STAND
INTERVIEW

Mai Thi Nguyen-Kim bezeichnet sich selbst als „Wissenschaftsjournalistin der neuen Medien“. Sie ist vor allem durch ihren Youtube-Kanal "Mailab" bekannt geworden. Im Gespräch mit SWR2 erläutert sie den Unterschied zwischen Debatten in der Wissenschaft und dem Streit unterschiedlicher Meinungen beispielsweise in den sozialen Medien.

Audio herunterladen (8,9 MB | MP3)

Für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert und auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste

Mit ihrem Buch „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ ist Mai Thi Nguyen-Kim für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert. Es steht aktuell auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

Mai Thi Nguyen-Kim sagt, sie habe beim Schreiben des Buches sehr viel über einen Satz von Greta Thunberg nachgedacht: „Unite behind the science“. Der Titel ihres Buches habe schon vor der Pandemie festgestanden und da habe sie ganz naiv gedacht: „Naja, die kleinste gemeinsame Wirklichkeit ist halt Wissenschaft.“ Nun stelle sich, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Corona-Pandemie, die Frage: Hinter welcher Wissenschaft sollen wir uns versammeln?

Sie beschäftige sich in ihrem Buch viel mit wissenschaftlichen Methoden, um zu erklären, wie Wissenschaft arbeite. Laien müssten Zugänge zu den Experten-Welten eröffnet werden. Dann könnten Laien auch verstehen, was Konsens in der Wissenschaft ist. Das sei „nämlich nicht einfach eine Abstimmung und die Mehrheit zählt, sondern die stärkste Evidenz zählt“.

Abweichende Standpunkte erhalten besonders viel Aufmerksamkeit

Natürlich würden auch immer wieder abweichende Standpunkte vertreten, auch von Wissenschaftler*innen. Wenn diese Standpunkte besonders spektakülär seien, bekämen sie in der Öffentlichkeit auch besondere Aufmerksamkeit.

Das erzeuge bei Laien dann den Eindruck: Die Wissenschaft ist ja auch total zerstritten. Dieser Eindruck sei nicht nur falsch, sondern auch schädlich. „Das, was bei der breiten Bevölkerung ankommt, ist ja total wesentlich. Denn das hat wiederum ganz viel Einfluss auf die Politiker und Politikerinnen, die sich natürlich nach der Stimmung in der Bevölkerung richten“, sagt Mai Thi Nguyen-Kim.

Welche Gespräche können konstruktiv sein?

Sie sei ja sehr viel auch auf YouTube unterwegs. Sie habe aufgehört, in Kommentarspalten oder bei Twitter zu diskutieren, weil dort nicht der Ort für komplexe, differenzierte Gespräche sei.

„Also ich denke, man kann grundsätzlich schon mit jedem sprechen. Die Frage ist nur, ob man dafür die Energie hat oder es sich lohnt. Kommt dabei etwas raus? Kann das konstruktiv sein? Oder hat das wenig Sinn?“

Meinungen sind etwas anderes als Wissenschaft

Man käme doch schnell an die Grenzen der Wissenschaft: „Ich würde mir einfach wünschen, wenn wir Meinungen austauschen, das wir uns auch dessen bewusst sind. Wir tauschen ganz oft Meinungen aus, als seien sie Naturgesetze“, so Nguyen-Kim.

Es gäbe beim Thema Corona schon einen soliden wissenschaftlichen Konsens über die Kernaspekte, aber in der Medienlandschaft käme dieser Konsens nicht so rüber.

Und da wäre auch die Gesetzmäßigkeit eine andere: In den Medien bekäme jemand, der eine Außenmeinung äußere, mehr Gehör. „Und für Laien ist es oft schwer bis unmöglich einzuordnen, wer jetzt eine Einzelmeinung vertritt und wer für die Wissenschaft spricht“, meint Mai Thi Nguyen-Kim.

Gesellschaft Verschwörungsmythen – Was tun, wenn Familie und Freunde abdriften?

Great Reset, QAnon, Pizzagate, der Deep State oder Fernsteuerung mittels Impfung durch Bill Clinton: In der Corona-Pandemie glauben mehr Menschen an Verschwörungsmythen. Wieso sind die gerade in Krisenzeiten so attraktiv? Und was hilft, um Betroffene beim Ausstieg zu unterstützen?  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Gesellschaft Impfen, Fake News, Aufklärung und Recherche: Der ARD-faktenfinder-Podcast startet

Über kaum ein anderes Thema kursieren aktuell so viele Falschmeldungen und Verschwörungslegenden wie über das Impfen. Deshalb widmet sich die erste Folge des neuen ARD faktenfinder-Podcasts, die am 1. April 2021 erscheint diesem Thema.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Gespräch Wenn Freunde wichtiger sind als Wahrheit: Demokratieforum Hambacher Schloss diskutiert Demokratie im digitalen Zeitalter

Fake News verbreiten sich auch deshalb leicht, weil sich Menschen in ihrem Informationsverhalten immer auch an anderen orientieren, so die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann in SWR2. Es gebe in dieser Hinsicht einen „Tribalismus“, so Hofmann, „dass Gruppenzugehörigkeit wichtiger sind als der Wahrheitsgehalt von Informationen“.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Coronavirus: Aktuelle Beiträge

Pandemie Corona-Inzidenz: Wissenschaft schlägt andere Richtwerte vor

Die Zahl der gemeldeten Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Menschen ist derzeit die Grundlage für Corona-Regeln. Aus Sicht der Wissenschaft ist diese Zahl allein nicht aussagekräftig. Ein Vorschlag: Die Zahl der Neueinlieferungen auf Intensivstationen als Richtwert nehmen. Jochen Steiner im Gespräch mit David Beck, SWR-Wissenschaftsredaktion  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Lernen Corona: Schülervertretung will Sommerschule und Geld für Nachhilfe

Unterricht im Freien, Lernen in den Ferien und ein Nachhilfeprogramm des Bundes. Es gibt einige Ideen, wie man Schülerinnen und Schülern helfen kann, in der Corona-Pandemie Wissen aufzuholen. Aber wie realistisch sind die Vorschläge? Jochen Steiner im Gespräch mit Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Gesundheit Greta Thunberg spendet für Impf-Initiative Covax

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg war Gast auf einer Pressekonferenz der WHO. Sie kündigte an, aus ihrer Stiftung 100.000 Euro an die Initiative Covax zur spenden. Covax will Menschen in ärmeren Ländern mit Impfstoff gegen das Coronavirus versorgen.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

STAND
INTERVIEW