Literatur

Olga Tokarczuk: Warum die polnische Literaturnobelpreisträgerin zerschnittene Bücher versteigert

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Weil man sie als „Vaterlandsverräterin“ verdächtigte, riefen rechtsnationale Pol*innen dazu auf, Bücher der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk zu verunstalten und ihr zurückzuschicken. Tokarczuk und ihre Stiftung wollen aus der Hass-Aktion nun etwas Positives machen und versteigern die zurückgeschickten Bücher nun zugunsten von Organisationen, die sich für Polens LGBT+ Community einsetzen.

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Die Aktion #SchickOlgaIhreBücherZurück

„Polen wie Belarus“ — diese verkürzte Zwischenzeile aus einem Interview mit der Schriftstellerin Olga Tokarczuk im italienischen Corriere della Sera, sorgte für Aufruhr in ihrer Heimat Polen und in der polnisch-sprachigen Community im Netz. Dabei hatte Tokarczuk lediglich gewisse Parallelen gezogen und vermutet, dass die Corona-Pandemie in beiden Ländern zum Anlass genommen wurde, um unliebsame Proteste zu unterdrücken.

Doch das hielt die rechts-national orientierten polnisch-sprachigen Nutzer*innen auf den Sozialen Medien nicht auf, unter dem Hashtag #SchickOlgaIhreBücherZurück dazu aufzurufen, die Bücher der in Polen durchaus beliebten Schriftstellerin zu verunstalten, zu zerstören und ihr zu schicken. Insgesamt 30 derart traktierte Bücher seien eingegangen, vermeldet die Olga Tokarczuk-Stiftung in Breslau.

Purer Hass gegenüber Büchern

„Mein Herz bricht, wenn ich diese Bücher sehe — ein derart mit der Schere zerschnittenes Kinderbuch etwa“, erklärt die Autorin. „Wenn man Bücher vernichtet, beginnt man das freie Wort zu vernichten“, ergänzt sie. Diese Assoziation würden wahrscheinlich die meisten Menschen machen — egal ob es sich um ein Kinderbuch oder etwas Politisches handele. Einige der Bücher sind mit Verwünschungen versehen, andere bezeichnen Tokarczuk als Verräterin oder fordern, sie solle das Land verlassen.

Jedoch — so vermutet die Stiftung auch — sind einige auch von denselben Absendern, die sich gleich mehrere Bücher vorgenommen haben. Was unter anderem daran liegen könnte, das die Leser*innen von Olga Tokarczuk sich weniger im rechts-nationalen Spektrum bewegen. Die Personen, die bei der Aktion mitgemacht haben wiederum, scheinen sich teilweise gezielt Bücher besorgt zu haben oder haben zwar im Internet empört kommentiert, aber dann zuhause kein Buch der Autorin zur Hand gehabt.

Versteigerung soll LGBT+ Organisationen zugute kommen

Auf diese zerstörerische Aktion will die Stiftung der Autorin nun positiv antworten: In einer online übertragenen Versteigerung im Rahmen des Breslauer Bruno Schulz-Literaturfestivals sollen die „Werke“ präsentiert werden und anschließend unter den Hammer kommen. Mit dem Erlös der Aktion will die Olga Tokarczuk-Stiftung Organisationen unterstützen, die sich für die Rechte der LGBT+ Community in Polen einsetzen. Die unbeschädigt eingesandten Bücher werden einer Bibliothek gestiftet und als besonderes Extra bekommen die Meistbietenden bei der Versteigerung zusätzlich noch ein handsigniertes Buch mit Widmung von Olga Tokarczuk, das sie sich selber aussuchen dürfen.

Punktualnie o 18.00 rozpoczniemy wydarzenie: Aukcja okaleczonych książek Olgi Tokarczuk, które zainauguruje tegoroczną...Posted by Fundacja Olgi Tokarczuk on Tuesday, October 12, 2021

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