Russlands Krieg in der Ukraine

Die Reden von Wolodymyr Selenskyj als Buch: „Vergessen Sie die Ukraine nicht“

STAND
AUTOR/IN
Christine Hamel

Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj hat 16 seiner Reden für ein Buch ausgesucht. „Botschaft aus der Ukraine“ ist ein Dokument des Widerstands und der Beharrlichkeit: selbstbewusst und siegessicher. Die Ukrainer folgen ihm: Je monströser die russischen Kriegsverbrechen, desto entschlossener die ukrainische Selbstbestimmung und Verteidigung.

Audio herunterladen (3,4 MB | MP3)

Ein Buch gegen das Vergessen in Kriegszeiten

Eigentlich, so formulieren es viele ukrainische Schriftsteller, fehlen für den Krieg die Worte. Wie soll man sie beschreiben, diese existenzielle Ausgesetztheit? Wie dieses monströse Verbrechen in Worte fassen?

Unterdessen schreiben jedoch alle: Posts auf Facebook, Berichte von der Front, Gedichte und Tagebücher. Es gilt schließlich, Zeugnis abzulegen über das, was in der Ukraine passiert. Und es gilt, Aufmerksamkeit zu generieren.

„Vergessen Sie die Ukraine nicht. Werden Sie der Ukraine nicht überdrüssig. Lassen sie nicht zu, dass unser ‚Mut‘ aus der Mode kommt.“

Wolodymir Selenskyi verhängt Kriegsrecht (Foto: IMAGO, ZUMA Wire)
24. Februar 2022: Ukraines Präsident Selenskyi verhängt Kriegsrecht nach den ersten russischen Angriffen und bittet die Bevölkerung um Ruhe. ZUMA Wire

16 Reden hat der ukrainische Präsident zu einem Buch zusammengestellt

Ein beeindruckendes Zeugnis des Glaubens an sich selbst. Viele Reden sind daher leidenschaftliche und aufgeregte Appelle an die Welt, die Ukraine mit Waffen und Luftabwehrsystemen zu unterstützen. Zu Recht, sagt die Kiewer Schriftstellerin und Fotografin Yevgenia Belorusets. Gerade Deutschland habe sich viel zu lange bitten lassen angesichts des fast täglichen Bombenterrors. 

Deutschland schicke heute Luftabwehrsysteme in die Ukraine, obwohl am Anfang des russischen Angriffesnoch hieße, dass das unmöglich sei, so Belorusets. „Es gab tausende Gründe, warum das nicht passieren sollte und jetzt sehen wir, dass das doch passieren kann. Und das sind sehr, sehr viele Leben von Zivilisten, die durch diese Verspätungen verloren gehen.“ Je länger man warte und zögere, desto mehr unterstütze man das autoritäre Regime Russlands, das eigene demokratische Kräfte ausschalte. „Ich bin immer noch empört“, gesteht die ukrainische Schriftstellerin.  

Die Wucht von Selenskyjs Reden entfaltet sich in seinem Realismus

Der ukrainische Präsident neigt nicht zu wohlfeilem Katastrophismus oder Negativismus, er bedient vielmehr das Register eiserner Kausalität. Gerade deshalb kann er die Erschütterungen, die von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine ausgehen, so eindringlich beschreiben. Häufig stellt er dabei emotionale Fragen. 

„Was hat Butscha Russland getan? Wie konnte es so weit kommen? Russische Mütter, selbst wenn Sie Plünderer großgezogen haben, wie aber sind sie dann auch zu Schlächtern geworden?“

Wolodymyr Selenskyj  (Foto: IMAGO, IMAGO / ZUMA Wire / Ukraine Presidency / Ukrainian Pre)
Seit dem Beginn der Angriffe Russlands auf die Ukraine ist Wolodymyr Selenskyj dauerhaft im Einsatz, um den Ukrainer*innen Mut zuzusprechen und das Trauma seines Landes in der Weltöffentlichkeit präsent zu halten. IMAGO / ZUMA Wire / Ukraine Presidency / Ukrainian Pre

Russische Desinformation zerstört zwischenmenschliche Beziehungen

Selenskyjs Pathos holt die Ukrainer durchaus ab, denn es herrscht große Ratlosigkeit über die Brutalität dieses Krieges. Sie äußert sich nicht zuletzt in der Gleichgültigkeit der russischen Gesellschaft, die sich wegduckt und hinter Propaganda verschanzt. Dabei sind Ukrainer und Russen immerhin oft verwandtschaftlich verbandelt und freundschaftlich verbunden gewesen.

