Literatur

Der Passagier von Cormac McCarthy - Wie in einer Traumlandschaft

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AUTOR/IN
Frank Hertweck

Robert Western, ein hochintelligenter Physiker, arbeitet jetzt als professioneller Taucher und nicht von ungefähr beginnt der Roman „ Der Passagier“ von Cormac McCarthy in einer Welt unter Wasser, nämlich beim Versuch ein abgestürztes Flugzeug zu bergen. Das ist nicht alles, denn noch eine Parallelgeschichte wird erzählt, in einer Psychiatrie, in der Realität und Halluzination miteinander verschmelzen. Die Unterscheidung zwischen Leben und Tod spielt im Roman gar keine Rolle mehr, man spricht mit Verstorbenen genauso wie mit Lebenden: Man bewegt sich wie in einer Traumlandschaft.

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„Der Passagier“ von Cormac McCarthy: Krimi, Dialogroman, Kammerspiel, philosophisches Traktat

Ein Krimi, aber irgendwie doch keiner, ein Thriller, der nicht auserzählt wird, ein Dialogroman, der zu viele Beschreibungen enthält, fast ein Drehbuch für einen Film des Schweigens, so genau werden die Details und Gesten aufgelistet, aber dann doch ein beredtes Kammerspiel, in dem mal die Abgründe des Menschseins, mal physikalische Theorien verhandelt werden.

Der Held, Robert Western: hochintelligenter Physiker ohne abgeschlossenes Studium, früher Autorennfahrer, jetzt professioneller Taucher

Dies alles bietet der neue Roman von Cormac McCarthy, ohne sich wirklich zu entscheiden. Darum ein typisches Alterswerk, könnte man sagen. Und genauso typisch ist sein Held, Robert Western, einer, der nicht dazu gehört, hochintelligenter Physiker, der sein Studium nicht abgeschlossen hat, früher Autorennfahrer.  Er arbeitet jetzt als professioneller Taucher und nicht von ungefähr beginnt der Roman in einer Welt unter Wasser, nämlich beim Versuch ein abgestürztes Flugzeug zu bergen.

Man findet neun Tote, aber eine Person scheint laut Passagierliste zu fehlen. Western macht sich auf, einen möglichen Aufenthaltsort des Verschwundenen zu recherchieren. Dann stirbt der Tauchkumpan unter mysteriösen Umständen. Western selbst wird regelmäßig beobachtet, ja, verfolgt und schließlich versucht die Steuerbehörde, ihm finanziell den Hahn abzudrehen.

Die Orte der Handlung: abgewrackte Motels, riesige Ölraffinerien in der Wüste, Highways

Aber so wenig Western sich damit aufhält, so wenig kümmert sich sein Autor darum, den Krimi-Teil irgendwie in der Balance zu halten. Western flüchtet, aber nicht konsequent. Flucht ist eher eine Haltung. Er trifft weiter die Freunde aus seiner Clique, meistens Männer, ebenfalls hochbegabte, die schnell man die Geschichte der String-Theorie nacherzählen, Frauen, die gerne irgendwo bedienen und mit denen man spricht, wie man es in vielen amerikanischen Filmen schon gehört hat, wenn der Tresen Mann und Frau trennt.

McCarthy interessiert sich nicht für das urbane Leben, die Zivilisation, obwohl die örtlichen Angaben immer präzise sind. Seine Figuren bewegen sich an den Rändern. Man könnte sagen, an den Orten, an denen Natur und Mensch aufeinandertreffen, an denen noch nichts entschieden ist im Ringen zwischen Zerstörung und Erhalt.  Abgewrackte Motels, riesige Ölraffinerien in der Wüste, Industrieanlagen mitten im leeren Land, Straßen natürlich, Highways.

Das Ende der Welt liegt überall. Der Roman spielt im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, doch zugleich in einem zeitlichen Nirgendwo. Die Apokalypse in kleinen Dosen hat längst die Chronologie zerstört.

