Literatur #dichterdran - Wenn Frauen über Autoren schreiben wie Männer über Autorinnen

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12:33 Uhr
Sender
SWR2

Wie klingt es, wenn Frauen über Autoren so schreiben, wie es Männer oft über Autorinnen tun? Das kann man jetzt auf Twitter unter #dichterdran nachlesen.

Jetzt sind mal die Dichter dran!

Mit den dunklen Augen wirkt der zierliche Franz Kafka nicht selten anämisch. Wir haben uns mit ihm über Ernährung unterhalten. Unsere Bildstrecke zeigt, wie er mit geschicktem Make-up frischer wirkt. #dichterdran

Was bei Kafka absurd klingt, ist bei vielen Autorinnen der Normalfall

Schreibt eine Userin unter dem Hashtag #dichterdran auf Twitter. Was im Fall von Kafka ziemlich absurd klingt, ist für viele Autorinnen der traurige Normalfall: Im Mittelpunkt steht nicht das, was sie schreiben, sondern wie sie aussehen, wie sie das mit den Kindern hinkriegen oder was sie gerne backen.

Die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Nadia Brügger las vor kurzem eine Kritik im „Tagesanzeiger“ über den neuen Roman „Gespräche mit Freunden“ der irischen Bestsellerautorin Sally Rooney. Und sie ärgerte sich heftig.

Denn die preisgekrönte Schriftstellerin wurde dort beschrieben als „aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen“. Außerdem gebe es in Rooneys Buch „Szenen, die von Marivaux abgeschrieben sein könnten“.

Werden die Geschlechterverhältnisse umgekehrt, wirkt es komisch

Warum muss „eine Autorin unnötig sexualisiert und ihre Leistung großväterlich geschmälert“ werden, fragte Brügger auf Twitter. Gemeinsam mit der Schriftstellerin und Journalistin Simone Meier und der Autorin und Regisseurin Güzin Kar initiierte sie #dichterdran auf Twitter.

Das Ergebnis ist ein hochkomische Umkehrung der Verhältnisse.

Wenn die Kinder in der Schule, Abwasch und Einkäufe erledigt waren und das Bügeleisen langsam erkaltete, widmete sich Heinrich Böll seinem heimlichen Hobby, dem Schreiben.

Bert Brecht ist der Inbegriff der modernen Muse. Selber kein Genie, sondern eher der fähige Buchhalter gemeinschaftlicher Kreativprozesse, sorgte er früh dafür, im Windschatten seiner Liebhaberinnen wie der grossen Helene Weigel etwas Unsterblichkeit zu erlangen. #dichterdran

Bei Autorinnen wird gerne über ihr Äußeres geschrieben, statt über ihre Texte

Die witzigen Tweets verweisen auf einen leider gar nicht komischen und noch immer weit verbreiteten Sexismus in der Literaturbranche. Klischeebeladen schreiben manche Kritiker über Autorinnen, reduzieren sie auf ihr Geschlecht, statt die Qualität ihrer Texte hervorzuheben.

Sie sehen blendend aus für Ihr Alter, Chapeau! Verraten Sie uns Ihre drei Must-Have-Körperpflege-Produkte, Frank Schätzing? #dichterdran

Natürlich sind die Tweets der überwiegend weiblichen Userinnen pointiert und überspitzt, aber sie treffen einen wahren Kern. Das Schreiben und Wirken von Frauen, so Nadia Brügger in einem Interview mit dem Onlinemagazin jetzt.de, werde immer noch nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit gesehen wie das männlicher Kollegen. Und das gilt laut Brügger nicht nur für die Literaturbranche: Auch in anderen Bereichen werden Frauen auf ihr Weiblichsein reduziert.

Der Aktion #dichterdran wünscht man jedenfalls einen langen Atem - der Literaturkritik mehr Sachlichkeit, wenn es um Autorinnen geht. Und mehr Literaturkritikerinnen.

Richard David Precht pustet sich kapriziös eine kecke Haarsträhne aus dem Gesicht, schlägt grazil die in modischen Satinshorts steckenden schlanken Beine übereinander und beginnt über sein Steckenpferd, die Philosophie, zu sprechen - ein David Garrett der Populärwissenschaft. #dichterdran

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