Literatur

„Blutbuch“ von Kim de l'Horizon erhält den Deutschen Buchpreis 2022

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Klaus Rudloff
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Carsten Otte

Kim de l'Horizon erhält den Deutschen Buchpreis 2022 für den Roman „Blutbuch“.
"Mit einer enormen kreativen Energie sucht die non-binäre Erzählfigur in Kim de l’Horizons Roman „Blutbuch“ nach einer eigenen Sprache. (...) Jeder Sprachversuch, von der plastischen Szene bis zum essayartigen Memoir, entfaltet eine Dringlichkeit und literarische Innovationskraft, von der sich die Jury provozieren und begeistern ließ", so die Jury in ihrer Begründung.

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Kommentar von SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte

Die Entscheidung, Kim de l'Horizons Debütroman mit dem Deutschen Buchpreis auszuzeichnen, überrascht ein wenig, passt aber in die politisch-literarische Landschaft.

Denn mit „Blutbuch“ wird ein äußerst experimentierfreudiger, teilweise anspruchsvoller Prosatext ausgezeichnet, dessen Sprachebenen so fluide sind wie die Erzählinstanz selbst. Hier ringt ein nonbinäres Ich, das ebenfalls Kim heißt, um die nicht zuletzt sexuelle Identität, was zeitlebens mit großen Qualen verbunden war.

Das Schreiben, heißt es in dem Roman, sei „immer der Versuch, ein Zuhause zu finden, das es vielleicht schon nicht mehr gibt, das es vielleicht erst noch zu erzählen gilt“.

Was ist überhaupt alles geschehen, in den dunklen Kindertagen?

Kim muss sich von zwei Frauen abgrenzen, für die ein Zuhause vor allem aus festen Regeln und Wertvorstellungen besteht. Doch in diese Schemata kann und will Kim sich nicht einfügen. Aber was ist überhaupt damals alles geschehen, in den dunklen Kindertagen?

Kim de l'Horizon gewinnt den Deutschen Buchpreis 2022 für den Roman „Blutbuch“ (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Arne Dedert)
Kim de l'Horizon gewinnt den Deutschen Buchpreis 2022 für den Roman „Blutbuch“ picture alliance/dpa | Arne Dedert

Rückblickend muss diese Zeit also noch einmal befragt werden, vor allem die Rollen von Mutter und Großmutter, die in „Blutbuch“ durchweg „Meer“ und „Großmeer“ genannt werden. Stürme auf psychisch hoher See prägen dann auch das Innenleben des Protagonisten.

Neben dem Wasser gibt es in Kim de l'Horizons sprachspielerischer Selbsterkundung zahlreiche Naturmetaphern. Pflanzen können in diesem Werk sprechen, weil die Menschen viel zu oft schweigen. Im Garten der Großmeer steht eine Blutbuche, die symbolhaft auch für das tränenreiche Leben der Hauptfigur steht.

Im Lebenslauf steht: „Geboren 2666 auf Gethen“ und „Studium der Hexerei“

Es handelt sich gewiss um einen autofiktionalen Text, wobei schon der Lebenslauf von Kim de l'Horizon auf dem Buchumschlag einige Rätsel aufgibt. „Geboren 2666 auf Gethen“, steht da geschrieben, und vom Studium der Hexerei ist die Rede – was direkt in den Text verweist:

Die „Meer“ jedenfalls mutiert darin regelmäßig zur Eishexe. Emotionale Kälte prägt ohnehin die Familie, die auch unter dem abwesenden Vater zu leiden hat.

Kim de l‘Horizons „Blutbuch“ rührt und verstört durch eine Erzählweise, die auch sprachliche Grenzen zu überschreiten versucht. So wird man mit drastischen Analsex-Szenen konfrontiert, die sich zuweilen lesen, als sollten sie vor allem eines: provozieren.

Das Politplakative und Bekenntnishafte der Prosa überzeugen in ästhetischer Hinsicht nicht immer

Andere Passagen wirken im ausgestellt umgangssprachlichen Stil erstaunlich banal. Auch das Politplakative und Bekenntnishafte der Prosa überzeugen in ästhetischer Hinsicht nicht immer – insofern stellt sich durchaus die Frage, ob „Blutbuch“ der beste Roman des Jahres ist.

Doch der wird mit dem Deutschen Buchpreis ohnehin nicht ausgezeichnet, denn laut Statuten geht es – ohne eine nähere qualitative Bestimmung – lediglich um den „Roman des Jahres“. Den bietet Kim de l'Horizon mit einem abenteuerlichen Lektüreangebot, das manchmal allzu deutlich mit Konventionen bricht und gerade damit das öffentliche Gespräch über Geschlechterübergänge kongenial bedient.