Es gibt noch eine Parallelgeschichte, die um Roberts Schwester Alicia kreist

Aber es gibt noch eine Parallelgeschichte. Bob hatte eine Schwester, Alicia, die er leidenschaftlich liebt, ob auch inzestuös, ist nicht ganz klar, viel begabter als er, ein Genie, wunderschön. Sie leidet unter Schizophrenie und befindet sich in einer Psychiatrie mit Namen Stella Maris. Wir erleben sie im Gespräch mit ihren Fantasien, eine wilde, groteske Zirkusgruppe, die einem Batman-Film entlaufen sein könnte.

Dies sind die aufregendsten Passagen des Romans, rührend, herzzerreißend, klug. Wir erfahren: das Mädchen hat sich umgebracht. Aber weil die Halluzinationen in ihrer Wirkung genauso real sind wie die Realität, spielt die Unterscheidung zwischen Leben und Tod im Roman gar keine Rolle mehr, man spricht mit Verstorbenen genauso wie mit Lebenden. Man bewegt sich im Roman wie in einer Traumlandschaft

Roberts Vater war an der Entwicklung der Atombombe beteiligt

Über der Familie der Westerns scheint ein Fluch zu liegen, der Vater war ebenfalls ein hochbegabter Physiker, Mitarbeiter bei der Entwicklung der Atombombe und unmittelbarer Beobachter beim Zünden der Trinity, wie der Spiritus rector Robert Oppenheimer den Versuch getauft hatte, eine zerstörerische Dreifaltigkeit.

Die Eltern sterben an Krebs. Nur Robert versucht sich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Verhängnis heraus zu lavieren. Letztlich ist das die Geschichte des Romans. Der Passagier, das ist er selbst.

Über Ökonomie und Plot ist McCarthy längst hinweg, eher geht es um die großen Fragen

Vieles ist typisch McCarthy, das düstere, bedrohliche Setting, die wortkargen Dialoge, kombiniert mit ausufernden, nicht enden wollenden Monologen. Ökonomie und Plot, darüber ist McCarthy längst hinweg. Eher geht es um die großen Fragen, darum, was Mathematik über die Welt sagt, wenn sie denn nicht selbst eine eigene ist.

Im Roman stehen dafür die Geschwister, Alicia, die geniale Mathematikerin, Robert, der Physiker. Dann wie physikalische Theorien an die Wirklichkeit angedockt sind und schließlich, wie sich Literatur als ein anderes Zeichenmodell zur Welt verhält. Wer weiß wirklich was vom Leben da draußen?

Demnächst erscheint der Parallelroman Stella Maris, erzählt aus der Perspektive der Schwester

Cormac McCarthys neuer Roman ist vielleicht nicht der beste Einstieg in seinen Erzählkosmos, weil wir viele Puzzlesteine zu lesen bekommen, die noch nicht recht zusammenpassen. Im Dezember wird der Parallelroman zu diesem veröffentlicht. Stella Maris, erzählt aus der Perspektive der Schwester, die - lebt. Vielleicht fügt sich die Romanwelt dann zusammen.

Hörbuch Fulminantes Finale: Christian Brückner liest „Der Passagier“ von Cormac McCarthy

Er las, sie saß in der Regie: In 22 Jahren haben Waltraud und Christian Brückner für ihr Label „Parlando“ rund 200 Hörbücher produziert. Handverlesen, zeitgenössische Romane mit literarisch hohem Anspruch und Klassiker. Nun erscheinen die letzten „Parlando“-Produktionen, zwei Romane von Cormac McCarthy. Den Anfang macht „Der Passagier“. Dieser fehlende Passagier aus einem untergegangenen Flugzeug, das der Bergungstaucher Bobby Western untersucht, spielt allerdings nur eine Nebenrolle. Hier wird ein großes, amerikanisches Panorama gemalt und Christian Brückner zeigt noch einmal die ganze Bandbreite seiner Sprechkunst. Fans trösten sich mit dem Gedanken: Es kommt ja noch Band 2, „Stella Maris“.

SWR2 am Samstagnachmittag SWR2

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