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Am ersten Bachmann-Tag blieben einige Beiträge etwas unterkomplex, sprachlich wie inhaltlich. Am zweiten Tag des Wettbewerbs dagegen ging es mit großer Ambition zur Sache. Entsprechend uneins zeigte sich die Jury, die sich immer wieder in Grundsatzdiskussionen verhedderte. Für Aufsehen sorgte Egon Christian Leitner, dessen beachtliches, aber vollkommen unbekanntes Werk irgendwo zwischen Meister Eckhart und Thomas Bernhard angesiedelt werden muss. Mit Szenen aus der traurigen Sozialstaatsrealität erinnerte er daran, dass Literatur Menschen und ihre Geschichten im Blick behalten muss.

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Jury begeistert von der Lesung der 80-jährigen Helga Schubert

Es begann mit einer berührenden Mutter-Suche der 80-jährigen Helga Schubert. Sie präsentierte eine autofiktive Prosa, sanft vorgetragen, in klaren und prätentionslosen Sätzen. Die Raffinesse dieser Erzählung drängt sich nicht auf. In tieferen Sprachschichten lauert hier das Ungeheure, nur an wenigen Stellen wirkt der Text etwas bieder und klischiert. Die Jury war begeistert. Bis auf Philipp Tingler, der sich schon am Tag zuvor unbeliebt gemacht hatte, weil er ständig dazwischenredete und es nicht selten zu unverständlichen Scharmützeln kam, was insbesondere in den sozialen Medien für anhaltenden Unmut sorgt.

Die Unhöflichkeit eines Jurors aber sollte nicht von der Literatur ablenken, die heute tatsächlich beeindruckte. Vor allem Egon Christian Leitner, dessen beachtliches, aber vollkommen unbekanntes Werk irgendwo zwischen Meister Eckhart und Thomas Bernhard angesiedelt werden muss, erinnerte mit Szenen aus der traurigen Sozialstaatsrealität, dass Literatur, mag sie auch mit einem klassischen Gestus daherkommen, die Menschen und ihre Geschichten im Blick haben muss.

Radikalität von Egon Christian Leitner

Jurorin Insa Wilke lobte die Radikalität des Grazer Schriftstellers, die sich eben auch in sprachlicher Qualität ausdrückt. Gegen die literarischen Altmeister Schubert und Leitner hatte es die jüngere Konkurrenz etwas schwer. Hanna Herbst, vorab ein Geheimtipp, überzeugte mit ihrem Rückblick auf einen geliebten Toten in einigen gelungenen Formulierungen. Doch die persönliche Anredeform der zweiten Person verengte auch den Blick auf den verstorbenen Adressaten.

Nicht ganz so pointiert, aber umso elaborierter waren die Beiträge von Matthias Senkel und Levin Westermann, die sich in einer literarischen Schatzsuche bzw. einer balladenhaften Welterklärung versuchten. Die Jury schien gegen Ende erstaunlich milde. Die scharfe Kritik Tinglers hingegen konnte nachvollzogen werden. Durch den herablassenden Duktus seiner Äußerungen waren die Fronten aber längst verhärtet, sodass die Jury abermals zerstritten auseinander ging. Langeweile kann man diesen 44. Tagen der deutschsprachigen Literatur nicht vorwerfen. Die Digitalversion ist eine aufregende Realversion.

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