Literatur | Deutscher Buchpreis

SWR-Literaturkritiker Carsten Otte: Die Shortlist orientiert sich an Gegenwartsthemen, nicht an literarischer Qualität

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Carsten Otte

Die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022 enthält zu viele Romane, die von weltanschaulichen Botschaften getragen sind, aber ästhetisch enttäuschen. Immerhin gibt es auch preiswürdige Ausnahmen.

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Eine Shortlist ohne literarische Linie

Vermutlich gibt die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022 mehr oder weniger die Einzelgeschmäcker der sieben Jury-Mitglieder wieder. Denn die Qualität der ausgewählten Prosa ist auf keinen literarischen Nenner zu bringen. Eher fällt auf, dass ein Großteil der Texte von politischen und gesellschaftskritischen Botschaften getragen ist, die in einer irgendwie ambitionierten, aber unterm Strich doch simplen Sprache ausgedrückt sind. Insofern gibt die Auswahl der sechs Bücher durchaus einen aktuellen Zeitgeist wieder.

Über den nominierten Roman „Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher sagte etwa die Kritikerin Sigrid Löffler im Gespräch der SWR Bestenliste, es handele sich im Grunde gar nicht um Literatur; zu viele Phrasen, zu viele Allgemeinplätze seien dort zwischen den Buchdeckeln zu finden. Dieses harte Urteil darf in leicht abgemilderter Form auch für andere Titel der Shortlist gelten.

Das Publikum soll sich empören und in seinen Werten bestätigt sehen

Die Familien- und Geistergeschichte „Dschinns“ von Fatma Aydemir enttäuscht nach gelungenem Einstieg und präsentiert eine Reihe von eindimensional gezeichneten Figuren. Wie auch Kim de l ´ Horizons „Blutbuch“, das von Ausgrenzungserfahrungen handelt und eine Familiengeschichte als „flüchtige Hexerei“ verkauft, soll auch Aydemirs Stoff das Publikum vor allem bewegen und empören.

Klassische Fälle von Midkult würde der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler sagen, der von weltanschaulichen Stilgemeinschaften spricht, die nach dem wohligen Gefühl der Identifikation suchen.

Interessanterweise könnte auch der Shortlist-Roman „Nebenan“ von Kristine Bilkau als Werk mit banaler Botschaft missverstanden werden. Doch der feinsinnige Text, der von Einsamkeit in der unmittelbaren und sich ständig verändernden Umgebung erzählt, sperrt sich bei genauer Lektüre allzu klaren, ideologischen Zuordnungen. Er besitzt jene auch literaturhistorische Tiefe, die dem sprachlichen Mittelmaß abgeht.

Zwei Bücher der Shortlist stechen dennoch hervor

Zwei Romane auf der Shortlist stechen hervor: Zum einen Jan Faktors „Trottelfeldforschung“, ein historisch-persönliches Panorama, das vom sowjetischen Einmarsch in Prag bis zur Wendezeit in der DDR reicht. Der gewitzt-melancholische Ich-Erzähler ringt nicht nur mit stalinistischen Skurrilitäten, er nähert sich auch dem eigenen Scheitern, das er nicht zuletzt im Suizid seines Sohnes erkennt. Warum aber ein Erzähler, der sich Trottel nennt, ständig zu hochliterarischen Reflexionen mit ausgiebiger Fußnotenkultur neigt, scheint nicht nur ein Kuriosum, sondern auch ein Schwachpunkt dieser gewiss amüsanten Assoziationsketten zu sein.

Ganz der Kunst verschrieben ist Eckhart Nickels Roman „Spitzweg“, eine artifizielle Kriminal- und Liebesgeschichte, in der jugendliche Charaktere nach dem Schönen suchen und dabei sowohl mit moralischen als auch ästhetischen Defiziten konfrontiert werden. Der Autor übersetzt dabei die Motive des titelgebenden Malers in Sprache, und diese Feier des Literarischen hätte den Buchpreis allemal verdient.

Der Jury steht noch eine schwierige Entscheidung bevor

Wie aber eine Jury sich mit einer derart widersprüchlichen Liste auf ein Werk einigen kann, ist ein Rätsel, das selbst nach der Bekanntgabe des Buchpreises nicht gelöst sein wird.

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