Sasa Stanišić erhält am 14.10.2019 den Deutschen Buchpreis 2019 für "Herkunft" (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Andreas Arnold/dpa)

Deutscher Buchpreis Saša Stanišić gewinnt mit „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis

Der Autor Saša Stanišić hat für seinen Roman „Herkunft“ am 14. Oktober in Frankfurt den Deutschen Buchpreis 2019 erhalten.

In seiner äußerst persönlichen Dankesrede kritisierte der im bosnischen Visegrad geborene Stanišić ausdrücklich die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke. Handke hatte in den Jugoslawienkriegen eine allgemein heftig kritisierte proserbische Position eingenommen.

Und in seinem Schlusssatz wünschte der an einer Schilddrüsenentzündung erkrankte Stanišić dem Publikum, sich nicht anstecken zu lassen, „außer von guter, verkäuflicher und unverkäuflicher Literatur", eine Anspielung auf die Kontroverse, die durch Äußerungen des Jury-Mitglieds Petra Hartlieb ausgelöst worden war.

Aus der Begründung der Jury

Mit viel Witz setzt er den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen. „Herkunft“ zeichnet das Bild einer Gegenwart, die sich immer wieder neu erzählt.

Ein „Selbstporträt mit Ahnen“ wird so zum Roman eines Europas der Lebenswege.

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Die offene Prosa von Saša Stanišić ist hochmodern, meint SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte. Ein Kommentar:

Fiktion als offenes System – Kommentar zum Deutschen Buchpreis 2019 von SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte

Nachdem sowohl auf der Long- als auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises erstaunlich viele Titel standen, die nicht preiswürdig waren, können sich nun alle über den Buchpreisgewinner Saša Stanišić freuen: Der Handel genauso wie das Publikum, die Literaturkritik und nicht zuletzt der Börsenverein als Preisstifter.

„Herkunft“ ist eines der wichtigsten und besten Bücher des Jahres

„Herkunft“ ist tatsächlich eines der wichtigsten und besten Bücher des Jahres. Im Grunde handelt es sich nicht um einen Roman, aber weil die Kriterien beim Deutschen Buchpreis ohnehin nicht ganz eindeutig sind, spielt dieser Einwand keine Rolle.

Stanišić nennt seinen Text ein „Selbstportrait mit Ahnen“

Der Autor selbst beschreibt seine Fiktion als „offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt.“ Und ein solch offenes System ist „Herkunft“ auf vielen Ebenen, inhaltlich wie sprachlich.

Stanišić nennt seinen Text ein „Selbstportrait mit Ahnen“, und so beginnt er bei seiner Geburt am 7. März 1978 in einem kleinen bosnischen Dorf namens Višegrad, es geht um den Zerfall des ehemaligen Jugoslawien, um Krieg und schlimme Verbrechen, um Vertreibung, dem Ankommen Anfang der neunziger Jahre in Deutschland, schließlich den mühsamen Weg zum Autor.

Stanišić wechselt ständig die Tonlage: ernst, komisch, bitterböse

Stanišić wechselt ständig die Tonlage. Mal ist er ernst, dann wieder komisch, mal bitterböse und zwischendurch sogar verträumt. So entsteht ein vieldimensionales Textgeflecht mit Sätzen, die man gerne zitieren möchte, weil sie auf so federleichte Weise Klischeeballons zerplatzen lassen.

Ich schrieb der Ausländerbehörde: Ich bin Jugo und habe in Deutschland trotzdem nie was geklaut außer ein paar Bücher auf der Frankfurter Buchmesse.

Saša Stanišić: „Herkunft“

Nationale Identitäten verwandeln sich in „Zugehörigkeitskitsch“

Wie zufällig Herkunft ist und wie schnell kulturelle und nationale Identitäten sich in „Zugehörigkeitskitsch“ verwandeln, wie es aber dennoch eine Sehnsucht gibt zu den Orten und Menschen der eigenen Vergangenheit – davon erzählt diese kluge und feinsinnige Prosa.

Wo er herkomme, wurde Saša Stanišić immer wieder gefragt. Und er hat wohl nicht selten mit einem Witz geantwortet, denn „zuerst müsse geklärt werden, worauf das Woher ziele. Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem der Kreißsaal sich befand?“ Für Stanišić ist Herkunft ein „Konstrukt“, eine „Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist.“

Stanišić hält uns Deutschen den Spiegel vor

Indem Stanišić so radikal über sich schreibt, hält er auch uns Deutschen den Spiegel vor die Nase. Wie wir das ohnehin schon schwere Leben von Migranten mit Formularen und aberwitzigen Rechtsnormen noch komplizierter machen, wie wir suburbane Unorte entstehen lassen, wie jenes „Gewerbegebiet zwischen den Städten Wiesloch und Walldorf“, in dem dann Kriegsflüchtlinge untergebracht werden, die sich nicht mal wundern dürfen, dass sie von „Fabrikschloten, Betriebshallen und Autodealern“ umzingelt sind – das ist alles so erschreckend wie treffend beschrieben. 

Deutscher Buchpreis an Stanišić – Literaturnobelpreis an Handke

Die Vergabe des Deutschen Buchpreises an Saša Stanišić kann auch als Antwort auf den Nobelpreis an Peter Handke verstanden werden. Buchpreisgewinner Stanišić zetert im Kurznachrichtendienst Twitter seit Tagen gegen Handke und dessen Lobpreisungen auf serbische Kriegstreiber wie Slobodan Milošević.

