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Kinderbuch Eric Carle – der Vater der Raupe Nimmersatt wird 90

Von Tobias Ignée

„Aber satt ist sie immer noch nicht“: Die Raupe Nimmersatt frisst sich durch Obst, Kuchen und Käse, bis sie Bauchschmerzen hat. Sein Schöpfer, der US-amerikanische Kinderbuchautor Eric Carle, hat seine Kindheit in Stuttgart-Feuerbach verbracht. Nun wird er 90 Jahre alt. Was ist das Erfolgsrezept seiner gefräßigen Raupe?

Die kleinen grüne Raupe mit dem roten Kopf frisst und frisst und wird einfach nicht satt: „Am Sonnabend fraß sie sich durch ein Stück Schokoladenkuchen, eine Eiswaffel, eine saure Gurke und eine Stück Melone. An diesem Abend hatte sie Bauchschmerzen.“

50 Jahre Fressorgie

Die Fressorgie findet ein gutes Ende. Die Raupe Nimmersatt baut einen Kokon, verpuppt sich und verwandelt sich zwei Wochen später in einen wunderschönen Schmetterling.

Als die Bildergeschichte von Eric Carle vor 50 Jahren auf den Markt kam, war sie der Gegenentwurf zu den klassischen Kinderbüchern. In den dicken Pappkartonseiten waren Löcher eingestanzt, um haptisch nachvollziehbar zu machen, wie sich die Raupe durch die Leckereien frisst.

Eric Carle, der Schöpfer der Raupe Nimmersatt, feiert 2019 seinen 90. Geburtstag.

Eric Carle, der Schöpfer der Raupe Nimmersatt, feiert 2019 seinen 90. Geburtstag (Foto: 1989)

Das Buch als Spielzeug

Das Buch war kein moralisch-pädagogischer Fingerzeig, wie etwa die Märchen der Gebrüder Grimm. „Der erste Gang zur Schule ist eine traumatische Sache“, sagte Eric Carle einmal in einem Interview. „Um den Schulgang leichter zu machen, mache ich Bücher, wo das Buch halb Spielzeug ist zum Anfassen und halb Buch zum Lernen.“

Carle hasste die Schule

Eric Carle hat sich dabei an seine eigene Schulzeit erinnert. Als seine 1929 in die USA ausgewanderte Familie sechs Jahre später nach Stuttgart zurückkehrt, wird der „Ami“, wie ihn seine Spielkameraden nennen, eingeschult und leidet unter der körperlichen Züchtigung der Lehrer - Eric hasst die Schule.

Im Alter von 17 Jahren nimmt er ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste auf und arbeitet später als Grafiker. Anfang der 50er kehrt er zurück in die USA und illustriert unter anderem für die New York Times.

„The very hungry Caterpillar“

Carle entwickelt sein Markenzeichen: collagiertes dünnes Seidenpapier, bemalt mit bunten Acrylfarben, auf das Wesentliche reduziert.

Als Kinderbuchautor gelingt ihm der Durchbruch mit der Raupe Nimmersatt, die in den USA unter dem Titel „The very hungry Caterpillar“ erscheint. Für den deutschen Markt wird Carle vom späteren Leiter des Hildesheimer Gerstenberg-Verlages, Viktor Christen, entdeckt.

Bestseller im Buchhandel

„Als die Raupe publiziert wurde, nahm der Buchhandel sie auf wie jedes andere Buch“, erinnert sich Christen. „Sie haben nicht mehr bestellt, nur weil da etwa Löcher drin gewesen sind.“

Die Kinder jedoch griffen in den Buchhandlungen nach der Bildergeschichte und belehrten den Handel eines Besseren. Rund 50 Millionen Exemplare sind bis heute über den Ladentisch gegangen.

Was Kinder wollen

Beatrix Sureanu vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels glaubt, dass der anarchische Grundgedanke der Fressgeschichte bei Kindern besonders gut ankommt: „Die Raupe frisst jeden Tag ein Stück Obst mehr, was Kinder natürlich auch großartig finden: Einfach alles Mögliche durcheinander zu essen, bis man Bauchschmerzen hat. Auch die zeitlosen Illustrationen sprächen Kinder an: „Knallige Farben, einfache Struktur, sowohl in der Bildsprache als auch textlich.“

Idyllische Kindheit in Stuttgart-Feuerbach

Insekten und Spinnen sind die Stars in vielen Bildergeschichten Eric Carles. Die Kindheit in Stuttgart hat ihn geprägt. „Mein Vater und ich gingen jedes Wochenende spazieren“, erinnert sich der Schriftsteller.

„Meistens gingen wir in Feuerbach den Bach entlang, durch den Wald zum Muckenstüble und dann zur Solitude. Unterwegs fanden wir Eidechsen, Käfer, Ameisen, Bienen. Hätten wir in Afrika gelebt, dann wären wahrscheinlich Giraffen und Elefanten in meinen Geschichten, aber so sind es kleine Tiere geworden.“

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