffen und ins Gesicht gebissen. Sie gerät in einen Zustand versehrter Identität und erfährt am eigenen Leib, was sie zuvor als Wissenschaftlerin in den Bräuchen und Kosmologien der Ewenen studierte: Die animistische Durchmischung von allem. Nach einer qualvollen Genesungsgeschichte in verschiedenen Krankenhäusern findet Nastassja Martin schließlich durch Träume und Erinnerungen Heilung in sich selbst und der Wildnis.

Nastassja Martin hat erfolgreich autofiktionale Literatur und wissenschaftlichen Forschungsbericht verwoben. „Der Versuch, gegen einheitliche Identitäten anzudenken, die wir uns immer vorstellen - also auch gegen jede Art von Grenzziehung, von Kategorisierung - und darüber hinauszugehen,“ so Antje Rávic Strubel, „...fand ich sehr beeindruckend.“

Programmhinweis: Lesung von "An das Wilde glauben"
In der SWR2 Hörfunksendung SWR2 Fortsetzung folgt liest Bettina Hoppe den Roman von Nastassja Martin in zehn Folgen werktäglich vom 14. bis 25. Juni um 15.30 Uhr.
Alle Folgen zum Download und zum Nachhören dann auf SWR2.de und in der ARD Audiothek.

Buchkritik Judith Hermann - Daheim

Mit „Daheim“ hat Judith Hermann einen im literarischen Sinne des Wortes zauberhaften Roman über einen Neuanfang in der ländlichen Provinz vorgelegt.
Rezension von Carsten Otte.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2021, 190 Seiten, 21 Euro  mehr...

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Buchkritik Charlie Kaufman - Ameisig

Was macht ein gescheiterter Filmkritiker, wenn er auf einmal einen Film entdeckt, den die Welt noch nicht gesehen hat und den er für ein Meisterwerk hält? Und der dann auch noch vor seinen eigenen Augen in Flammen aufgeht? Davon erzählt Charlie Kaufman in seinem Roman „Ameisig“ auf die ihm eigene, verschachtelt-verdrehte Art.
Rezension von Gerrit Bartels.
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Hanser Verlag, 864 Seiten, 34 Euro
ISBN 978-3-446-26833-3  mehr...

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