Sie habe eine Freundin in Belgorod, erzählt die Tanja, eine Bibliotheksmitarbeiterin aus Charkiw. Als der Krieg angefangen habe, rief sie an und sagte, Tanja solle doch besser zu ihr kommen, was diese ablehnte. „Wir telefonierten dann noch einmal, nachdem die Kriegsverbrechen in Butscha an die Öffentlichkeit gekommen waren. Sie sagte: ‚Tanja Du bist nicht richtig informiert`. Und dann erklärte sie mir doch prompt, dass sich die Ukrainer in Butscha gegenseitig beschossen haben.“

Es sei ein Irrsinn, der wie ein zweites Trauma wirke, sagt Tanja. Viele Ukrainer verehren Selenskyj, weil er ihnen aus dem Herzen spricht und weil er ihnen Mut macht. Weil er der Ukraine in dieser Bedrohungslage so klare Konturen und Selbstvertrauen gibt. Dass die Ukraine indes ein vielstimmiges, mehrsprachiges, widersprüchliches Land ist, kein einheitlicher Block – das gerät mitunter aus dem Blick.

Gespräch Ukraine-Krieg produziert neue Heldenbilder – Selenskyj als David und Putin als Goliath

Der Ukraine-Krieg stellt infrage, ob wir wirklich in einem „postheroischen Zeitalter“ leben. Der Freiburger Soziologe Professor Ulrich Bröckling stellt im Gespräch mit SWR2 dar, dass die Produktion von Helden „ganz entscheidend“ für den Widerstand der Ukraine sei. Man dürfe aber nicht vergessen, dass Heldentum mit Tod und Sterben verbunden ist.

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Sergii Rudenko – Selenskyj. Eine politische Biografie

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskji ist seit dem Überfall Putins ein Weltstar. Dabei war er im letzten Winter ziemlich angezählt. Seine Partei „Die Diener des Volkes“ war hervorgegangen aus einer Fernsehproduktionsfirma, deren Mitarbeiter auf einmal die Armee, den Geheimdienst und das Außenministerium leiteten. Erst der Überfall Putins machte aus Selenskji den Präsidenten, der Putin herausfordern konnte. Jetzt ist ein Buch auf Deutsch erschienen, das erzählt die ganze verworrene Geschichte des Machtwechsels in der Ukraine: Selenskji – eine politische Biographie. Wir sprechen mit dem Autor Sergii Rudenko.
Übersetzt von Beatrix Kersten, Jutta Lindekugel
Hanser Verlag, 224 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-446-27576-8

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

Linguistik So beeinflussen Krisen und Kriege unsere Sprache

Mit dem Krieg in der Ukraine fließen vermehrt englische Begriffe in die deutsche Sprache ein, wie etwa „Doomscrolling“, „Air Policing“ oder „Battlegroups“. Und das nicht nur in Deutschland. Aber auch die Corona-Pandemie hat neue Fachbegriffe mit sich gebracht.
Christine Langer im Gespräch mit dem Journalisten Peter Littger

SWR2 Impuls SWR2

Leben Frieden schaffen, doch mit Waffen? Eine persönliche Reflexion

Nach dem Einmarsch der russischen Truppen in der Ukraine befürworteten selbst Wortführer der Friedensbewegung die Lieferung schwerer Waffen. Ein Paradigmenwechsel der viele verunsichert.

SWR2 Leben SWR2

STAND
AUTOR/IN
Christine Hamel