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Die Nominierten der Shortlist zum Deutschen Buchpreis Schaulaufen in Frankfurt

Von Leonie Berger

Am 8. Oktober wird der Gewinner oder die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises verkündet. Vier der sechs nominierten Autorinnen und Autoren – Maxim Biller und Nino Haratischwili waren leider verhindert – präsentierten sich am 23. September im Frankfurter Schauspiel.

Wie das Publikum wohl nach so einem Abend entscheiden würde?

Viele literaturinteressierte Zuhörer im Frankfurter Schauspiel

Ja, der Buchhandel hat zwar zu kämpfen, aber hier ist es, das literaturinteressierte Publikum, und zwar in einer solchen Zahl, dass das Frankfurter Schauspiel innerhalb von einer Woche ausverkauft war. Es ist ein Publikum, das neugierig ist, geduldig und ausdauernd.

Drei Autorinnen, ein Autor, jeweils eine halbe Stunde. Das ist viel, das muss aber auch sein, wenn man den einzelnen Werken einigermaßen gerecht werden will.

Auffällig ist: Deutschland selbst spielt in diesen besten deutschsprachigen Romanen des Jahres wenn überhaupt nur indirekt eine Rolle: Die Geschichten führen nach Argentinien, China, Teneriffa und an einen nicht weiter definierten Ort einer Dystopie.

"Der Vogelgott" erzählt vom Bösen, das in uns allen steckt

"Es ist eine depressive Fantasie und da gibt’s keinen Ausweg. Oder der Ausweg ist natürlich wie bei solchen Geschichten immer, dass man es liest und sagt, wir brauchen einen Ausweg", sagt die Autorin.

Autorin Susanne Röckel

Autorin Susanne Röckel

Literatur ist ja bekanntlich dazu da, Fragen zu stellen und keine Antworten zu liefern.

Autorin Susanne Röckel hat einen surrealen Horrorroman über ein mythisches Vogelwesen vorgelegt, der eine faszinierende Wirkung entfalten muss.

Sonst hätte es dieses Buch nicht so weit gebracht.


Reales Grauen, aber heute aus sicherer historischer Distanz betrachtet

Autor Stephan Thome

Autor Stephan Thome

Stephan Thomes Roman "Der Gott der Barbaren" handelt vom Aufstand christlicher Fanatiker in China in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Millionen Todesopfer forderte dieser Aufstand, ein epischer Stoff, den der Sinologe Stefan Thome nur über seine Figuren in den Griff bekam:

"Ich hatte so das Gefühl: Dieses Buch muss ich schreiben. Das ist ein Stoff, der mir die Möglichkeit gibt, viele Dinge, die ich in meiner akademischen Arbeit, bevor ich überhaupt Schriftsteller war, die mich interessiert haben und beschäftigt haben, die mich auch immer noch interessieren, aber die ich in früheren Romanen vielleicht so nicht anbringen konnte, eben in erzählerischer Form einzuflechten.
[Handwerklich geht das nur so, dass ich versuche, diesen gewaltigen Stoff auf eine menschliche Perspektive runterzufahren und mich zu fragen, in was für einer Situation waren die und dann habe ich einen Ansatzpunkt, um damit zu arbeiten.]"

Ein ganzes Personalpanorama bietet der Roman "Archipel"

Autorin Inger-Maria Mahlke

Autorin Inger-Maria Mahlke

Die Figuren bleiben das Wichtigste in einem Roman, sie müssen uns interessieren, mit ihnen erleben wir Geschichten.

Der ungewöhnliche Ansatzpunkt von Autorin Inger-Maria Mahlke:

Sie beginnt in der Gegenwart und erzählt sich rückwärts in die Vergangenheit.

Dabei deckt sie auf:

"Wir erkennen uns selber nicht mehr nach einer bestimmten Zeit. Und das, was wir als stringentes Ich empfinden, mit dem wir durchs Leben gehen, sozusagen, ist nichts weiter als eine Konstruktion. Es folgt nicht eine Sache automatisch auf die andere."

Eine Autorin folgt auf die nächste

Autorin Maria Cecilia Barbetta

Autorin Maria Cecilia Barbetta

Maria Cecilia Barbetta schaffte es, Ermüdungserscheinungen des Publikums wegzuwischen. Ihr Roman "Nachtleuchten" spielt zwar in Buenos Aires, Figuren und Orte sind aber ebenso von ihrer jetzigen Heimatstadt Berlin inspiriert.

Dabei war ihre erste Begegnung mit der deutschen Sprache im Kindergarten in Buenos Aires gar nicht so vielversprechend:

"Ich stand mit meiner Mutter vor dem Tor des Kindergartens, das war der erste Tag, und ich war ziemlich erschrocken und sagte zu meiner Mutter: Mami, die beiden Frauen vor dem Tor des Kindergartens, also dort, wo ich reingehen soll, die streiten sich. Und meine Mutter meinte nein, Liebes, sie streiten sich nicht, sie sprechen Deutsch."

Inzwischen ist die deutsche Sprache für Maria Cecilia Barbetta eine Geliebte geworden, die sie immer wieder erobern muss, erzählt sie weiter.

Ihre überbordende Lust an dieser Eroberung ist einfach ansteckend – ein Publikumspreis wäre ihr wohl sicher gewesen. Aber den gibt es nur später, indirekt, über die verkauften Bücher.

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