Diese Wutanfälle im sozialen Netzwerk sind in gewisser Weise kleine Fortsetzungen von „Herkunft“. Sie zeigen auf jeden Fall, dass die Geschichte, die Stanišić in seinem preisgekrönten Werk erzählt, keineswegs abgeschlossen ist. Auch und gerade die offene Anlage dieser Nachdenkprosa, deren Autoren-Ich sich immer wieder zur Disposition stellt, macht die Qualität des nun ausgezeichneten Buches aus.

Deutscher Buchpreis 2019 – das waren die Bücher auf der Shortlist

Das sind die Nominierten für den Deutschen Buchpreis 2019

Raphaela Edelbauer ist für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, APA/Helmut Fohringer/Klett-Cotta)
Gleich drei Erstlinge haben es in die engere Auswahl geschafft: Raphaela Edelbauer erzählt in „Das flüssige Land“ von einem mysteriösen Loch, in dem nicht nur ein Dorf, sondern auch die düstere NS-Vergangenheit zu verschwinden droht. Das Buch ist eine Variation des klassischen Anti-Heimatromans aus Österreich, mit allen Stärken und Schwächen. APA/Helmut Fohringer/Klett-Cotta Bild in Detailansicht öffnen
Tonio Schachingers Fußball-Affären-Roman „Nicht wie ihr“ sei rotzig und lustig, aber nicht zuletzt in dramaturgischer Hinsicht etwas begrenzt, findet SWR2-Literaturkritiker Carsten Otte. APA/Hans Punz/Kremayr & Scheriau Bild in Detailansicht öffnen
Miku Sophie Kühmel erinnert mit ihrem Roman „Kintsugi“ an ein altes japanisches Handwerk: zerbrochenes Porzellan mit Gold wieder zusammenzufügen. Die Kunst stehe sinnbildlich für das Plädoyer der Autorin, möglichst entspannt mit der Fehlbarkeit in der Liebe umzugehen. „Das ist ambitioniert, doch zuweilen etwas durchschaubar“, sagt Carsten Otte. Andreas Labes | S. Fischer Verlag Bild in Detailansicht öffnen
Saša Stanišić hat mit „Herkunft“ eher eine autobiographische Recherche als einen Roman vorgelegt, die sich mit den Zufällen im Leben beschäftigt und der Frage, woher man kommt und wohin man geht: eine persönliche Vergangenheitsbewältigung, die sowohl auf inhaltlicher als auch auf sprachlicher Ebene überzeugt. Jan Woitas/Luchterhand Bild in Detailansicht öffnen
„Brüder“ ist Jackie Thomaes zweites Prosawerk. Es geht um zwei Halbbrüder aus der ehemaligen DDR, die mit einem abwesenden Vater aus dem Senegal und der Frage zu kämpfen haben, welche Rolle die eigene Hautfarbe für ihr Schicksal spielt. Thomae vermenge eine Vielzahl von Themen und Perspektiven, versäume es aber, ein überzeugendes Gesamtwerk zu schaffen, findet Carsten Otte. Gert Eggenberger/Hanser Verlag Bild in Detailansicht öffnen
Für SWR2-Literaturkritiker Carsten Otte ist Norbert Scheuers Roman der Favorit auf der Liste. „Winterbienen“ ist eine intensive und spannende Geschichte über einen ehemaligen Lehrer, der im Januar 1944 Juden in präparierten Bienenstöcken über die Grenze nach Belgien schmuggelt. „Ein starker Roman, mit großer Stilsicherheit erzählt und mit einem guten Gespür für Figuren und historische Ausweglosigkeiten“. Fritz Peter Linden/C.H. Beck Bild in Detailansicht öffnen
AutorInTitelVerlag
Raphaela EdelbauerDas flüssige LandKlett-Cotta
Miku Sophie KühmelKintsugiS. Fischer
Tonio SchachingerNicht wie ihrKremayr & Scheriau
Norbert ScheuerWinterbienenC. H. Beck
Saša StanišićHerkunftLuchterhand
Jackie ThomaeBrüderHanser Berlin

Viele Debüts, wenig Überzeugendes – Kommentar von SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte zur Shortlist Deutscher Buchpreis 2019:

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12:33 Uhr
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SWR2

Ist der Deutsche Buchpreis eine Mogelpackung?

Soll mit dem Deutschen Buchpreis herausragende Literatur ausgezeichnet werden oder ein gut lesbares und gut verkäufliches Buch? Diese Frage stellt sich nach Äußerungen der Buchhändlerin Petra Hartlieb, Mitglied der Jury für den Deutschen Buchpreis, jetzt besonders deutlich.

Wenn es nämlich darauf hinausläuft, dass wir nur Handlanger des Buchhandels sind, indem wir über den Buchpreis auch berichten, dann habe ich als Literaturkritiker wenig damit zu schaffen.

SWR2 Literaturkritiker Carsten Otte
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18:40 Uhr
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SWR2

Rückblick Deutscher Buchpreis 2018: Inger-Maria Mahlke gewinnt mit „Archipel“

Rückblick Deutscher Buchpreis 2018: Inger-Maria Mahlke gewinnt mit „Archipel“

Den Deutschen Buchpreis für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres 2018 gewann Inger-Maria Mahlke für ihren Roman „Archipel“. Der Preis wurde am 8. Oktober 2018 im Frankfurter Römer verliehen.

SWR2 Literaturchef Frank Hertweck stellt die Gewinner des Deutschen Buchpreises von 2005 bis 2017 vor

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