Kim de l'Horizon versteht den Preis auch als „ein Zeichen gegen den Hass und für die Liebe“

Das Performative dieser Literatur zeigte sich auch, als Kim de l'Horizon sich während der Dankesrede den Schädel rasierte und nach einer kurzen Gesangseinlage tränenreich-pathetisch erklärte: Dieser Preis sei auch „ein Zeichen gegen den Hass und für die Liebe“. Wer will da schon widersprechen?

Kathrin Hondl über den Roman „Blutbuch“ von Kim de l'Horizon

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Antje Rávik Strubel erhält den Deutschen Buchpreis 2021 für ihren Roman „Blaue Frau“. „Mit existenzieller Wucht und poetischer Präzision schildert Antje Rávik Strubel die Flucht einer jungen Frau vor ihren Erinnerungen an eine Vergewaltigung. Schicht um Schicht legt der aufwühlende Roman das Geschehene frei“, heißt es in der Jury-Begründung.  mehr...

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Das Feuilleton befasst sich am zweiten Morgen in Folge ausführlich mit Kim de l’horizon, dem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Debütroman „Blutbuch“ und der Kopfrasur auf offener Bühne. Es kursiert der Verdacht, der Preis sei diesmal für Queerness und Identitätspolitik verliehen worden und so ideologisch aufgeladen gewesen. Dem widersprechen Teile des Feuilletons. Andere wiederum entlarven sich, ihr Unwissen oder ihre Unbeholfenheit, wenn es um nicht-binäre Menschen geht.  mehr...

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Julian Burrmeister kommentiert.  mehr...

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Buchkritik Fatma Aydemir - Dschinns

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Rezension von Carsten Otte.
Hanser Verlag, 368 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-446-26914-9  mehr...

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Platz 2 (50 Punkte) Kristine Bilkau: Nebenan

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Literatur Berührend und klug: „Lügen über meine Mutter" von Daniela Dröscher

Wie schreibt man über das Gewicht eines nahen Menschen? Das gehört vielleicht zu den wenigen Tabus in unserer Gesellschaft. Die Schriftstellerin Daniela Dröscher tut genau das in ihrem neuen Roman: „Lügen über meine Mutter“.
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Vom Segen und Fluch, ein Trottel zu sein - Jan Faktor schreibt einen autobiographischen Schelmenroman, der von Aufbruch, Umbruch und Abbruch in Prag und Ost-Berlin erzählt. Und mit überbordendem Sprachwitz das sehr ernste Thema des Suizids umspielt. Der Roman "Trottel" wurde bereits mit dem renommierten Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet und ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.  mehr...

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Buchvorstellung „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis:

Die Jürgen-Ponto-Stiftung hat das Buch bereits ausgezeichnet – als einen „Blitzschlag“. Nun ist Kim de l’Horizons Roman „Blutbuch“ auch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Elf Jahre hat Kim de l’Horizon an diesem autofiktionalen Debütroman geschrieben und darin zu einer „écriture fluide“ gefunden – einer „flüssigen Schreibweise“, in der sich die non-binäre Erzählerperson des Romans der eigenen Existenz annähert.  mehr...

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Buchkritik Eckhart Nickel – Spitzweg

Eine amouröse Dreiecksgeschichte, die in einer Rachefantasie mündet, und ein Kunstdiebstahl, der zum Nachdenken über die Macht der Bilder anregt. Der Roman „Spitzweg“ von Eckhart Nickel beschäftigt sich auf so artifizielle wie unterhaltsame Weise mit der Frage, was uns vergangene Kunstwelten heute noch erzählen können.
Eckhart Nickel - Spitzweg
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ISBN 978- 3- 492- 07143-7
Rezension von Carsten Otte  mehr...

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Literatur Zum Abschluss der 74. Frankfurter Buchmesse

Die Frankfurter Buchmesse kann mit diesem Neustart – nach einer digitalen und einer deutlich begrenzten Ausgabe – eine durchweg positive Bilanz ziehen. Die Friedenspreisrede des ukrainischen Musikers und Schriftstellers Serhij Zhadan war der Höhepunkt der 74. Frankfurter Buchmesse. Und sie war das Gegenteil von dem, was gemeinhin eine Sonntagsrede genannt wird. Die Ansprache war vielmehr eine politisch-literarische Analyse, die mit konkreten Beispielen aufzeigte, wie der Krieg die Sprache verändert, das Sprechen im Alltag genauso wie die literarischen Kunstformen.  mehr...

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Klaus Rudloff
AUTOR/IN
Carsten Otte